vorm buechergestell

16
Nov
2016

Enttarnt

"Neeeein, nicht noch ein Beitrag über diese Autorin Elena Ferrante!" höre ich jetzt einige von Euch rufen. Aber Ihr müsst da jetzt durch, denn ich habe etwas zu dem Thema zu sagen. Ich bin vielleicht die erste Leserin auf der Alpennordseite, die alle vier Bände des "Napoletanischen Quartetts" mit den Heldinnen Lila und Lenu verschlungen hat (auf Englisch - Italienisch kann ich zu wenig gut).

Und? Was soll ich Euch verraten über diese circa 1500 Seiten, auf denen zwei Italienerinnen um ein besseres Leben kämpfen? Fragt, wenn Ihr etwas wissen wollt! Hier nur so viel: Die Lektüre lohnt sich. Ferrante gibt uns eine vielschichtige Chronik weiblicher Erfahrung in den letzten sechs Jahrzehnten - und ein paar tief erschütternde Wendungen im Plot.

In den Medien war die Enttarnung der Autorin die noch grössere Sensation als die erstaunlichen Verkaufszahlen ihrer Bücher. Irgendein Journalist will herausgefunden haben, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt. Sie soll eine Übersetzerin in Neapel sein, deren Namen ich nicht zu wiederholen brauche. Hierzulande kennen sie wohl nur die wenigsten. In Neapel dürfte das anders sein - die Literaturszene ist dort wohl nicht sehr gross. Für die Frau, die sich angeblich hinter dem Pseudonym verbirgt, dürfte sich fast alles verändern.

Aber warum wählt so jemand überhaupt ein Pseudonym? Nun, wir als Blogger verstehen das: Wir erzählen am besten unter dem Schutz unseres Nicks. Wir erzählen am wahrsten, wenn wir für unsere Leser wie eine Fremde im Zug sind. Ich für meinen Teil möchte nicht, dass meine Arbeitskollegen oder - Gott bewahre! - meine Chefs meinen Blog lesen.

Vielleicht ist es das, was mir das Schreiben in letzter Zeit schwerer macht. Mittlerweile habe ich nur noch wenige Leserinnen und Leser. Ich habe den Verdacht, dass die meisten mich persönlich kennen. Versteht mich bitte nicht falsch - es rührt mich jedes Mal, wenn ich höre, dass mich überhaupt noch jemand liest. Aber manchmal verschlägt es mir deswegen fast die Sprache.

26
Dez
2015

Mit den Augen eines Mannes


Die junge Amerikanerin Adelle Waldman tut etwas, was bisher nur sehr selten gemacht wurde: Sie erzählt einen ganzen Roman aus der Perspektive eines Mannes. Das Buch sorgte in den USA für eine kleine literarische Sensation. "Kann die Autorin glaubwürdig das Innenleben eines Mannes zeigen?" lautete die - meist unausgesprochene - Frage.

Nun, das kann ich nicht beurteilen. Ich bin ja kein Mann.

Waldmann wagt aber den Blick in die Psyche eines Männertyps, den jede westliche Frau irgendwann kennengelernt hat: Sie flirtet mit ihm, geht mit ihm aus, er umwirbt sie. Seit der Erfindung der Pille geht man auch zusammen ins Bett, zunächst ohne Erwartungen. Dann verliebt sie sich in ihn, signalisiert den Wunsch nach Verbindlichkeit und er ... bekommt kalte Füsse und ruft nicht mehr an. Nathaniel, kurz Nate, der Held dieses Buches, macht das gleich mehrmals. Meine Mutter hätte ihn einen Schwerenöter genannt. Welche schweren Nöte so einer überhaupt durchmacht, erörtert Waldman sehr ausführlich.

Das könnte man sich ja getrost sparen, wenn die Autorin dazu nicht eine wohl zeittypische Zuspitzung der Problematik aufzeigen würde. Nate's Freundinnen, sind alle gebildete, erwachsene Frauen aus der New Yorker Oberschicht. Wenn er sie verlässt, sind sie verletzt und gedemüdigt. Klar. Und nun verlangen sie Trost und Verständnis - und zwar von Nate. Sie erwarten, dass man mit ihm über das alles diskutieren kann. Dass er eingesteht, dass er ein bindungsscheuer Holzklotz ist. Hallo?! "Lass das! Hab ein bisschen Stolz!" hätte meine Mutter zu mir gesagt.

