vorm buechergestell

20
Okt
2009

Grauenhaft komischer Roman

In Londoner Buchläden muss man ja immer drei Bücher für den Preis von zwei kaufen. So kam ich letztes Jahr zu diesem Titel. Er war das nachlässig ausgewählte Anhängsel zu einem Duo, das ich unbedingt wollte.

width=80% Auf deutsch heisst es "Caravan". Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich das Ding noch lesen würde. Aber letzte Woche wurde der Lesestoff in Frogg Hall krankheitsbedingt etwas knapp, und so machte ich mich schliesslich doch an des Werk der ukrainisch-stämmigen Engländerin Marina Lewycka. Ich war angenehm überrascht.

Lewycka macht eine romantische Komödie aus einem Thema, das wir eher in einem dokumentarisch gehaltenen Problemfilm erwarten: dem Schicksal von papierlosen Wanderarbeitern in Westeuropa. Die jungen Ukrainer Irina und Andryi lernen sich beim Erdbeerpflücken auf einem Feld in Kent, Südengland, kennen. Von dort aus setzen sie mit einem zugelaufenen Hund zu einer Reise gen Norden an.

In diesem Buch herrschen blanker Hunger und gezielte Fehlernährung. Da lauern an jeder Ecke Gauner, die nur darauf gewartet haben, mit ahnungslosen Immigranten ein profitables Geschäft zu machen. Da liest man von grauenhaften Zuständen auf einer Hühnerfarm. Der widerliche Mädchenhändler Vulk ist Irina auf den Fersen. Und die Erinnerungen der Protagonisten an die ukrainische Heimat sind alles andere als rosig. Und doch ist der Roman ungeheuer komisch.

Irina und Andryi treffen jede Menge Figuren - Migranten wie sie oder Einheimische. Alle haben keinen Schimmer darüber, wie es um die Welt rundum wirklich bestellt ist (Irina und Andryi zunächst auch nicht). Die Beschränktheiten jeder einzelnen Figur stellt Lewycka sprachlich brillant dar - bis hin zum Hund. So entsteht ein auf immer wieder verblüffende Weise ironisiertes Bild dieser schonungslos brutalen Welt.

Deutschsprachigen Kritikern gefiel das im allgemeinen. Die britische Kritik, schwarzem Humor gegenüber sonst ziemlich tolerant, gab sich zart besaitet. Man dürfe nicht in diesem leichten Ton über so schwere Themen schreiben, findet etwa der Guardian. Da mache sich jemand über die Schwächsten lustig, findet eine Kommentatorin auf amazon.com.

Ich sehe das anders: Man darf. Denn über Andryi und Irina lacht man bald nicht mehr. Sie beweisen Stehvermögen in widrigsten Umständen. Sie sind tapfer. Sie lernen. Die bleiben nicht als Figuren in Erinnerung, über die man lacht, weil sie naiv sind. Sie sind Figuren der Hoffnung.

Und übrigens: Eine ultrarealistische Abhandlung über die Zustände auf Hühnerfarmen hätte ich wahrscheinlich in meinem Zustand gar nie gelesen. Nach diesem Buch aber werde ich mir gut überlegen, welches Poulet ich nächstes Mal im Cööpli kaufe.

5
Sep
2009

Buch für die Prinzessin

Gestern betrat ich voller Tatendrang eine grosse Buchhandlung in meiner Stadt. Ich wollte ein Buch für die Prinzessin kaufen. Sie hatte mir geschrieben, ich solle ihr nichts anderes als ein Buch nach Paris mitbringen. Ein Buch, das ich gemocht habe.

Nun, mir fällt auf Anhieb ein halbes Dutzend Bücher ein, die ich gerne einer Freundin schenken würde. Als erstes dieses hier:

Das ist ein deftiger Roman. Ein Buch, das in einer unverblümten Sprache alles abhandelt, was Frauen so beschäftigt: schwache Männer, Sex oder wie man ihn vermeidet, ungezogene Kinder, resolute Mütter, das Älterwerden, Deutschland während der Judenverfolgung, Amerika und vieles mehr. Es ist ein Buch, das viele Frauen einander schenken, glaube ich. Ich habe meines von meiner Schwägerin Stella bekommen. Und in der Buchhandlung stehen gleich drei Stück davon auf dem Gestell.

