30
Dez
2018

Jetzt mal ganz ehrlich!

"Auf was freut ihr euch 2019?" fragte heute Morgen auf Twitter munter @RolliFräuleinelfe. Die Frage machte mich fassungslos. Sie empörte mich geradezu. Ich blickte um mich und sah, was ich eh schon wusste: Jeden verdammten Morgen wache ich auf und finde mich auf einer verdammt kleinen Insel mitten in einem verdammten Meer von Freudlosigkeit. Immer fällt mir nach und nach ein:
  • Vielleicht verliere ich 2019 meinen Job. In unserem Konzern werden Stellen abgebaut, 200 an der Zahl, das ist jede zehnte. Warum sollte es diesmal nicht mich erwischen? Ich bin über 50, und meine Abteilung war auch schon produktiver. Und selbst wenn es nicht mich erwischt, dann erwischt es jemand anderen, das Betriebsklima ist jetzt schon im Arsch. Darf ich vor all dem, was da kommt, vielleicht ein bisschen Angst haben?! Oder muss ich mich jetzt tatsächlich auf 2019 auch noch freuen?!
  • 2019 ziehen wir um. Ja, wirklich, wir haben eine neue Bleibe gefunden, urbanes Wohnen, gerade noch zahlbar (wenn ich meinen Job behalten kann). Alle sagen mir, wie toll das ist. Aber, ganz ehrlich: Mir stinkt die Zügelei und dass sie uns hier rausschmeissen, weil sie das ganze Quartier abreissen wollen.
  • Mein letzter Hörtest war so schlecht, dass mein Ohrenarzt sie Stirn runzelte und sagte: "So wie es aussieht, machen wir Ihnen rechts gar kein neues Hörgerät, sondern wohl bald ein Cochlea-Implantat." Ich lächle tapfer und sage: "Ja, fein, dann höre ich endlich wieder besser! Ist es nicht grossartig, was die moderne Medizin so alles kann?!" Was ich sonst noch fühle? Ich will es gar nicht so genau wissen.
  • Andreaszwei ist zwar wieder zu Hause, aber für ihn ist nichts mehr, wie es war. Er braucht viel Hilfe und Geduld.
  • Meine Freundin Monika ist ganz tot, dahingerafft von einem Hirntumor. Hier geht's zum Nachruf.
  • Mein Evchen (acht Monate alt) zieht weg, in eine andere Stadt. Ich werde es wohl nur noch selten sehen.
Und dann verlangt auch noch jemand von mir, dass ich mich auf 2019 freue! Nein, das mache ich nicht! Ich verweigere die obligatorische Vorfreude und lasse meiner Wut etwas Raum. Die kleinen Freuden werden sich schon noch einstellen.

9
Sep
2018

Hoffnung

Es war an einem ganz gewöhnlichen Freitag, am 24. August. Als ich nach der Arbeit nach Hause kam, kam Herr T. aus seinem Büro. Das tut er sonst nie. Er bleibt sonst immer im Büro sitzen, ich stelle mich in den Türrahmen und wir reden. Aber diesmal kam er eigens heraus, und er sagte: "Du, Lena Wechsler hat angerufen. Es ist etwas Schlimmes passiert."

Es klang merkwürdig sachlich. Aber wenn jemand hierzulande sagt: "Es ist etwas Schlimmes passiert", dann muss man sich auf Tote oder Schwerverletzte gefasst machen.

Lena ruft mich sonst nie an. Wenn sie es tut, dann kann es nur wegen Andreaszwei sein. Andreaszwei ist ihr Ex und mein geliebter Spaziergängerkumpel, seit vielen Jahren. Es gibt nicht viele Menschen, die mir vertrauter sind. Es ist ein merkwürdiger Moment. Ich stehe neben mir und kann mir dabei zuschauen, wie ich warte, bis Herr T. den Hammer niedersausen lässt: "Andreaszwei hat einen schweren Herzinfarkt gehabt. Er liegt im Kantonsspital. Er lebt, aber sie mussten ihn lange reanimieren. Sie wissen nicht, ob er überlebt - und die Chance, dass er je wieder ein normales Leben führen wird, ist sehr klein."

