in den kinos

14
Jan
2016

Der Melancholiker


Alan Rickman in seiner wohl berühmtesten Rolle - als Severus Snape in Harry Potter. (Quelle: www.beautifulhub.com)

Im Herbst 1985 schleppte mich jemand ins Barbican-Theater in London. Ich wohnte damals in der Nähe von London und ging öfter ins Theater. Alles andere habe ich vergessen, aber nicht jenen Abend. An jenem Abend wurde "As You Like It" von William Shakespeare gespielt - "Wie es Euch gefällt". Und da stand ein Mann auf der Bühne und lispelte: "All the world's a stage, and all the men and women merely players; They have their exits and their entrances, and one man in his time plays many parts.*"




Rickman als Jacques in "As You Like It", 1985 (Quelle: pinimg.com)

Das war Alan Rickman. Er sprach mit einer Traurigkeit, die ich erst heute verstehe. Es war die Traurigkeit darüber, dass nicht einmal wir selber uns wirklich kennen. Die Traurigkeit über die Möglichkeiten, die uns das Leben - vielleicht - versagt. Er war unvergesslich.

Gut, vielleicht erinnere ich mich auch nur deshalb noch so genau, weil ich Rickman später so oft im Kino gesehen habe. Als zweifelnden Ehemann in Tatsächlich ... Liebe. Als älteren Verehrer eines ganz jungen Mädchens in Sinn und Sinnlichkeit. Als den düsteren Zauberlehrmeister Severus Snape in Harry Potter. Wir erinnern uns: Severus liebte Harry's verstorbene Mutter Lilly, kam aber bei ihr nie zum Zug. Und so ist er seinem ahnungslosen Schüler Harry in einer bitteren, zuweilen aber auch fast zärtlichen Hassliebe verbunden. Niemand hätte das besser spielen können als Alan Rickman.

Heute hat Alan Rickman seinen letzten Abgang gemacht. Wer wird jetzt unserer Traurigkeit eine Stimme geben?

* "Die ganze Welt ist Bühne, und Männer und Frauen nur Spieler. Sie treten auf und wieder ab und ein jeder hat in seiner Zeit so manche Rolle." (Übersetzung ungefähr nach August Wilhelm Schlegel).

30
Dez
2015

Das neue Heidi


Heidi, Alp-Öhi und Geissenpeter in der Heidi-Verfilmung 2015

Carina (10) wollte den neuen Heidi-Film sehen. Ich seufzte. Mir war nicht so nach dem Heidi. Ich bin mit Heidi-Büchern aufgewachsen, mit Heidi-Trickfilmen am Fernsehen (oder war es die Biene Maja?), später kamen das Heidiland als Tourismus-Destination und Heidi-Milch und Heidi-Käse in der Migros dazu. Und sowieso ist mir seit den letzten Wahlen nicht so nach Alpen-Verherrlichung. Die kippt bei uns ja nur zu schnell ins Heimattümelnde.

Aber Carina ist mein Patenkind, ich sehe sie nur zwei- oder dreimal im Jahr - was will man machen?! Ich bestellte Heidi-Billette und ging mit ihr ins Kino. Im Saal neben dem neuen Heidi läuft auch grad noch der neue Schellenursli. So drängelten an diesem grauen Nachmittag Scharen von Familien in die Säle. An der Bar beim Kino wäre im Kampf um Cappuccinos und Coca Colas beinahe das Faustrecht ausgebrochen.

Für den Film aber erwärmte ich mich wider Erwarten sofort. Das neue Heidi lächelt bei jeder Einstellung so spontan, so herzig in die Kamera, dass man gar nicht anders kann. Und überhaupt ... hier die Besprechung der NZZ, die mir ganz aus dem Herzen spricht.

Weniger spontan war Carina. Ganz blasiert sass sie in ihrem Kinostuhl. Meine beiden Nichten können so vornehm gelangweilt aussehen, dass mir bei ihrem Anblick manchmal ganz bänglich wird. Erst in der Pause war ich mir sicher, dass Carina mit ihrer Tussen-Pose nur ihre Schüchternheit kaschiert hatte - denn jetzt musste sie sofort das Verhalten von Tante Dete aufs Tapet bringen. "Als die das Heidi mit nach Frankfurt nimmt, sagt sie doch: 'Wenn es Dir dort nicht gefällt, dann kannst Du jederzeit wieder heim in die Berge.' Aber das ist doch gar nicht wahr!" Wir sind uns sofort einig, dass Tante Dete das Heidi fadengerade angelogen hat - und von da weg ist das Eis zwischen uns gebrochen.