Ich weiss nicht, weshalb mir bei der Lektüre dieses Buches ständig meine Mutter eingefallen ist. Vielleicht, weil sie mich damals mit ihren Ratschlägen genau vor solchen Verletzungen schützen wollte. Natürlich konnte sie es nicht - und ihre Regeln fand ich beknackt. Aber ich hielt mich an sie (meistens), und sie verhinderten wenigstens, dass der Täter das Messer in meinem Herzen noch x-mal umdrehte.

Jetzt könnte ich selber die Mutter einer solchen jungen Frau sein (die gibt's nicht nur in New York). Jetzt sitze ich da und schüttle den Kopf darüber, dass alle Privilegien, alle Emanzipation und alle technischen Gadgets jungen Frauen offenbar nicht mehr Selbstvertrauen und Lebensklugheit gebracht haben. Sondern nur mehr unrealistische Erwartungen.

Ja, bei der Diskussion über dieses Buch kommt man schnell weg vom Roman, hin zum Stoff. Alle sagen, es sei ein gutes Buch. Keiner sagt, warum. Es sind zwei Dinge, die ich daran brilliant finde:

1) Die Präzision, mit der Waldman durch die Augen von Nate die Frauen in New York beschreibt.

2) Es gehört zu den Grundregeln des modernen Romans, dass sich die Hauptfiguren darin verändern. Nate selber verändert sich tatsächlich, wenn auch nur ein bisschen. Viel mehr aber wandeln sich Nate's Freundinnen - jedenfalls in seiner Wahrnehmung, und nur durch die lernen wir diese Frauen ja kennen. Erst findet er eine nicht so toll, dann plötzlich hübsch - und süss. Und klug. Und dann wird sie in seiner Wahrnehmung plötzlich schwach, bedürftig und noch unattraktiver als zuvor. Sie zerfällt geradezu. Und dann sieht er an einer Party in einer Ecke eine andere und findet sie, naja, nicht so toll. Es ist grossartig und sehr satirisch, wie Waldman das macht.

3
Feb
2015

Männer fürs Grobe

In der Moderne ist der Schriftsteller - erst recht der Dichter - ein empfindsamer Mensch. Er nimmt die feinsten Erschütterungen der menschlichen Seele wahr und fasst sie in fein ziselierte Sprache.

Ich will nun nicht behaupten, dass Dante (1265–1321) nicht empfindsam wäre. Das ist er auf seine Art sehr wohl, wie wir vielleicht noch sehen werden. Aber ein Sensibelchen ist er nicht. Als er in der Göttlichen Komödie den drei Raubtieren begegnet, weicht er zwar erst einmal aus. Aber schon schaut er dem Geist eines zu Römerzeiten verstorbenen Dichterkollegen ins Gesicht - es ist Vergil. Er fleht den Kollegen um Hilfe an. Vergil rät ihm, es nicht mit den drei Bestien aufzunehmen. Er solle sie statt dessen grossräumig umgehen: mitten durchs Jenseits, sprich: durch die Hölle, das Fegefeuer, den Himmel. Vergil verspricht, dass er Dante führen werde.

Dante zögert keine Sekunde: "Poeta!", spricht er, "Dichter!" - und schon die Anrede lässt ahnen: Er ist bereit, mit dem Kollegen in die tiefsten Abgründe der menschlichen Existenz zu blicken. Wie ein rechter Dichter es eben tun sollte. Und so brechen sie auf, zwei Männer fürs Grobe, zwei Entdecker der menschlichen Seele - Blut, Busen, grässliche Martern und himmlisches Entzücken inklusive. Das waren noch richtige Dichter - Boulevardjournalisten, Vermesser der Welt und grosse Seelen zugleich, bereit zu lebensgefährlichen Abenteuern.


(Dante und Vergil auf der Fähre über den Styx von Eugène Delacroix; Quelle: Wikimedia)

Diesen Anspruch findet man in der Literatur des 20. Jahrhunderts nicht an jeder Strassenecke. Und damit man ihn glaubwürdig enlösen kann, muss man einiges auf dem Kasten haben. Aber es gibt ihn, in neuerer Zeit vielleicht sogar wieder öfter. Neulich habe ich - wie alle bildungsbeflissenen Schweizer - den Koala von Lukas Bärfuss gelesen. Darin beschreibt Bärfuss, wie die Kolonisatoren unter Schweiss, Blut und unerträglichen Strapazen Australien eroberten. Das hatte etwas Danteskes - nur ohne grosse Seelen und ohne himmlisches Entzücken.