Aber für die Prinzessin... naja... ich habe sie seit mindestens 25 Jahren nicht gesehen. Unsere erste Freundschaft endete vor bald 30 Jahren. Und im Moment kann ich höchstens freudig hoffen, dass aus unserem Wiedersehen eine zweite wächst. Man stelle sich eine solche Situation vor! Ich meine: Gemessen an der Bedeutung des kommenden Treffens ist "Grossmutter packt aus" vielleicht doch zu wenig gewichtig. Vielleicht doch nur "just another novel". Also etwas anderes. Vielleicht das hier:

Das habe ich vor vielleicht sieben oder acht Jahren mit Begeisterung gelesen. Die Anlage der Geschichte ist unkonventionell, poetisch: Ein grünes Akkordeon kommt mit einem italienischen Einwanderer nach Amerika und wandert dann von Einwandererhand zu Einwandererhand. Ein wunderbares Buch, fand ich damals. Und unkonventionell, poetisch... ja, das ist gut. Die Prinzessin war immer die Poetischere von uns beiden. Sie singt. Sie tanzt. Ich bin anders. Ich bin prosaisch. Ich mag lange Geschichten. "Ds grüne Akkordeon hätte also etwas Verbindendes. Aber... Das grüne Akkordeon ist kein ganz neues Buch und vielleicht doch schon ein wenig vergessen. Vielleicht sollte es etwas Moderneres sein. Modern und poetisch... modern und poetisch... da sehe ich diesen Band:

Der könnte der Richtige sein! Denn jeder, dem ich von Pamuk erzähle, will dieses eine Buch lesen und kein anderes. Auch die Prinzessin könnte sich dafür interessieren. Denn die Prinzessin kennt den Orient, wenn auch nicht Istanbul, glaube ich. Das Problem ist nur: Ich habe genau dieses eine Buch selber nicht gelesen. Wie könnte ich also ernsthaft beurteilen, ob es der Prinzessin gefallen wird. Seufz! Also gut: Dann vielleicht das hier:

Das ist auch ein Buch über den Orient. In einem gewissen Sinne jedenfalls. Ein bewegendes Buch. Ein Nobelpreis-Buch. Aber es hat einen Haken: Man muss es mit einem langen Atem lesen. Man muss Zeit haben, sich vom ruhigen, mächtigen Strom dieser Geschichte wegtragen zu lassen. Man liest es am besten in den Ferien. Und Ferien... nein, ich glaube, Ferien habe demnächst nur ich. Nicht die Prinzessin. Tja... dann schenke ich ihr ein sprachlich virtuoses, aber kurzweiliges Buch. Eins, das mich vor 13 Jahren gelehrt hat, mich selber zu verstehen. Da steht es, mitten im Gestell:

Aber nein! 13 Jahre! Wie kann ich wissen, ob dieses Buch den Test von 13 Jahren Geschichte überstanden hat? Ob man es heute noch lesen kann, ohne es zu belächeln? Ob es auch eine Frühvierzigerinmit Gewinn lesen kann? Nein, das kann es nicht sein!

Ich bin am Ende meines Lateins!

Deshalb verlasse ich die Buchhandlung. Ohne Buch für die Prinzessin. Dafür habe ich für mich zwei neue Titel gekauft: Pamuks "Istanbul" und das hier:



Zum Glück fahre ich erst am Dienstag. Ich gehe am Montag noch einmal in die Buchhandlung!

