29
Jul
2010

Der Sprecher des lieben Gottes

Wir sassen am Flughafen Zürich. Wir warteten auf unser Flugzeug nach London. Die Panik hatte mich immer noch eisernem Griff. Hier habe ich zu erklären versucht, wie die Panik bei mir funktioniert. Wobei ich die beste Foltermethode der Panik vergessen habe: Sie packt mich und redet mir ein, ich dürfe keine Panik haben - weil sonst nämlich alles viel schlimmer werde. Das funktioniert jedesmal. Das treibt mich jedesmal fast die Wände hoch.

Vor unserem Abflug war ich nahe dabei, die nächste Wand zum Hochgehen zu suchen. Und jetzt hatte auch noch unser Flugzeug Verspätung. Wir würden zu spät in London ankommen. Ich würde viel zu wenig Schlaf bekommen. Ich würde einen Hörsturz haben, ich würde...

Womit hatte ich eigentlich dieses Elend verdient? Empörend! Eine Zumutung!

Ich machte meine Atemübungen und versuchte, etwas zu finden, was ich der Angst entgegenhalten konnte. Irgendetwas.

Da sah ich vor meinem geistigen Auge den Sprecher des lieben Gottes. Er war eierköpfig und schmal, eigentlich etwa zehn Jahre zu alt für einen PR-Menschen mit Öffentlichkeits-Kontakt. Ein Mann mit Sorgenfalten. Vielleicht sass ging es ihm ja wie vielen anderen Arbeitnehmern in ihren Fünfzigern: Gefangen in einer Branche, aus der sie sich besser in ihren frühen Vierzigern noch abgesetzt hätten. Naja, er war der Sprecher des lieben Gottes, das macht wenigstens etwas her.

Er beugte sich über mich und sah genau so besorgt aus wie jeweils Tony Hayward, bevor er sein altes Leben zurückbekam. Der Sprecher des lieben Gottes sprach Englisch. Er sagte: "Be assured that we are aware of the difficulty of your situation. All I can say at the moment is that it's due to some unexpected and inexplicable error of our system. We assure you that the problem will be addressed as soon as possible."

Frau Frogg maulte: "Ach, erzählen Sie mir doch nichts! Ich weiss doch, dass Ihr andere Prioritäten habt! Nehmen wir nur Aids, Welthunger und ein kleines Öl-Leck im Golf von Mexiko!"

Der Sprecher des lieben Gottes räusperte sich verlegen. "Yes. Well. I'd like to draw your attention to the fact that we've made some fair progress in the case of Aids. But there's something else I'd like to say: Please allow me to to apologize for any inconvenience caused by the situation." Mehr hatte er nicht zu sagen. Doch es genügte.

Danach ging es mir besser.

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