1
Feb
2015

Im mittleren Alter

Ein Mann mittleren Alters befindet sich in einer Lebenskrise. Er irrt - bildlich gesprochen - durch einen finsteren Wald.

Wohl verstanden, wir reden hier von der Lebenskrise eines Mannes. Die spezifisch weiblichen Probleme des Älterwerdens sind anderswo Thema.

Was den Mann in unserer Gesichte plagt, ist - sagen wir mal - nicht so konkret, dafür sehr bildhaft. Zwar sieht er schon die Anhöhe vor sich, die ihm Überblick verspricht. Doch da stellt sich ihm eine Furcht erregende Raubkatze in den Weg. Die Szene fasziniert Künstler seit 700 Jahren. Das Internet ist voll von Bildern davon. Hier der Klassiker von Gustave Doré:


(Quelle: Wikimedia)

Wahrscheinlich fällt jetzt bei vielen der Groschen: Ja, was ich hier erzähle, ist der Anfang von Dantes Göttlicher Komödie*.

Warum ich hier diese Geschichte nacherzähle? Nun, eigentlich wegen Herrn Jossele (bei dem ich mich hiermit abwesenderweise bedanke). Als ich Ende 2013 in Krisenstimmung war, hat Herr Jossele mir einmal geschrieben, so ab einem gewissen Alter müsse man drüber nachdenken, was denn im Leben noch gelebt werden wolle.

Ich weiss nicht mehr, woher es kam, aber ich war drauf und dran zu antworten: "Ich möchte noch Dantes Göttliche Komödie lesen."


Dante Alighieri, Quelle biografieonline.it


Ich kannte das Buch nur aus unzähligen Fussnoten meines Literaturstudiums. Ich ahnte nicht, dass Herr Dante mich - wie als Antwort auf meine eigene Krisenstimmung - auf eine umfassende Forschungsreise durch den gesamten geistigen Kosmos des Hochmittelalters mitnehmen würde. Ich lese wie gebannt.

Nur: Worin bestand die Krise des Mannes mit dem Sinne für stilvolle Hutmode eigentlich? Nun, nebst der gefleckten Katze bedrängten ihn eine bissige Wölfin und ein Löwe - was die drei Bestien darstellen, darüber streiten die Kommentatoren trefflich - Ich habe mich schliesslich für diese Deutung entschieden: Sie stehen für die verbotene Lust, die Gewalt und die Habgier.

*Dante Alighieri: "La Comedia ; Die Göttliche Komödie ; Band I Inferno / Hölle" ; Stuttgart, PhilippReclam jun., 2010 (Übersetzung und - zuweilen geradezu launiger - Kommentar von Hartmut Köhler)

9
Dez
2014

Der seltsame Gärtner

Mein Gottenkind Carina (9) wünscht sich den vierten Band der Harry Potter-Serie zu Weihnachten. Nun ist Harry Potter und der Feuerkelch reich an schrecklichen Begebenheiten. Ich will sicher sein, dass ich dem Kind den Roman zumuten kann. Deshalb habe ich ihn selber nochmals zu lesen begonnen.

Schon auf den ersten Seiten stach mit ein merkwürdiger Fehler ins Auge. Die Rede ist dort von Frank Bryce, dem Gärtner eines seit Jahren leer stehenden, düsteren Herrenhauses.


Frank Bryce (Erik Sykes) in der Harry Potter-Verfilmung


Es heisst über ihn (ich übersetze aus der englischen Erstausgabe*): "Frank näherte sich seinem siebenundsiebzigsten Geburtstag, war sehr taub, sein böses Bein steifer und steifer (S. 10)." Eines Nachts sieht der alte Mann Licht im Herrenhaus. Er will nachsehen, was los ist und schleicht hinein. In einem Zimmer hört er Stimmen, nähert sich - und schon belauscht der angeblich taube Gärtner aus mehreren Metern Entfernung ein Gespräch zwischen zwei gfürchigen Männern. Der Dialog ist sage und schreibe sechs Seiten lang, und der Gärtner versteht jedes Wort. Dabei sieht er den einen Sprecher nicht einmal.

Es ist unwahrscheinlich, dass das eine mittelgradig schwerhörige Person ohne gutes Hörgerät könnte. Und Fred ist ein Muggel - er kann sich seiner Schwerhörigkeit also nicht mit Zauberkräften entledigen. Überhaupt: Warum erzählt uns J. K. Rowling, dass Fred taub ist? Es ist für den Rest der Geschichte unwichtig. Will sie uns gar nicht sagen, dass er nicht gut hört? Will sie uns etwas ganz anderes sagen?