19
Aug
2009

Eine extrem starke Frau

Neulich erzählte ich einer Kollegin von meiner Kroatien-Reise. Da hat sie mir dieses Buch über Monika Hauser gegeben. Es erzählt, wie die Frauenärztin in Bosnien eine Hilfsorganisation für vergewaltigte Frauen aufgebaut hat. Trotz seines in meinen Augen missglückten Titels fesselt es mich, wie mich schon lange kein Buch mehr gefesselt hat.

Weil es drei Dinge bewirkt:

1) Monika Hauser ist eine Frau meiner Generation und in der Schweiz aufgewachsen. So komme ich in den ersten Kapiteln nicht umhin, laufend meine Biografe an jener von Hauser zu messen. Dass ich dabei nicht besonders gut wegkomme, wurmt mich zwar ein bisschen. Aber dafür kann ich gut einschätzen, wie viel Kraft, Empathie und Zivilcourage diese Frau hat. . Ich kann nicht beurteilen, was es heisst, ein Hilfswerk aufzubauen. Aber ich kann mir vorstellen, was es bedeutet, eine Bresche in die Bastion der chauvinistischen Frauenärzte von anno dazumal in einem Landspital zu schlagen. Und das hat Monika Hauser getan, im Südtirol, in Schlanders.

2) Spätestens im zweiten Drittel erfüllt mich tiefe Dankbarkeit dafür, nie Opfer eines ernst zu nehmenden sexuellen Übergriffs geworden zu sein.

3) Es schärft mein Bewusstsein dafür, wie wichtig der liebevolle Umgang mit meinen Mitmenschen ist - auch hier, auch in meinem Job.

4) Es stellt Fragen nach der Herkunft psychosomatischer Krankheiten. Fragen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Aber es sind Fragen, die für mich relevant bleiben.

20
Apr
2009

Jungfräulicher

Elizabeth George ist eine der besten angelsächsischen Krimiautorinnen der Gegenwart. Sie beweist es auch in ihrem neuesten Werk. Zwischen diesem mächtigen Konvolut der Spannung hat sie doch immer auch mal Platz für ein intelligentes Spielchen mit der Sprache.

Zum Beispiel hier, als der reativierte Detektiv Thomas Lynley eine Frau befragt, die gerade am Krabbenkuchen backen ist. Mit Olivenöl, wie sie sagt: "E.V.O. Extra virgin olive oil. The virginest you can find. If there are degrees of virginity in olives." (S. 430 in der Hodder-Taschenbuchausgabe). Auf Deutsch: "Olivenöl extra vergine*. Das jungfräulichste, das man bekommen kann. Wenn es denn Abstufungen von Jungfräulichkeit gibt bei den Oliven."

Das Gebrabbel, das jetzt folgt, überlese ich. Ich schmunzle darüber, dass George eine Steigerungsform braucht, wo es gar keine gibt. Frau ist jungfräulich oder sie ist es nicht, so will es unsere Weltsicht. Und dann ertappe ich mich bei einer Frage: Kann die Aufgabe der Jungfräulichkeit vielleicht doch ein gradueller Prozess sein? Ein Prozess, der sich über Tage, Wochen oder gar Jahre hinzieht? Ich meine: Jungfräulichkeit ist etwas höchst Paradoxes. Man kann sie von aussen nicht sehen, und doch ist sie für den sozialen Status eines jungen Mädchens entscheidend. Und sagt jetzt nicht, heute und im Westen sei das nicht mehr so. Im Gegenteil: Ich bin sicher, dass viele junge Mädchen heute kaum drauf warten können, ihren Freundinnen zu erzählen, dass sie (endlich) ihre Jungfräulichkeit losgeworden sind.

Wenn man aber Sex nicht als Akt der Selbstbehauptung im jugendlichen Umfeld betrachtet, ist das erste Mal nur ein Schritt in einem langen Prozess: jenem der Entdeckung der eigenen Sexualität.

George ist da wahrscheinlich derselben Ansicht. Jedenfalls schwadroniert sie in ihrem 550-Seiter so eloquent übers Windsurfen, Vaterschaft und die grosse Trauer um den Ehepartner wie über verschiedene Erscheinungsformen der weiblichen Sexualität. Jungfräulichkeit in ihrer absoluten Form ist kein grosses Thema. Ziemlich lesenswert, finde ich.

