4
Mrz
2018

Regeln für den Totalausfall

Vor einer Woche konnte ich im Buchladen noch halbfertige Gespräche führen. Seither hat sich mein Gehör nochmals verschlechtert. Das ist an sich normal bei einer Menière-Erkrankung. Es kann schnell bergab gehen. Unangenehm ist es dennoch: Gestern habe ich im Blumenladen die schüchterne, junge Frau an der Kasse gar nicht mehr gehört. Ich sah nur noch, wie sie inmitten von penetrantem Umgebungslärm die Lippen bewegte. Das hat mich so erschreckt, dass ich ganz durch den Wind war. Der Samstagseinkauf wurde zu einem einzigen Spiessrutenlauf. Dabei weiss ich eigentlich längst, wie man als Schwerhörige an der Ladenkasse besser zurechtkommt. Zeit, dass ich mir die Regeln wieder in Erinnerung rufe. Man verkraftet sogar den Irrsinn besser, wann man sich mittendrin am Betonpfeiler eines Regelwerks festhalten kann. Hier sind sie:

- Wenn möglich die Self-Checkout-Kasse benützen
- Wenn das nicht möglich ist: Ruhe bewahren. Die meisten Verkaufsgespräche über den Ladentisch sind stark normiert. Im Warenhaus oder Einkaufszentrum zum Beispiel wird die Verkäuferin zuerst fragen: "Möchten Sie eine Tüte?" Dann: "Haben Sie unsere Super-Profit-Bonus-Kundenkarte?" Dann wird sie den Preis eintippen und nennen. Dann wird sie etwas sagen wie: "Danke und einen schönen Tag noch." Auch als Anfängerin im Lippenlesen kann man nachprüfen, ob sie vielleicht doch etwas anderes sagt. Offensiv nachfragen bringt wenig, wenn ich schon beim ersten Mal gar nichts gehört habe. Am einfachsten sind übrigens die Verkaufsgespräche im Nespresso-Laden. Sie sind so streng durchnormiert wie die Verpackungen des Kaffees, der dort verkauft wird. Für mich geradezu ideal.
- Wichtig: Preise schon auf dem Etikett beim Gestell ablesen. Oder dann auf der Anzeige der Kasse. Nichts ist peinlicher, als venn man sich auf die Stimme des Verkäufers verlässt. Es passieren dann Szenen wie diese: Verkäufer: "2.90 bitte." Ich: Reiche Fr. 2.90. Verkäufer: dreht die Münzen in der Hand, blickt auf die Münzen, bewegt dabei die Lippen. Runzelt die Stirn. Zeigt dann auf das Etikett am Produkt. Dort steht Fr. 5.90.
- Klar, der Spielraum für Witzeleien, für das allgemein Menschliche fällt weg. Aber das ist Schicksal. Ausserdem bietet die Situation genug Anlass für Komik. Also. Den Humor bewahren.

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iGing - 4. Mrz, 13:31

Hier bekommen Sie im Supermarkt keine Tüte angeboten, die dürfen Sie sich in verschiedenen Größen und Preislagen aus Fächern unter dem Band nehmen. Auch nach der Karte wird oft gar nicht gefragt, muss man also selber dran denken. Wenn ich den Endpreis nicht verstanden habe, dreht mir die Verkäuferin - immer öfter auch ein Er - stumm ein Display hin, damit ich es ablesen kann. Es ist mir auch schon passiert, dass ich den Endpreis auf dem Kartenlesegerät gesucht habe, worüber ich dann selber herzlich lachen musste. Das verwundert die Umstehenden so sehr, wenn jemand über sich selbst lacht, dass ich zu dem Schluss komme: Wirklich erwünscht ist nur der STUMME Kunde.

diefrogg - 4. Mrz, 13:37

Ja, das glaube ich auch ...

... beim Einkauf in unserer schönen Warenwelt hat der Kunde einzukaufen, und das möglichst still und ohne Sand im Getriebe zu sein. Ist halt so. Aber es gibt ja immer wieder die Möglichkeit zu kleinen Rebellionen, wenn man bei Laune dafür ist. Lachen ist bestimmt gut!
bonanzaMARGOT - 4. Mrz, 14:56

ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn ich in deiner lage wäre...
in den usa mit seinen lockeren waffengesetzen - ähm - du weißt, worauf ich hinaus will? ich habe wirklich keine sympathie mit amokläufern, auf der anderen seite muss es doch gründe geben, dass sie zu welchen wurden.
wie gesagt, ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn ich in deiner lage wäre... und in den usa wohnte.
(tarantino: "eine schwerhörige räumt auf")

diefrogg - 4. Mrz, 21:16

Das verstehe ich ...