Ich vermute: Sie wollte damit unterstreichen, dass er sonderbar ist, kauzig, vom Krieg und dann vom Leben versehrt. Dass er zurückgezogen lebt. Sie wollte ihn zu einer düsteren Figur in einer unheimlich Szene machen.

Aber sie begeht dann doch einfach einen Lapsus. Das ist auch dem Übersetzer Klaus Fritz aufgefallen. In der deutschen Ausgabe heisst es auf Seite 9: "Frank war jetzt fast siebenundsiebzig, er war auf einem Ohr taub, und sein schlimmes Bein war noch steifer geworden."**

* J. K. Rowling: "Harry Potter and the Goblet of Fire" ; London, Bloomsbury, 2000
** Joanne K. Rowling: "Harry Potter und der Feuerkelch" ; Hamburg, Carlsen, 2000

2
Nov
2014

Lieben, sterben



Über dieses Buch habe ich mit mehreren Bekannten leidenschaftlich diskutiert. Es ist ein englischer Liebesroman, ein Bestseller - und viele lesen ihn als Beitrag zur Diskussion über die Sterbehilfe - und sind sogar begeistert. Ich war es nicht. Im Gegenteil: Ich fand das Buch zum Kotzen. Hier habe ich geschrieben, warum. Wer sich für das Thema interessiert: Bittebitte lesen!!! Ich habe beim Schreiben viel Herzblut vergossen und diskutiere auch gerne. Hier oder drüben.

26
Okt
2014

Heuchelei

Gerade lese ich dieses Buch. Darin bin ich über einen bemerkenswerten Satz gestolpert: "Ich bin immer davon ausgegangen, dass der Begriff 'Heuchelei' bewusste, absichtliche Täuschung anderer beinhaltet. Doch die höfliche englische Gleichmacherei scheint eine kollektive, sogar kollaborative Selbsttäuschung zu sein."*

Das schien mir so merkwürdig, weil für mich Heuchelei per definitionem ein Element von Selbstbetrug enthält. Aber vielleicht bin ich ja einfach naiv. Auch Wikipedia wusste keine klare Antwort.

Ich frage Euch: Wissen Heuchler, dass sie heucheln? Oder merken sie es selber nicht?

Kate Fox: "Watching the English" ; London - Hodder & Stoughton, 2014, Seite 139 im Trade Paperback, meine Übersetzung.

13
Aug
2014

Küsse, Kotze, Bridget Jones

Auch wenn der Titel hier vielleicht etwas anderes nahelegt: Ich finde, die Bridget Jones-Romane sind im deutschen Sprachraum unterbewertet. Sie gelten als billige Romanzen. Im englischen Sprachraum ist das anders. Dort anerkennt man, dass die ersten beiden Bücher in den neunziger Jahren das Leben der arbeitende Frau über 30 auf die literarische Landkarte gebracht haben - und das mit einer beträchtlichen sprachlichen Originalität (die wohl in den Übersetzungen nicht so herüberkam).

Der dritte Band erschien in England im letzten Herbst - und wieder nimmt sich Autorin Helen Fielding Pionierarbeit vor. Denn mittlerweile ist Bridget 51 - und Frauen in diesem Alter sind ja als Romanheldinnen nicht gerade dick gesät. Und: Bridget ist wieder single.



Fielding hat Bridget's Ehemann und Helden, Mark Darcy, in einen frühen Tod geschickt. Da hat sie einen klugen Entscheid getroffen, finde ich. Erstens habe ich ihn (ja, ich gestehe es) nie besonders gemocht. Zweitens ist für Frauen ab 50 das Dasein ohne Mann ein grosses Thema. Es ist doch so: "Tagtäglich lässt sich beobachten, wie sehr das weibliche Grauen vor dem Älterwerden am Faktor Mann hängt. Das grosse Thema dahinter: Alleinsein. Frauen tun viel, um nicht in diese Lage zu geraten. ... Sie versuchen heftig, einen Mann zu halten"* So schreibt die deutsche Autorin Bascha Mika in einer glasklaren Analyse über das Älterwerden von Frauen, die erst kürzlich erschienen ist.