* Aus erster Pressung. Text von mir selber dilettantisch übersetzt. Ich fange gar nicht erst an, mir vorzustellen, wie ein Profi sich müht, die Köstlichkeit dieser Stelle ins Deutsche mitzunehmen.

Elizabeth George: Careless in Red, Hodder, 2009.

5
Apr
2009

Krimi in der Krise

Neulich wachte ich um fünf Uhr morgens auf und konnte nicht mehr einschlafen. "Na gut", sagte sich die Frogg, "Dann arbeitest Du jetzt an Deinem Krimi weiter. Vielleicht wäre es sowieso besser, wenn Du diese Arbeit auf den frühen Morgen verlegen würdest."

So nahm ich das zweite Kapitel zur Hand, an dem ich gerade arbeite. Ich las es wieder einmal in seiner Gänze - und fand es unerträglich. Die Details erspare ich Euch. Vielleicht lag es ja nur daran, dass das Frogg'sche Urteilsvermögen um fünf Uhr morgens noch nicht in Vollbetrieb ist.

Aber wahrscheinlich habe ich Recht und das Ding ist einfach nur ein Riesenhaufen Mist.

Ich sagte mir: "Also gut. Ich vergesse dieses Geschreibe. Ich finde mich damit ab, dass ich doch nicht zur Schriftstellerin geboren bin. Statt dessen werde ich:

- den Frühling so richtig geniessen
- meine Türkisch-Kenntnisse für die Ferien im Mai aufpolieren
- wieder mehr bloggen
- noch ein paar dringende Anschaffungen machen, bevor die Wirtschaftskrise meine Ersparnisse vernichtet

Ich fühlte mich froh und erleichtert.

Bis mir Tree einfiel. Tree, der mir bei meinen Recherchen so viel geholfen hat. Ich habe ihn zum letzten Mal vor ein paar Wochen an einem Fest gesehen. Wir waren die Letzten, die noch in den Sofas hingen, vier fünf Leute, morgens um zwei oder drei. Irgendwie kamen wir auf Bücher zu reden, auf das, was wir so lesen und lesen möchten. Es gab eine kurze Pause, und plötzlich murmelte Tree, etwas betrunken wie wir alle: "Frogg möchte ich endlich lesen! Ja, Frogg möchte ich lesen!"

Wenn mir ein Gedanke wirklich einfährt, dann denke ich Englisch. Nicht immer the Queen's English, aber so ist es nun mal. Als mir Tree in diesem Sofa einfiel, dachte ich: "Oh God!" und dann sagte ich halblaut: "Fucking Hell!"

Heute Morgen um 10 Uhr habe ich beschlossen, dem Ding noch eine Chance zu geben. Ich weiss nur noch nicht, wann. Und wie genau.

22
Mrz
2009

Anderson's "Cityboy": Verriss

Bücher über die Finanzkrise boomen zur Zeit. Auch solche, die dem Phänomen literarisch beizukommen versuchen. Ich habe zur Zeit diesen Titel aus Grossbritannien auf dem Nachttisch.

Eben habe ich in dern Sonntagszeitung gelesen, dass das Buch nächste Woche auf Deutsch erscheint. Sofort entschloss ich mich, vor der Lektüre zu warnen. Nicht lesen sollten es all jene, die von einem Buch einen halbwegs differenzierten Einblick in die Tiefe der menschlichen Seele erwarten.