Ich muss später noch lange über diese Tante Dete nachdenken. War sie nun eine böse Figur, weil sie das Waisenkind Heidi erst einfach bei seinem ruppigen Grossvater abliefert und es dann nach Frankfurt ... entführt? Ja, sie entführt es, und später verkauft sie es sogar an eine reiche Familie, man kann es nicht anders sagen. Heute wäre so etwas ein Fall für die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb - Gott bewahre! Und für die Gerichte.

Oder war Tante Dete eine gute Figur, weil das Heidi dank ihr nach Frankfurt kam und dort doch endlich lesen lernte?

29
Apr
2015

Gehörlosen-Komödie

Paula Bélier hat ein grosses Talent: Sie kann singen, und wie. Eine Karriere in Paris liegt in Griffweite. Aber zuerst muss die 16-jährige Bauerntochter ein paar Hürden überwinden. Die schwierigste: Mutter, Vater und Bruder sind gehörlos - Paula ist als Hörende ihre Gebärden-Dolmetscherin und somit der Draht der Familie zur Aussenwelt

Das ist die Ausgangslage der französischen Erfolgskomödie La famille Bélier.


Familie Bélier, links Paula. Quelle: cdn.im6.fr

Kritiker schreiben, der Streifen habe erhebliche Schwächen im Handlungsaufbau. Ja, das stimmt. Trotzdem empfehle ich ihn unbedingt. Gut, ich bin da mit meinen Gehörproblemen vielleicht etwas voreingenommen. Aber ich habe auch Argumente. Hier:

1) Papa und Mama Bélier sind als Figuren gut herausgearbeitet. Mama Bélier ist überkandidelt, ich-bezogen, kurz, keine gute Mutter. Halleluja! Einmal eine behinderte Frau, die der Welt kein leuchtendes Vorbild sein muss! Eines Abends, heftig angesäuselt, gebärdet sie zu ihrer Tochter: "Als Du zur Welt kamst und sie mir sagten, dass Du hörst, habe ich so geweint! Ich habe Hörende nie ausstehen können." Hier, an dieser Stelle, schimmert mitten im ganzen Komödien-Klamauk die potenzielle Tragik dieser Familienkonstellation auf. Man versteht, warum Paula sich zunächst für ihre schöne Stimme schämt. Man sieht an der Geschichte auch etwas Exemplarisches - ähnliche familiäre Verstrickungen erleben ja nicht nur die hörenden Kinder von tauben Eltern. Sondern - nur zum Beispiel - auch Töchter und Söhne von Alkoholikern. Gut, dass das Mädchen einen wirklich patenten Vater hat.

2) Der Film behauptet, dass Taube ehrlich, direkt und sehr sinnlich sind. Da ist etwas Wahres dran, auch wenn der Film es für meinen Geschmack zu stark überzeichnet. Ich erlebe das selber im Umgang mit meinen schwerhörigen Bekannten. Körpersprache, auch Slapstick, spielen bei uns eine wichtige Rolle. Das ist oft spassig - und dass Leute mit Hörproblemen auch Spass haben können, darf man ja ruhig einmal im Kino sagen.

Ich habe mich bloss gefragt: Warum muss man immer und überall betonen, dass Menschen mit schlechten Ohren guten Sex haben? Und: Gibt es in Frankreich auf dem Land noch keine Cochlea-Implantate?

20
Feb
2015

"Fifty Shades" und die Mamis

Neulich im Kino: Ein ganzer Schwarm Frauen liess sich um mich herum nieder. Einige musterten mich unverhohlen. Mir fiel das Frauenefeindlichste ein, was die Medien über "Fifty Shades of Grey" gesagt haben: Das sei "Mommy Porn". Was immer das heissen soll - es stimmt nicht, wie ein ebenso unverhohlener Blick auf die Frauen rundum zeigte. Die meisten hätten meine Töchter sein können. Es verführt aber junge Frauen dazu, unfreundliche Dinge über ältere Frauen zu denken. Und umgekehrt.