Da erstaunt nicht, dass auch Bridget wieder einen Mann will. Sie ist mittlerweile Mutter zweier Kinder, hat aber keine der Sorgen, die Frauen in diesem Alter sonst so haben: Sie ist finanziell bestens versorgt, hat keine gesundheitlichen Probleme, keine pflegebedürftigen Verwandten. Sie beginnt eine heisse Affäre mit einem 29-Jährigen namens Roxster. Das liest sich vergnüglich und ging mir zuweilen auch sehr zu Herzen.

Nur teilt Bridget mit Roxster eine irritierende Obsession für dumme Sprüche über Fürze und Kotze. Ich fand das völlig unnötig, bis ich plötzlich begriff: In diesen Witzchen wird abgehandelt, was der Roman zwar thematisieren will, aber dann doch auf Peinlichste verdrängt: die Angst vor dem Ekel, die ein Mann vor einer Frau in diesem Alter empfinden könnte. Manche Frauen leisten aus Furcht vor diesem Ekel ungeheuer harte Arbeit, um an sich die Spuren des Alterns unsichtbar zu machen.

Ok, auch Bridget leistet harte Arbeit an sich. Sie ist ständig auf Diät. Aber das war sie ja früher schon. Sie entfernt sich die Haare an den Beinen, sie färbt sich die Haare auf dem Kopf... aber das machen Frauen ja auch mit 20. Ok, sie greift auch mal zu Botox. Aber bitte: Wo ist die Müdigkeit, die einen um die 50 schneller einholt? Wo sind die Krampfadern? Die Wallungen?

Sie sind tabu.

Deshalb finde ich: Diesmal hat Fielding es versiebt.

"Hey, über Krampfadern und Wallungen will kein Mensch etwas lesen!" höre ich Euch jetzt ausrufen.

Eben. Genau das ist das Problem. Wenn Fielding diesmal Pionierarbeit geleistet hätte, hätte sie Wallungen und Krampfadern auf die literarische Landkarte gebracht. Und zwar so, dass wir Bridget auch mit ihnen noch lieben können.


Bascha Mika: "Mutprobe - Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden", München, C. Bertelsmann Verlag, 2014, Seite 162.

2
Jul
2014

Der Fluch des Schreibens

Viele Menschen kennen den unwiderstehlichen Drang zu schreiben. Sind sie deswegen auch gleich begnadete Künstler? Nirgendwo habe ich je ein niederschmetternderes Nein als Antwort auf diese Frage gelesen als bei Janet Frame.

Schon als Kind wollte die Neuseeländerin Schriftstellerin werden. In ihrer Autobiografie beschreibt sie, wie sie es wurde - trotz aller Widrigkeiten: So verbrachte sie acht Jahre in einer psychiatrischen Klinik. Als sie mit 29 entlassen wird, verfolgt sie weiter ihr Ziel. Allerdings wird sie von Selbstzweifeln geplagt. "Da war auch das beängstigende Wissen, dass der Wunsch zu schreiben noch nicht bedeutet, dass man auch Talent hat. Täuschte ich mich nicht ganz einfach selber wie andere Patienten, die ich im Spital gesehen hatte? Eine von ihnen war mir in besonderer Erinnerung, eine harmlose junge Frau, die still in ihrer Abteilung sass und Tag für Tag an ihrem 'Buch' schrieb ... Doch es bestand, wenn man es anschaute, aus nichts anderem als aus Seiten um Seiten mit Bleistift hingeschriebener "o-o-o-o-o-o-o-o-o".*

Leider bestätigt mein beruflicher Alltag diese himmeltraurige Anekdote. Ich sehe bei der Arbeit täglich viele Texte von Möchtegern-Autoren. Der Fairness halber muss man sagen: Bei den meisten handelt es sich nicht um Möchtegern-Schriftsteller. Sondern um Leute, die ihrem Ärger über ein ganz bestimmtes Thema Luft machen möchten. Um das zu tun, halten sie gerne die Regeln der vorgegebenen Textsorte ein. Manche sind dann vielleicht nicht so sicher in Rechtschreibung, Stil oder Grammatik - und einige haben Chef-Allüren und widmen sich lieber dem grossen Gedanken als den Feinheiten der deutschen Sprache. Das überlassen sie dem Personal. Das wäre dann meistens ich - zum Glück bin ich mittlerweile ganz gut im Gedankenlesen.