jetzt nicht. Wütend bin ich eigentlich nicht. Die anderen können ja nichts dafür.
bonanzaMARGOT - 7. Mrz, 09:32

stimmt, die können nichts dafür, dass sie blöde reagieren.
ich denke schon, dass viele behinderte oftmals eine wut auf die gesellschaft oder zumindest manche menschen haben. kommt freilich auf die behinderung und ihren grad an und auf den charakter des behinderten menschen.
ich glaube, ich wäre mitunter sehr wütend. ich bin ja schon als "normalo" ziemlich wütend auf so einiges von menschen gemachtes und selbstverständlich auch auf die menschen, die dahinter stehen.
und du bist also nie wütend auf irgendjemand? das ist... zumindest sehr nervenschonend. meinen respekt.
diefrogg - 8. Mrz, 15:35

Doch, ich bin natürlich ...

... hie und da wütend. Aber vor allem, wenn ich mit irgendjemandem eine Meinungsverschiedenheit habe, oder wenn mich jemand blöd anmacht. Beim Bloggen bin ich zum Beispiel manchmal wütend, wenn ich einen dämlichen Kommentar bekomme.

Aber im Alltag mit meiner Schwerhörigkeit bin ich selten wütend. Im Moment nur hilflos und manchmal verzweifelt. Und manchmal schäme ich mich. Ich glaube, Scham und Wut sind ein Gegensatzpaar: Man schämt sich, oder man wird wütend. Ich schäme mich. Ich will nicht sagen, dass das besonders gesund ist, aber ändern kann ich's nicht.
C. Araxe - 8. Mrz, 20:08

Aber wofür schämen Sie sich? Sie haben doch daran keinerlei Schuld.
diefrogg - 8. Mrz, 22:17

Ja, das weiss ich.

Wir diskutieren das gelegentlich unter schwerhörigen Kollegen: Warum schäme ich mich, obwohl ich nichts dafür kann? Ich schäme mich zum Beispiel, weil ich denke, manche halten mich für blöd, wenn ich Dinge nicht verstehe. Oder wenn ich eine fröhliche Konversation zu viert unterbreche, um etwas nachzufragen.

Es ist schwierig, das Hörenden zu erklären. Aber sie sollten mal die unwillkürliche Ungeduld in der Stimme mancher Leute hören, wenn sie etwas zum dritten Mal sagen müssen. Die machen das nicht extra, aber man hört das sogar halb taub. Ich schäme mich, denen Unannehmlichkeiten zu bereiten.
Lo - 10. Mrz, 11:54

Ein wenig kenne ich das auch: bei mir sind es die hohen Töne, die ich nicht mehr wahrnehme, und ich gebe zu, sehr, sehr schonend mit meinen Hörgeräten umzugehen: sie liegen gut verpackt in einer Schublade. Ich nutze sie nur im Theater, in der Oper oder bei Veranstaltungen mit vielen Menschen.
Subjektiv glaube ich, noch recht gut hören zu können, jedoch häufen sich die Sitiuationen, in denen ich Begriffe falsch verstehe: gestern abend, wir waren eingeladen, sagte mir die Gastgeberin, es gäbe Spitzkohl mit Fisch. Ich verstand "Schnitzel mit Fisch", worauf meine Frau mich kopfschüttelnd anschaute und mich an meine Hörgeräte erinnerte. Sicher auch zu recht.
Es ist auch nicht immer lustig für die Menschen um einen herum, wenn etwas falsch verstanden wird. Und für den Schwerhörigen auch nicht, berichtigt zu werden.
Immerhin habe ich noch die Möglichkeit, dieses zu ändern. Ich muss nur an die Schublade mit den Hörgeräten.
Liebe Grüße!
bonanzaMARGOT - 11. Mrz, 09:25

hörgeräte finde ich scheiße - die verderben einem nur den ganzen spaß!
diefrogg - 12. Mrz, 14:28

:-)

Hörgeräte sind ein Segen für die Menschheit. Ich setzte meine ein, noch bevor ich am Morgen zur Kaffeemaschine taumle und lege sie abends erst weg, bevor ich aufs Kissen sinke.
bonanzaMARGOT - 13. Mrz, 05:59

war auch nur ein dummer witz von mir.
diefrogg - 13. Mrz, 15:13

:-)

Habs schon gemerkt.
la-mamma - 7. Mrz, 15:06

völlig ot

gilt die im impressum angegebene mail-adresse noch? hab dir nämlich was dorthin geschickt ...

diefrogg - 8. Mrz, 15:35

Ja, E-Mail-Adresse gilt noch.

Hab Dir eine Nachricht geschickt.
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