Ich habe also "Fifty Shades of Grey" gesehen. Soll ich jetzt auch noch einen Einstern-Verriss schreiben? Man gilt ja als leicht debil, wenn man es nich tut. Also gut: Ich fand die erste Hälfte (ohne Sex) so langweilig, dass ich die zweite Hälfte (mit Sex) beinahe verdöst hätte.



Ich lernte im Film eine Stärke des Buchs vermissen: Autorin E L James weiss dramatische Wendepunkte wie elektrische Schläge zu setzen. Die Leinwand-Umsetzung arbeitet definitiv mit Schwachstrom.

Aber eines oder zwei kleine Highlights für halb Wachgebliebene gabs doch. Meins hängt damit zusammen, dass der Film krampfhaft seine Verwandschaft mit der Mutter aller Liebesschmonzetten geltend machen will: mit Jane Austens Stolz und Vorurteil. Wohl deshalb spielt die Engländerin Jennifer Ehle eine nicht unbedeutende Nebenrolle - die wenig lebenstüchtige Mama von Heldin Anastasia Steele.

Anglophilen Muttis springt der Name sofort ins Auge: Ehle spielte in einer legendären BBC-Verfilmung aus dem Jahre 1995 Elizabeth Bennet, die Heldin von "Stolz und Vorurteil" - an der Seite von Colin Firth, no less:



Ehle gibt Mutter Steele als warmherzig-überdrehte Nervensäge. Davon gibts noch keine Bilder. Schade. Eine kleine, aber gelungene Performance.

24
Nov
2014

Schöne Menschen



Zitat des Tages: "Schöne Menschen haben meistens Pech."

Aus: "Es war einmal in Anatolien". Sehenswert nicht nur wegen der Kraft seiner Bilder - sondern auch wegen der köstlichen Dialoge.

2
Feb
2014

Der Journalist


Szene aus Philomena: Judy Dench als Philomena und Steve Coogan als Journalist Martin Sixsmith.

Was habe ich Tränen vergossen, als ich neulich im Kino "Philomena" sah! Nicht wegen der Titelheldin, die 50 Jahre lang ihren verschwundenen Sohn Frankie gesucht hat. Naja, auch ein bisschen. Philomena hatte das uneheliche Kind in einem irischen Kloster zur Welt gebracht - dann gaben die Nonnen es weg. Ohne ihre Einwilligung. Der Journalist Martin Sixsmith soll ihr nun helfen, das Kind endlich zu finden. Selten habe ich eine realitätsnähere Darstellung des Journalisten-Alltags gesehen. Deshab habe ich geflennt. Gott, wie ich es vermisse, diesen Beruf auszuüben!

Von einem Spesenbudget wie jenem von Sixsmith wagen zwar die meisten Journalisten nicht einmal zu träumen. Zudem ist er ein eitler Kotzbrocken, wenn auch auf die feine britische Art. Er bemitleidet sich schrecklich, weil er vom BBC-Olymp gefallen ist und für ein zweitkassiges Medium einer "human interest"-Story nachrennen muss.

Und dann kommen die üblichen Kalamitäten des Journalisten-Alltags über ihn: Dokumente sind verbrannt. Sixsmith ist nicht sicher, dass er etwas herausfinden wird. Lohnt sich das überhaupt? "Jetzt nicht aufgeben", sagt die Chefin.

Dann, plötzlich, wird die Sache spannend. Die Nonnen haben Dreck am Stecken. Die Spur des verlorenen Kindes führt nach Amerika.

Dort wird die Story noch eine Liga grösser. Philomena bekommt kalte Füsse. Auf dem Gesicht von Coogan sieht man jetzt diese ungemütliche Spannung, an die ich mich noch gut erinnere: Wie mache ich aus der Sache eine Story, über die der Chef sich freut? Und wie werde ich dabei der Person gerecht, die sie mir geliefert hat?

Dann nochmals das übliche, stressige Recherchen-Rösslispiel: Zeugen sind telefonisch nicht erreichbar. Andere lassen sich verleugnen. Philomena will aufgeben.

Und dann der Durchbruch: Sixsmith deckt eine echte Sauerei auf, Philomena erfährt Genugtuung. Die ganze Plackerei war nicht vergebens!

So schön!