Nachdenklicher machen mich jene, die mit ihrem Ärger gleich ihr ganzes Denksystem mitliefern. Oft sind es gebildetere Leute. Oder sie haben jedenfalls den Anspruch, ihren Lesern die Welt zu erklären. Dass solche Autoren die Regeln der vorgegebenen Textsorte geradezu sprengen müssen, ist klar - und führt eher selten zu einem gelungenen Resultat. Dann vermischen sie kunterbunt - und oft in perfekter Grammatik und mit einem gepflegten Stil - Verschwörungstheorien, unausgegorene Philosophien und einen allgemeinen Weltekel. Was macht man als Publikationsorgan mit solchen Autoren? Sagen wir mal: Darauf gibt es keine einfache Antwort.

Ja, viele Schreibende scheitern. Manchmal dünkt mich, irgend eine Laune der Natur hat manchen Menschen den Wunsch zu schreiben wie einen Fluch ins Hirn gepflanzt. Aber sie hat vergessen, ihnen das restliche Rüstzeug mitzugeben.

Was man nebst Talent braucht, um eine gute Schriftstellerin zu werden, kann man bei Frame nachlesen: die Fähigkeit, grosse Einsamkeit auszuhalten; absolute Unbeirrbarkeit; das richtige Milieu; die richtige Zeit; den richtigen Ort; das richtige Publikum. Und sehr, sehr viel Glück.

* Janet Frame: An Angel at My Table (Seite 266, von mir übersetzt).

11
Jan
2014

Buchtipp

Eben ist dieses Buch endlich auf Deutsch herausgekommen. Die Übersetzung soll ausgezeichnet sein, stand im "Tages-Anzeiger". Das kann ich leider nicht beurteilen. Ich habe das englische Original gelesen.

Dennoch empfehle ich das Buch unbedingt, auch wenn ich einen Kritikpunkt habe. Ich habe es selber wie im Rausch gelesen - nach kleinen Anfangsschwierigkeiten, zugegeben. Alles an diesen Geschichten ist verknappt, komprimiert, fragmentarisch. Da steigt man nicht ein wie in einen 0815-Roman.

Vielleicht habe ich es nicht zuletzt deshalb so gemocht, weil es im Grunde über mich ist. Nun gut, es spielt in London - und zwar abseits der Touristenströme, in Kilburn, im wilden Nordwesten der Grossstadt. Dort, wo die Postleitzahlen mit NW beginnen eben. Wo viele Migranten leben. Aber zwei der Hauptfiguren sind Frauen, in denen ich mich ständig wiedererkannte.

Da ist Leah, das rothaarige Mädchen mit dem kleinbürgerlichen Hintergrund. Sie ist clever genug, um an die Uni zu gehen. Aber eigentlich weiss sie nicht, was sie dort mit sich anfangen soll - und wählt als Studienfach das in ihren Augen geringste Übel: Philosophie. Wir lernen sie kennen, als sie längst wieder nach Kilburn zurückgekehrt ist. Sie hat einen frustrierenden Job und ist verheiratet. Ihr Mann ist sexy, aber sonst stinkbieder. Geld ist wenig da. Sie kifft viel. Und sie tut merkwürdige Dinge, um nicht schwanger zu werden. Aber warum?

Leahs beste Freundin seit Kindertagen ist Natalie. Das heisst: Als Kind hiess sie Keisha. Im Unterschied zu Leah strotzt sie vor Zielbewusstsein. Sie kommt aus der afrokaribischen Unterschicht, und sie kämpft sich durch das britische Klassensystem nach oben: Sie wird Anwältin, ändert ihren Namen, heiratet einen Banker aus privilegiertem Hause, hat zwei Kinder. Aber dann steht sie da in ihrer Villa am schicken Ende von Kilburn und erkennt sich selber nicht wieder.

Das Buch fängt grossartig den Sound, die Sprache von London ein. Es beschreibt wunderbar die Beziehung, das Wesen und die Perspektiven der beiden Frauen. Auch das gesellschaftliche Klima rundum und die Malaise der beiden. Doch woher kommt Leahs Pessimismus, woher Natalies Selbstverlust? Die Erklärungsversuche im Buch greifen zu kurz (auch wenn sie hier sehr gut nachgezeichnet werden). Da fehlt mir im Buch etwas. Das ist mein Vorbehalt.

Vielleicht macht uns Smith eben doch nicht ganz nachvollziehbar, was es heisst, an einem Ort wie Kilburn aufzuwachsen.

Nun wüsstet Ihr gern, warum ich mich in diesen Figuren wiedererkannt habe. Aber da müsst Ihr jetzt selber raten.

Zadie Smith: London NW. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014.
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