Ich war müde und hungrig, und ich sagte: "Ich muss erst einmal etwas essen."

Aber schon beim zweitletzten letzten Bissen begannen die Tränen zu rollen. Ich rechnete nach. Ich kenne ihn seit 1994. Seit 24 Jahren. Noch am 11. August waren wir zusammen unterwegs gewesen, ein leichter Spaziergang im Eigenthal. Zu leicht für unsere Verhältnisse, auf seinen Wunsch. Eigentlich ahnte ich, dass etwas nicht stimmte. Aber er sagte, er habe bloss Rückenschmerzen. "Geh zum Arzt", sagte ich noch, bevor er bei der Kantonalbank aus dem Bus stieg. Aber wer rechnet damit, dass einer gleich einen Herzinfarkt macht? Er ist ja noch nicht mal 60.

In der ersten Woche weinte ich viel. Ich ging in die Kirche und zündete Kerzchen an und betete. "Leb!" sagte ich in Gedanken zu ihm.

Er lebt. Vor einer Woche kam er zu sich. Alle sprachen von einem Wunder. Als ich ihn am letzten Dienstag auf der Intensivstation besuchte, war er fast schon sein altes Selbst. Er hing an einem Dutzend Drähten und Schläuchen und konnte kaum sprechen. Aber er lächelte, als ich sagte, ich wolle bald wieder mit ihm spazieren gehen.

Seither hat es Rückschläge gegeben. Er hat furchtbare Schmerzen. Aber ich sage gewiss alle zwei Stunden in Gedanken zu ihm: "Leb Andreas. Leb."

13
Mai
2018

Danke, twoday!

Gleich vorweg: Dies ist mein letzter Beitrag für twoday.net. Ich schreibe ab sofort neu nur noch auf

www.froggblog.ch

Am 31. Mai ist hier sowieso Schluss. Ich sage den paar Lesern, die mir hier geblieben sind, danke für alle Kommentare. Ihr habt mich meistens gefreut, oft getröstet, selten geärgert - und immer inspiriert. Am meisten jene, die mich manchmal geärgert haben. Diejenigen unter Euch, die weiter bloggen, werde ich weiter lesen.

Es in letzter Zeit viel über twoday gelästert worden - weil der Host sich und uns aufgibt, eigentlich schon lange aufgegeben hat. Aber ich finde, es ist an der Zeit, Euch Leuten von twoday auch mal danke zu sagen. Mich für meinen Teil habt ihr lange Jahre zu einer sehr glücklichen Bloggerin gemacht. Wie glücklich weiss ich erst, seit ich mich mit den unendlichen Komplexitäten von Wordpress herumschlage. Twoday war auch für einen Nicht-Nerd wie mich einfach zu handhaben. Ich konnte mich aufs Schreiben und auf die Community konzentrieren statt aufs Dashboard.

Und die Community, sie war schlicht grossartig. Witzig, charmant, intelligent, im ganzen deutschen Sprachraum weit verzweigt. Ihr habt mir Diskussionen und Blogger-Treffen beschert, an die ich mit grossem Vergnügen zurückdenke. Das schönste war mein Geburtstag vor drei Jahren, dessen Höhepunkt eine Lesung der Toll3sten Weiber aus Wien war, die sich - und mich - auf twoday kennen gelernt haben. Mit dem steppenhund hatte ich einen weiteren Gast aus Twoday-Wien, der meinen Freunden aus meinem Städtchen nur schon mit seinem T-Shirt einen Hauch grosse Welt mitbrachte.

Den Hauch grosse Welt - ich werde ihn woanders suchen müssen. Ich verspreche Euch, dass ich versuchen werde, weiter zu bloggen. Möglichst oft. Und hoffe, Euch dort wieder zu treffen.