21
Dez
2013

Der nackte Blutdurst


Vampir Adam (Tom Hiddleston) in Only Lovers Left Alive von Jim Jarmusch.

Einen ganzen Abend lang zerbrach ich mir den Kopf über "Only Lovers Left Alive". Ich war hingerissen von seinem bleiernen, betörenden Soundtrack. Er drückte mich in den Kinosessel als wäre ich ein von Spinnengift gelähmtes Insekt. Aber was wollte der Film mir sagen?! Ich begriff es nicht. Erst heute morgen machte es plötzlich "Klick" und ich wusste es.

Der Film ist die perfekte Adaptation des Vampir-Genres an die Ängste des zeitgenössischen Zuschauers. Zwar haben seine Helden, Adam und Eve, noch einiges gemein mit den Kollegen aus dem viktorianischen Zeitalter: Sie sind genauso feinsinnige Aristokraten. Doch wenn der Hunger den Grafen Dracula packte, wurde er zum geilen, kannibalischen Blutsauger. Der nackte Überlebenstrieb, das Tierische regierte damals die Untoten.

Adam aus "Only Lovers Left Alive" dagegen bezieht seine Blutkonserven längst aus der Spenderbank im Spital. Zubeissen ist ja so altmodisch! Und zudem fürchtet man die Ansteckung mit merkwürdigen Krankheiten. Auch Ehefrau Eve hat den lebenswichtigen Stoff vom Arzt und nimmt ihn aus zierlichen Likörgläsern zu sich.


Tilda Swinton als Eve

Danach hat sie ein Räuschchen.

Beide tragen sie ein paar Jahrhunderte westliche Zivilisation mit Stil - und einer noblen Melanchole. Wobei: An der Melancholie leidet Adam. Er sehnt sich nur noch nach der magischen Hartholz-Kugel, die ihn endlich ins Jenseits befördern wird. Eve fliegt extra zu ihm nach Detroit, um ihn zu trösten. Die Liebe der beiden ist zärtlich und intellektuell - da ist keine Leidenschaft. Nacht für Nacht reisen sie zusammen durch die Ruinen der untergegangenen Industriemetropole. Aber sie kann nichts ausrichten: Adam wird immer kindischer.

Erst Evas partyhungrige Schwester Ava mischt die Szene auf - sehr zum Missvergnügen der beiden. Schliesslich müssen sie sich retten - indem sie wieder zu blutdürstigen, amoralischen Bestien werden.

Aber können sie das überhaupt?

Vampirfilme sagen ja immer mehr über Lebende und ihre Ängste als über Untote. "Only Lovers Left Alive" ist ein Film über die Furcht des spätkapitalistischen Menschen vor dem Zusammenbruch der Zivilisation. Und vor dem, was ein solcher Kollaps aus ihm machen könnte.

7
Dez
2013

Eine verwöhnte Frau


(Cate Blanchett in "Blue Jasmine")

Gestern sahen wir Woody Allen's Blue Jasmine. Es war erst 19 Uhr. Ich erwartete einen halb leeren Kinosaal. Aber es war voll. Die Leute wollen diesen Streifen sehen.

Der Kulturflaneur lästert ja gerne über Hollywood-Filme. Sie hätten nichts mit unserem Leben hier in der Schweiz zu tun, sagt er. Aber Blue Jasmine hat mehr mit unserem Leben zu tun als uns lieb ist. Er führt uns unsere Ängste vor dem sozialen Absturz vor. Wir Kinogänger hierzulande wissen, dass es uns gut geht. Besser als den meisten auf der Welt. Wir wissen, dass wir fallen könnten. Wir fürchten uns vor dem Fall. Wir wollen wissen, wie er sich anfühlt. Wie er aussieht.

Woody Allen's Hauptdarstellerin Cate Blanchett führt uns das grandios vor. Sie spielt Jasmine, die verwöhnte Gattin eines New Yorker Finanzhais. Zu Beginn des Films ist sie mit ihren Louis Vuitton-Täschchen unterwegs zu ihrer mausarmen Schwester in San Francisco. Ihr Mann ist über kriminelle Machenschaften gestrauchelt. Sie ist pleite, ziemlich durch den Wind und ihre Schwester ist ihre letzte Zuflucht.

Und dann fällt sie weiter.

