9
Dez
2014

Der seltsame Gärtner

Mein Gottenkind Carina (9) wünscht sich den vierten Band der Harry Potter-Serie zu Weihnachten. Nun ist Harry Potter und der Feuerkelch reich an schrecklichen Begebenheiten. Ich will sicher sein, dass ich dem Kind den Roman zumuten kann. Deshalb habe ich ihn selber nochmals zu lesen begonnen.

Schon auf den ersten Seiten stach mit ein merkwürdiger Fehler ins Auge. Die Rede ist dort von Frank Bryce, dem Gärtner eines seit Jahren leer stehenden, düsteren Herrenhauses.


Frank Bryce (Erik Sykes) in der Harry Potter-Verfilmung


Es heisst über ihn (ich übersetze aus der englischen Erstausgabe*): "Frank näherte sich seinem siebenundsiebzigsten Geburtstag, war sehr taub, sein böses Bein steifer und steifer (S. 10)." Eines Nachts sieht der alte Mann Licht im Herrenhaus. Er will nachsehen, was los ist und schleicht hinein. In einem Zimmer hört er Stimmen, nähert sich - und schon belauscht der angeblich taube Gärtner aus mehreren Metern Entfernung ein Gespräch zwischen zwei gfürchigen Männern. Der Dialog ist sage und schreibe sechs Seiten lang, und der Gärtner versteht jedes Wort. Dabei sieht er den einen Sprecher nicht einmal.

Es ist unwahrscheinlich, dass das eine mittelgradig schwerhörige Person ohne gutes Hörgerät könnte. Und Fred ist ein Muggel - er kann sich seiner Schwerhörigkeit also nicht mit Zauberkräften entledigen. Überhaupt: Warum erzählt uns J. K. Rowling, dass Fred taub ist? Es ist für den Rest der Geschichte unwichtig. Will sie uns gar nicht sagen, dass er nicht gut hört? Will sie uns etwas ganz anderes sagen?

Ich vermute: Sie wollte damit unterstreichen, dass er sonderbar ist, kauzig, vom Krieg und dann vom Leben versehrt. Dass er zurückgezogen lebt. Sie wollte ihn zu einer düsteren Figur in einer unheimlich Szene machen.

Aber sie begeht dann doch einfach einen Lapsus. Das ist auch dem Übersetzer Klaus Fritz aufgefallen. In der deutschen Ausgabe heisst es auf Seite 9: "Frank war jetzt fast siebenundsiebzig, er war auf einem Ohr taub, und sein schlimmes Bein war noch steifer geworden."**

* J. K. Rowling: "Harry Potter and the Goblet of Fire" ; London, Bloomsbury, 2000
** Joanne K. Rowling: "Harry Potter und der Feuerkelch" ; Hamburg, Carlsen, 2000
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