18
Jul
2010

Ich fliege

In letzter Zeit wurde hier viel über Grenzen diskutiert - und dass es manchmal besser ist, sie nicht zu überschreiten. Doch bald tue ich genau das Gegenteil: Ich verreise ins Ausland. Ich fliege sogar: Herr T. und ich verbringen ab Dienstag ein paar Tage nach London. Für Durchschnitts-Europäer ist das ja alles andere als ungewöhnlich. Aber Ihr wisst ja: Nach dieser Hörsturz-Geschichte vom letzten Herbst ist eine solche Reise für Frau Frogg etwas Bemerkenswertes.

Frau Frogg erklimmt sogar den Gipfel der sommerlichen Sorglosigkeit und wirft ihre finanziellen Bedenken in den Wind. Dem Schweizer Franken droht wegen der Euro-Krise sowieso eine Inflation. Also ist es klug, Geld für eine Traumreise zu verscherbeln, bevor es einem in den Fingern zerrinnt.

Den Entscheid für diese Reise mitbeeinflusst hat sicher der Umstand, dass ein Aufenthalt in London für mich seit eh und je eine Art Kurcharakter gehabt hat. Ich habe mich immer wohl gefühlt in dieser Stadt. In jungen Jahren habe ich viel Zeit dort verbracht. In den achtziger Jahren und neunziger Jahren schien sie mir hauptsächlich von linken Öko-Freaks bewohnt. Auch wimmelte es dort von liebenswerten, aber etwas ineffizienten Intellektuellen. Und ich erinnere mich noch gut an meine letzte Ankunft in London vor drei Jahren: Wir fuhren vom City Airport mit der Light Railway Richtung Westen. Morgenlicht streichelte die Spitzen der Hochhäuser am Canary Wharf, ich roch den Geruch von London: Russ und die Polster der Dockland Light Railway. Ich hörte englische Durchsagen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, mehr Luft zum Atmen zu haben als zu Hause im Alpenland.

Letzteres ist eine touristische Illusion. Das Vereinigte Königreich ist im letzten Jahrzehnt ein hartes Land geworden. Der Typ des bulligen Sous-Chef mit anrasierter Glatze dominiert das Strassenbild. Er ist roh, rücksichtslos und gierig. Falls er intelligent ist, ist er zynisch. Eins aber ist er sicher: versoffen. Robbie Williams verkörpert für mich den Idealtyp des Briten der Nuller Jahre. Er wirkt facettenreich und ironisch, ein Chamäleon. Aber ich kann mich des Verdachtes nicht erwehren, dass es bei dieser Figur letztlich nur um Koks und Kohle geht. Ich habe den Kerl nie gemocht.

Für mich ist das hier die Hymne der britischen Nuller Jahre:



Die hat einen Zynismus, der mir gefällt. Der Typ im Song präsentiert sich als stolzes Stehaufmännchen: Die Zeile "I get knocked down, but I get up again" wird gefühlte drei Dutzend Mal wiederholt. Aber wahrscheinlich fällt er nur wegen seines immensen Alkoholkonsums überhaupt so oft auf die Schnauze: "He drinks a whisky drink / he drinks a wodka drink / he drinks a lager drink / he drinks a cyder drink, und so weiter". Und im Grunde sind seine besten Zeiten längst vorbei: "He sings a song that remind him of the good times / he sings a song that remind him of the better times." Kurz: Er ist eine traurige Gestalt.

Höchste Zeit, London an einer neuen Grenze zu erleben: Beim Schritt in ein neues Jahrzehnt!
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