Schon der Untertitel hätte mich warnen müssen: "Beer and Loathing in The Square Mile" legt zwar Anlehnung an ein grosses Vorbild nahe: Fear and Loathing in Las Vegas stammt von Hunter S. Thompson und damit von einem literarischen Schwergewicht. Doch die Anspielung klingt wie eine alkoholselige Verballhornung, und genau diese Erwartung löst der Text auch ein. Geraint Anderson bleibt in seinem Sinnieren fast durchwegs dem Bier (wahlweise auch dem Koks) verhaftet. Er schildert seine Abstürze und die seiner Kollegen mit einer wenig erhellenden Mischung aus moralischer Empörung und pubertärem Stolz: "Boahhh! Ihr glaubt nicht, wie voll ich war!" könnte ein Zitat von Anderson sein. Keine literarisch wertvolle Aussage, wenn Ihr mich fragt.

Überhaupt: Anderson's sprachliche Fähigkeiten bewegen sich auf der Skala irgendwo zwischen "noch witzig" und "vollkommen banal". Es gibt darin Sätze, die ich auf den Mond schiessen könnte, so nichtssagend sind sie. Zum Beispiel (Cityboy über seinen Chef): "I knew David was married and the fact he was willing to introduce me to his mistress made me feel part if his ' inner circle of trust' and that made me feel good'." (S. 27)

Es könnte ja sein, dass Anderson will, dass seine Romanheld so spricht - weil er eben einer dieser Banker-Idioten ist und über sich und die Welt nichts Geistreicheres sagen kann. Aber ich kann mich des Verdachts nicht ganz erwehren: Anderson kann es nicht besser. Er schreibt bekanntlich hier seine eigene Geschichte.

Naja, vielleicht hat die Frogg zu viel erwartet, als sie sich von einem einstigen Analysten eine literarische Reise in die Abgründe der Banker-Seele versprach. Da sollte ich mich vielleicht doch an den Ex-Marketing-Mann Martin Suter halten. Er hat die kleinen Eitelkeiten der Zürcher Business-Leute leichtfüssig und doch brilliant beschrieben. Aber eine halbwegs ernst zu nehmende Erörterung der Frage, was die Banken der Welt in den Abgrund getrieben hat, sollte bei Anderson laut Vorbesprechungen eigentlich drinliegen, dachte sie. Bis jetzt: Fehlanzeige.

Klar: Banker sind zynische Typen und geldgeil. Sie koksen und sie sind ach so versoffen! Haben wir es nicht schon lange gewusst? Klar: Männer unter sich machen gerne sexistischen Witzchen. Wer sich diesbezüglich weiterbilden möchte, wird im Buch übrigens gut bedient. Wahrscheinlich ist es nicht zuletzt deswegen ein Bestseller geworden. Und klar: das Banker- Business kennt zynische Überlebens-Regeln. Doch welches Business kennt die nicht? Das alles macht die Menschen in den schwarzen Anzügen zwar nicht sympathischer. Aber es erklärt nicht das Versagen des ganzen Systems.

Vielleicht lässt es vor allem eine alarmierende Feststellung zu: Wenn Anderson derjenige mit dem menschlich besten Durchblick in dieser Zunft ist, dann Gnade uns Gott.

13
Mrz
2009

Zwei Fragen über die Liebe


Endlich begreife ich auch, was mich an diesem Buch so begeistert.

Es stellt unüberhörbar und dringend zwei elementare Fragen über die Liebe:

1) Welche Ansprüche stelle ich an einen Partner, mit dem ich dauerhaft zusammen bleiben will? Oder anders gefragt: Was soll es sein, was uns beide zusammen hält? Muss er fähig zu einem so differenzierten emotionalen Austausch wie es Peter von Roten war? Oder genügt auch eine durch gemeinsame Erlebnisse errungene Stabilität der Gefühle?

2) Worauf wäre ich zu verzichten bereit, um die Bindung mit einem geliebten Partner einzugehen?
- Wäre ich bereit, mich wegen meines Partners mit meiner Familie zu zerstreiten?
- Wäre ich bereit, mich mit jemandem einzulassen, der eine komplett andere Weltanschauung hat?
- Wäre ich bereit, dafür an den hinterletzten Ort zu ziehen?