Woody Allen ist ja berühmt für amüsante Gesellschaftskomödien. Aber mit diesem Film lehrte er mich: Die Tragödie ist überhaupt kein verstaubtes Genre. Nun gut, er hat auch komische Seiten - er wäre sonst kein Woody-Allen-Film. Aber wahrlich: Jasmine scheitert krass, bildschön und auf verstörende Weise.

Einen Aspekt dieses Scheiterns hat kein Kritiker (ausser jener der NZZ) bislang angesprochen: Jasmine's Mitschuld und Mitverantwortung - an den kriminellen Machenschaften ihres Mannes und am Fall ihrer ganzen Familie.

"She looked the other way", sagt ihre Schwester mehrmals über sie: Sie habe die dubiosen Geschäfte ihres Mannes absichtlich nicht gesehen - und auch nicht seine Affären. Aber eine unglaubliche dramatische Wendung zum Schluss legt nahe, dass sie viel wusste. Hätte sie ihren Mann stoppen können? Hätte sie verhindern können, dass er das Geld ehrbarer Kleinsparer verjubelte? Hätte sie irgendjemanden retten können, wenn sie wenigstens rechtzeitig ausgestiegen wäre? Wie hätte sie das tun können?

Die antike Tragödien-Theorie sagt, dass der Mensch seinem Schicksal nicht entrinnen kann. Und doch liegt in diesen Fragen letztlich die Lektion für uns angstgeleitete Zuschauer.

2
Mai
2012

Flucht vor sich selber

Albert Nobbs ist mit Sicherheit der traurigste Film, den ich je gesehen habe. So tief bedrückt wie nach diesem Streifen habe ich das Kino noch nie verlassen. Und dennoch: Wer bereit ist, einen Abend lang zu leiden, um durch die Kunst die menschliche Seele besser zu verstehen, sollte ihn sich ansehen.

Wenn uns die griechischen Philosophen die Jahrhunderte herunter zurufen: Werde der Du bist, so tut Albert Nobbs genau das Gegenteil: Er ist und bleibt viel zu lange, was er nicht ist - und zeigt, wie tragisch das ist.



Denn Albert Nobbs ist eine Frau. Aber das darf niemand wissen, weil Nobbs (Glenn Close) sich eine Existenz als Mann aufgebaut hat: Er kellnert in einem versnobbten Hotel im Dublin des späten 19. Jahrunderts. Schon ein Fleck auf seiner Krawatte könnte diese Existenz zerstören und ihn ins Elend draussen stürzen. Was, wenn erst noch auskäme, dass er eine Frau ist!? So ist er penibel, still und stets bemüht, nicht gesehen zu werden.

Nun kann eine Frau, die sich als Mann ausgibt, durchaus glücklich werden. Das zeigt eine andere Frau im Film, die sich als Mann ganz offensichtlich sehr wohl fühlt. Doch die Lage von Albert ist viel schwieriger. Er hat seine Weiblichkeit nicht nur für eine berufliche Existenz weggeworfen: Vieles an seinem zutiefst verklemmtem Wesen legt nahe, dass er sie einfach nicht mehr ertragen hat. Kein Wunder, erfährt man: Er wurde als Vierzehnjährige von einer ganzen Männerrotte vergewaltigt.

So sitzen wir im Kinostuhl, und Alberts Angst macht uns ganz angespannt. In jeder unendlich langsam gefilmten Einstellung sehen wir diese Angst. Ausser ihr hat er nicht viel. Naja, er hat ein kleines Vermögen in seinem Personalzimmer versteckt. Und er hat - scheinbar - einen Traum. Er will einen kleinen Tabakladen kaufen. Und heiraten. Dabei bekommt er Hustenanfälle vom Rauchen. Und wie er der süssen Helen den Hof zu machen versucht, ist einfach nur qualvoll mitanzusehen.

Er ist besessen von seinem Geld - auch, weil es in seinem Leben nichts anderes gibt.

Natürlich endet das tragisch. Es kann gar nicht anders enden.

Nur erwarten wir als Kinogänger, dass uns der Film wenigstens einen Hoffnungsschimmer auf den Heimweg gibt. Dass er uns die bittere Pille mit einem Spritzer Sinn versüsst. Und auf seine eigene Art tut er das auch. Aber seid gewarnt: Es ist ein sehr kleiner, sehr zweifelhafter Spritzer für eine sehr bittere Pille.