Euch allen alles Gute. Mit zwei weinenden Augen und herzlichen Grüssen

Frau Frogg

28
Mrz
2018

Die bittere Wahrheit

Meine letzten Beiträge haben es ja bereits erahnen lassen: Mein Gehör hat sich nochmals verschlechtert. Vor drei Wochen ging ich zur Hörgeräte-Akustikerin. Sie machte ein Audiogramm - und tatsächlich: Der Hörverlust betrug 60 Prozent auf dem linken Ohr. Sieben Jahre lang ist das linke Ohr mein besseres Ohr gewesen, der Hörverlust hatte lediglich 40 Prozent betragen, das reichte zum Telefonieren. Aber Telefonieren ist schwierig geworden. Auch mit neu angepasstem Hörgeräten und den tollen Headsets im Büro. Rechts höre ich zwar Lärm recht gut, aber so etwas wie Sprachverständnis habe ich nur noch an guten Tagen.

Das Ausmass der Katastrophe auf einem Audiogramm zu sehen, stresste mich dermassen, dass ich links einen weiteren Hörsturz hatte. Als ich eine Woche später zum Ohrenarzt ging, mass er schon 70 Prozent Hörverlust auf dem linken Ohr. Er verschrieb Cortison, Betahistin und Stugeron. Es hat genützt, aber nur ein bisschen.

Deshalb habe ich hier so lange nichts mehr geschrieben. Ich war geschockt. Das ist alles. Aber ich schreibe wieder. Wir machen Fortschritte.

4
Mrz
2018

Regeln für den Totalausfall

Vor einer Woche konnte ich im Buchladen noch halbfertige Gespräche führen. Seither hat sich mein Gehör nochmals verschlechtert. Das ist an sich normal bei einer Menière-Erkrankung. Es kann schnell bergab gehen. Unangenehm ist es dennoch: Gestern habe ich im Blumenladen die schüchterne, junge Frau an der Kasse gar nicht mehr gehört. Ich sah nur noch, wie sie inmitten von penetrantem Umgebungslärm die Lippen bewegte. Das hat mich so erschreckt, dass ich ganz durch den Wind war. Der Samstagseinkauf wurde zu einem einzigen Spiessrutenlauf. Dabei weiss ich eigentlich längst, wie man als Schwerhörige an der Ladenkasse besser zurechtkommt. Zeit, dass ich mir die Regeln wieder in Erinnerung rufe. Man verkraftet sogar den Irrsinn besser, wann man sich mittendrin am Betonpfeiler eines Regelwerks festhalten kann. Hier sind sie:

- Wenn möglich die Self-Checkout-Kasse benützen
- Wenn das nicht möglich ist: Ruhe bewahren. Die meisten Verkaufsgespräche über den Ladentisch sind stark normiert. Im Warenhaus oder Einkaufszentrum zum Beispiel wird die Verkäuferin zuerst fragen: "Möchten Sie eine Tüte?" Dann: "Haben Sie unsere Super-Profit-Bonus-Kundenkarte?" Dann wird sie den Preis eintippen und nennen. Dann wird sie etwas sagen wie: "Danke und einen schönen Tag noch." Auch als Anfängerin im Lippenlesen kann man nachprüfen, ob sie vielleicht doch etwas anderes sagt. Offensiv nachfragen bringt wenig, wenn ich schon beim ersten Mal gar nichts gehört habe. Am einfachsten sind übrigens die Verkaufsgespräche im Nespresso-Laden. Sie sind so streng durchnormiert wie die Verpackungen des Kaffees, der dort verkauft wird. Für mich geradezu ideal.
- Wichtig: Preise schon auf dem Etikett beim Gestell ablesen. Oder dann auf der Anzeige der Kasse. Nichts ist peinlicher, als venn man sich auf die Stimme des Verkäufers verlässt. Es passieren dann Szenen wie diese: Verkäufer: "2.90 bitte." Ich: Reiche Fr. 2.90. Verkäufer: dreht die Münzen in der Hand, blickt auf die Münzen, bewegt dabei die Lippen. Runzelt die Stirn. Zeigt dann auf das Etikett am Produkt. Dort steht Fr. 5.90.
- Klar, der Spielraum für Witzeleien, für das allgemein Menschliche fällt weg. Aber das ist Schicksal. Ausserdem bietet die Situation genug Anlass für Komik. Also. Den Humor bewahren.
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