9
Mrz
2009

Hütet Euch vor Haacker

Er sieht ganz unscheinbar aus, dieser Christoph Haacker. Als könnte er kein Wässerchen trüben. Er sitzt hinter dem Stand seines Kleinverlags Arco und bewacht seine Bücher. Denkt man, wenn man so an der Messe Luzern bucht unterwegs ist wie ich das letztes Jahr war. Was sollte er auch sonst tun? Alle machen das hier so.

Aber wehe man (oder frau) nähert sich Haackers Büchern und lässt seinen Blick aus Hördistanz über die Bände auf seinem Stand schweifen. Dann enthüllt Haacker seine wahre Natur: Er löst sich von seinem Stuhl. Er spricht. Er wird zum Verkäufer. Zu einem hervorragenden Verkäufer. Zum Verführer. Er lässt die Kundin sofort durchschauen, dass er nichts anderes will als ihr etwas verkaufen. Unbedingt. Das ist sein Job. So ist das Leben, machen wir uns einen gepflegten, feinen Spass draus, sagen seine Mundwinkel, derweil er spricht! Und so wird die Kundin nicht gehen, bevor sie ein Buch erstanden hat, einfach weil sie sein Spiel mag. Er muss seine Verkäuferlehre bei einem Türken gemacht haben!

Mir hat er letztes Jahr Ludwig Winders "Die Pflicht" aufgeschwatzt. Er machte mich glauben, es sei ein Krimi. Ist es nicht. Es ist die Geschichte eines Widerstandskämpfers im Prag des Zweiten Weltkriegs. Präzis in der Sprache, karg, parabelhaft beinah. Es war nicht das begeisterndste Buch, das ich letztes Jahr gelesen habe. Aber es vermittelte mir ein paar höchst bedenkenswerte Einsichten über den Geist des tschechischen Widerstands. Über die Situation eines kleinen Landes in der Nähe des Tausenjährigen Reiches.

"Nehmen Sie es nach Hause und lesen Sie es! Wenn es Ihnen nicht gefällt, nehme ich es wieder zurück!" hatte er mir nachgerufen

Nun ja, ich bin ja nicht der Typ, der bei so etwas die Probe aufs Exempel macht!

"Und sonst kommen Sie nächstes Jahr und sagen Sie mir, wie es Ihnen gefallen hat" hatte er auch gesagt.

Das tat ich am Wochenende, als wieder "Luzern bucht" war. Dann kaufte ich ihm ohne lange zu verhandeln Vladimir Körners "Adelheid"ab.

"Aber seien Sie gewarnt! Es ist todtraurig!" rief er mir noch nach.



Erst draussen wurde mir klar: Ich hatte es ihm diesmal viel zu leicht gemacht.

7
Mrz
2009

Packende Liebesgeschichte


Das Buch ist bald zwei Jahre alt. Ausserdem dürfte es eher Schweizer Leser interessieren. Dennoch kann ich es nicht lassen, hier darüber zu schreiben. Denn ich finde es gerade unglaublich packend. Es schwebt in meiner Gunst ohne Ruhm über allen sieben Wellen und sämtlichen Feuchtgebieten.

Ich stehe auf Seite 272, und bislang hat es mir viel von Peter von Roten erzählt, einem Mann voller Widersprüche: Er stammt aus einer katholisch-konservativen Walliser Aristokratenfamilie. Aber er ist auch Armeegegner und hat linke Tendenzen - und das während des Zweiten Weltkrieges! Er ist auf eine Art verklemmt wie es vielleicht nur unsere Schweizer Väter sein konnten. Doch während die meist schwiegen, gelingt es Peter, seine Dilemmas und Unsicherheiten so eindringlich in Worte zu fassen, dass es zuweilen richtig weh tut, immer aber fesselt. Er tut es in den 40er-Jahren in Briefen an Iris Meyer, die später seine Frau wird. Einige Briefe sind in langen Strecken wörtlich zitiert. Und wo Peter nicht selber zu Wort kommt, füllt Autor Wilfried Meichtry mit gut informierter Intuition die Lücken.

Nun ist Iris von Roten-Meyer auch nicht niemand: In den fünfziger Jahren schrieb sie ein heftig umstrittenes Standardwerk des Schweizer Feminismus. Auch ihre Briefe beeindrucken durch eine aussergewöhnlich hoch entwickelte Fähigkeit, ihr Empfindungen in Worte zu fassen. Sie war zudem alles, was ihr späterer Ehemann nicht war: urban, ehrgeizig, auch nach aussen unkonventionell.

Dass die beiden in ihren Briefen zunächst unaufhörlich streiten, liegt nicht nur in der Verschiedenheit der beiden begründet. Vor allem er sträubt sich zunächst ungeheuer gegen die Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübt. Manchmal ist er ein solcher Umstandskrämer und dabei so witzig, dass man gleichzeitig lachen und ihn schütteln will. So wird die Annäherung der beiden vielleicht zum kompliziertesten breiflich dokumentierten Liebeswerben der Weltgeschichte.

Jetzt warte ich darauf, dass Meichtry mir noch mehr über Iris erzählt. Denn sie interessiert mich mehr als die noble Familie von Roten, der Meichtry (zu) viel Raum gibt. Streckenweise erliegt er leider der Versuchung, sich zu ihrem Familienhistoriker zu machen und wirkt dann provinziell. Ich verstehe zum Beispiel nicht, was das Kapitel über Peters Rilke-Recherchen (ein Gerücht besagt, dass Rilke unehelicher Sohn eines von Roten war) mit der Geschichte des Liebespaars Peter und Iris zu tun hat.

Mit seiner Herangehensweise liegt Meichtry übrigens quer zum aktuellen öffentlichen Bewusstsein: Wer Peter von Roten googelt, findet zu ihm fast nur noch Zugang bei Einträgen über seine Frau. Das ist aussergewöhnlich. Normalerweise verschwinden ja auch starke Frauen in der Geschichtsschreibung hinter ihren Ehemännern.

Aber noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er Iris bald der gleichen gründlichen und verständigen Analyse unterziehen wird wie Peter.

Wilfried Meichtry: Verliebte Feinde - Iris und Peter von Roten, Ammann Verlag, Zürich 2007

5
Dez
2008

Buch der zornigen Frauen

Falls jemand ein Weihnachtsgeschenk für eine intelligente Frau sucht, die gerne liest: Schenkt ihr Bastard von Istanbul von Elif Shafak. Das ist ein kluges, gewagtes, spannendes und sehr komisches Buch.

Das Buch hat zwei zornige, junge Frauen als Hauptfiguren: Asya (19) aus Istanbul und Armanoush (21) aus Arizona.

Asya lebt mit ihren vielen Tantchen und Grossmüttern in einem Haus in Istanbul. In einem Haus ohne Männer. In einem Haus, das keine Geschichte zu haben scheint. Keine Geschichte haben will. Asya kennt nicht einmal ihren Vater.

Im Leben von Armanoush dagegen ist Geschichte der prägende Faktor: Ihre Grossmutter ist eine Überlebende des Völkermordes an den Armeniern. Das Geschehen von anno dazumal kann niemand in ihrer Familie vergessen.

So hat Armanoush gelernt, die Türken zu hassen. Doch dann beschliesst sie, in Istanbul das Haus ihrer Ahnen zu suchen - und landet bei Asya und ihrer Familie.

Schon früh ist klar: Die Familien von Armanoush sind tief verbunden, und der Schluss des Romans wird nichts weiter tun als diese Vergangenheit zu enthüllen. Man bräuchte also nur den Schluss zu lesen. Und doch lohnt sich die Lektüre des ganzen Buches. Weil Shafak alle Register zieht, um skurrile und liebenswerte Charaktere und ein ironisch-liebevolles Porträt der Stadt Istanbul zu zeichnen: Mal liest sich das Buch wie eine bitterböse Satire, mal wie ein entsetzlich trauriges Märchen.

Und der Schluss ist schockierender als man es sich ausgemalt hat.
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