14
Apr
2012

Sentimentaler Männerfilm

Ich sass im Kino, sah "Intouchables" und rund um mich lachten die Leute. Ihr wisst schon: Intouchables ist dieser Kinoknüller aus Frankreich, in dem ein steinreicher Tetraplegiker einen jungen Kerl aus der Banlieue zum Betreuer nimmt.



Ich lachte nicht. Ich hatte keine Zeit, den Film komisch zu finden. Denn ich verstand ihn nicht. Warum, rätselte ich, warum wählt ein so stark behinderter Mensch einen Rüpel mit dem Einfühlungsvermögen eines Presslufthammers zum Pfleger?

Ich selber bin ja ab und zu merklich hörbehindert. Dann bin ich gerne von Leuten umgeben, die schnell wenigstens ansatzweise erfassen, was das bedeutet. Zum Beispiel für die Kommunikation. Aber Tetraplegiker Philippe hat offensichtlich andere Bedürfnisse. Er ist eben ein Mann, dachte ich. "Verstehe eine die Männer!" dachte ich. Und dann fiel bei mir der Groschen: Das ist es! Philippe will einen richtigen Mann zum Pfleger! Diese handgestrickten Softie-Memmen, die sich sonst noch für die Stelle beworben haben, machen ihn depressiv. Und so wählt er den Obermacker Driss - einen, der schnelle Autos liebt und das Parkverbot vor dem Haus seines Herrn mit den Fäusten durchsetzt. Und der weiss, was Frauen wollen.

Nun ist Driss zwar sehr maskulin. Aber als Ex-Knacki und ohne Geld ist er eben auch kein wirklich ganzer Kerl. Im Dienste seines neuen Herrn ändert sich das allmählich: Er bekommt zuerst eine luxuriöse Unterkunft und dann eine Einführung in die Welt der Privilegierten - mitsamt Kunstunterricht.

So ist "Intouchables" ein wahrscheinlich witziger und - das ist mir nicht entgangen - leicht sentimentaler Film: ein Film über zwei Männer, die einander helfen, ihre Männlichkeit wiederzuerlangen. Eine These, die hier viel besser als bei mir ausgeführt wird.

Das ist ganz okay. Damit habe ich überhaupt kein Problem.

Mehr Probleme habe ich damit, dass ich im Grunde so wenig über Philippe und seine Behinderung erfahre. Dieser Philippe ist ja so schicksalsergeben, so massvoll traurig und von Driss so leicht zu erheitern. Und überhaupt hätte ich gern gewusst, wie Philippe das Kapital für seinen fürstlichen Lebensstil zusammenbringt. Da lobe ich mir Al Pacino in Scent of a Woman. Auch das ist ein leicht sentimentaler Film über einen Mann mit Behinderung und seinen Begleiter. Auch ein Film über Männer. Aber Pacino ist wenigstens masslos verbittert. Und, glaubt mir: Er weiss, was Frauen wollen!

logo

Journal einer Kussbereiten

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Impressum

LeserInnen seit dem 28. Mai 2007

Technorati-Claim

Archiv

März 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 

Aktuelle Beiträge

Manchmal haben meine...
Manchmal haben meine Träume eine solch intensive...
Lo - 26. Mrz, 18:27
Freud sagt, ...
dass wir uns beim Träumen (während des Schlafs)...
diefrogg - 14. Mrz, 18:06
Träume (also die,...
Träume (also die, während des Schlafs), sind...
C. Araxe - 13. Mrz, 20:56
Wo hast Du sie notiert,
Herr BoMa? Ja, man vergisst Träume schnell - ich...
diefrogg - 13. Mrz, 19:18
ich notierte auch einige......
ich notierte auch einige... leider verschwinden viele...
bonanzaMARGOT - 12. Mrz, 12:11

Status

Online seit 4569 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 26. Mrz, 18:27

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB


10 Songs
an der tagblattstrasse
auf reisen
bei freunden
das bin ich
hören
im meniere-land
in den kinos
in den kneipen
in den laeden
in frogg hall
kaputter sozialstaat
kulinarische reisen
luzern, luzern
mein kleiner
offene Briefe
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren