bei freunden

4
Jun
2017

Liebesgeschichten

Für alle, die sich fragen, was ich eigentlich so treibe: Ich habe wieder einmal fremdgebloggt, diesmal über zwei Frauen, die einander ihre Liebesgeschichten erzählen. Zum wiederholten Male. Hier.

28
Feb
2017

Drei Träume

13. Februar: Der Kulturflaneur und ich wohnen in einem Schloss mitten in einem Wäldchen am Fluss. Die Burg ist baufällig, Trümmer liegen in den Räumen. Die Schlossherren sind auch da, schreiten umher und sprechen englisch. Nachts kommen Marder herein und spielen zwischen den Trümmern. Eine Psychotherapeutin, die auf Besuch kommt, kann nicht schlafen. Der Kulturflaneur und ich verlassen das Schloss. Im Wäldchen begegnen wir einem Italiener, der auf der Suche nach einer Bleibe ist. Wir kommen zu einer Pizzeria. Unser Begleiter verwandelt sich in einen Wolf und verjagt den Pizzabäcker - dann zieht er selber in die Pizzeria ein. Ich erwache und bin überschäumend fröhlich, weil unser Freund ein neues Daheim gefunden hat.

14. Februar: Abends besuche ich ein Ausgehlokal. Es ist gebaut wie ein Basar in Istanbul, mit vielen verschachtelten Innen- und Aussenräumen. Ich treffe Judith, eine Freundin aus meiner Zeit in der Kulturszene. Ich will mit ihr sprechen, aber sie hat keine Zeit für mich, sie muss arbeiten. Dann sehe ich Matz, auch einen alten Bekannten. Doch auch er wird nicht mit mir sprechen, er hat mich immer verachtet. Ich gehe in einen Aussenraum und finde vor dem Eingang zu einer Bar drei schalenförmige Stühle. Auf einen davon setze ich mich und schlafe ein. Ich reisse mich aus dem Schlaf und betrete die Bar. Dort laufen am Fernsehen Bilder vom Ukrainekrieg. Der Barmann sagt: "Sie habe ich hier noch nie gesehen." Ichv ersichere ihm, dass ich oft hier im Haus bin - aber selten an dieser Bar. Die Explosionen im Fernseher erschüttern das Gebäude. Ich komme mit einer Krankenschwester ins Gespräch. Sie wohnt an der Strasse am Fluss, im gleichen Haus wie ich früher. Sie fragt mich, an welcher Busstation ich jeweils ausgesteigen sei. Sie sagt: "Ich weiss nie, wo ich aussteigen soll. Ich habe überall Angst, vergewaltigt zu werden." Wir fahren zusammen dorthin, aus dem Stadtfluss ist eine grüne Landschaft mit zwei alten Holzbrücken geworden. Trotzdem weiss ich noch genau, wo wir aussteigen müssen. "Es ist doch ganz einfach", sage ich. Dann wache ich auf. Ich bin abgrundtief traurig.

15. Februar: Ich habe ein Klassentreffen unserer Gymnasiums-Klasse, aber ich erinnere mich an nichts Genaues - es ist, als sträube der Traum sich gegen das Erinnertwerden. Aber ich erwache glücklich. Ich bin sicher, dass ich im Traum all jene Kolleginnen und Kollegen gesehen habe, die mir damals etwas bedeutet haben: Astrid und Sibylle, Regula und Lukas und Erich.

Das ist mein Beitrag zum zweiten diesjährigen Wort des famosen Projektes *txt. Es lautet "nächtelang".

24
Jul
2016

Türkische Freundin

A. hat dunkle Locken wie ich und spricht ein fröhliches, gebrochenes Englisch. Ich lernte sie vor Jahren irgendwo in der Türkei kennen. Schon damals arbeitete sie in einem Hotel ein einer Touristenstadt, hatte mit Kopftüchern nicht viel am Hut und trank gerne ein Gläschen. Eine Frau Mitte dreissig, ohne Mann, aber mit einer grossen Familie. Eine Frau, die viel arbeitet, gerne reist und das Leben geniessen will.

Wir sind all die Jahre in lockerem Kontakt geblieben. Vier Tage nach dem Putschversuch erkundigte ich mich, wie es ihr gehe. Die Antwort kam schnell und klang verzweifelt. "Mein Hotel wird sehr bald geschlossen", schreibt sie. "Wir hatten grosse Probleme, zuerst mit den Russen, dann die Anschläge in Istanbul. Ich weiss nicht, wie es weitergeht. Wir versuchen, irgendwie zu überleben."

Davor waren die Berichte aus der Türkei für mich durchaus beunruhigend, aber auch schemenhaft. Putschversuch, Einschränkung der Pressefreiheit, verhaftete Richter, Massendemonstrationen von Erdogan-Anhängern, eine handfeste Wirtschaftskrise - das alles übersteigt das durchschnittliche westliche Fassungsvermögen.

Aber seinen Job zu verlieren, mitten in einer Zeit, in der alle anderen auch ihren Job verlieren! Das ist schlimm, das kann ich nochvollziehen. Der Rest ist wohl mindestens so schlimm, ich ahne es nun plötzlich. "Ich empfinde tiefe Furcht, wenn ich an die kommenden Tage denke", schreibt A.

Ich wünschte, ich könnte etwas tun. Aber selbst wenn ich hier, auf einem sterbenden Blog mit zwei Dutzend Lesern, dem Schrecken eine Stimme zu geben versuche, ist das im Grunde heikel. Wir wissen ja, dass der zensurwütige Erdogan seinen Blick auch auf die westlichen Medien gerichtet hat. Mir kann er nichts anhaben. Aber A.?

6
Feb
2016

Elf Fragen

In hohem Bogen hat mir frau tikerscherk aus Berlin ein Stöckchen zugeworfen. Es flog geraume Zeit, dann habe ich es aufgefangen und eine Weile freudig daran herumgenagt. Hübsches Stöckchen! Vielen Dank, Frau Tikerscherk!

Ich werfe vier Stöckchen - je an katiza (obwohl ich mich zunächst nicht traute, es ihr zuzuwerfen - ich bin ihr selber noch eins schwach), die Testsiegerin, la-mamma, Herrn Steppenhund und an den Herrn T. Meine Fragen dann unten.

Eine Abenteuerreise wartet auf Sie. Was wäre für Sie das absolute Abenteuer?

Noch vor wenigen Tagen träumte ich davon, meinen vierten Roman zu schreiben. Was für andere Klettern am Kilimandscharo, meditieren im tibetischen Kloster oder Paris-Roubaix ist, ist für mich das Schreiben von Romanen. Jetzt aber muss ich zuerst meine Instagram-Sucht besiegen, bevor ich damit anfangen kann.

Sie dürften bestimmen, wer eine Spende von 10000 € bekommt. Wer wäre das und warum?

Ganz gewiss eine gute Hilfsorganisation, die den Syrien-Flüchtlingen in der Türkei, in Jordanien und im Libanon vor dem Hunger bewahrt. Weil ich dort gereist bin. Weil mir nahe geht, was dort passiert.

Für einen Tag dürften Sie in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen. Von wem wüssten sie gerne, wie sich sein Leben anfühlt?

Ich würde mit meiner Kollegin Wanda tauschen - weil ich nicht verstehe, warum sie ihre Internet-Dating-Probleme nicht lösen kann und ihr helfen möchte (wenn jemandem beim Internet-Dating überhaupt zu helfen ist). Die Bedingung wäre: Sie muss einen Tag in meine Haut schlüpfen. Damit mal jemand anderes sich einen Tag lang meinen Tinnitus anhören muss.

Und welches Tier wären Sie gerne, wenn das möglich wäre?

Ein Delfin - denn wie sagte Douglas Adams: Sie haben unglaublich viel Spass. Sie sind die intelligentesten Tiere, die es gibt. Und Douglas Adams ist in solchen Fragen eine hohe Autorität. Laut Adams wissen Delfine auch die Antwort auf die Frage, was das alles soll (die Welt, das Leben etc.). Sie lautet "4". Oder war es "42" - Na, egal, wenn ich ein Delfin wäre, wüsste ich es. Und: Sie wissen, wann man sich absetzen muss. (Hier alles über Delfine).

Hat schon mal ein Traum Ihr Leben beeinflusst?

In diesen Nächten träume ich lebhaft, hänge in Kneipen herum und habe ganz allgemein viel Spass. Das ändert nichts an meinem Wachleben. Aber es hilft, wenn ich mich tagsüber zuweilen etwas isoliert fühle.

Lieblingsbücher liest man gerne mehrfach. Welches haben Sie am häufigsten gelesen?

­Soll ich die gebüldete Antwort geben? Dann wäre es die "Blechtrommel" von Günter Grass. Wegen dieses Buchs habe ich sogar Germanistik studiert (was vielleicht nicht die beste Entscheidung in meinem Leben war, aber schön war's trotzdem). Aber vielleicht war es auch "One Day" von David Nicholls - weil eine hinreissende Liebesgeschichte. So geweint!

Wenn Sie in ein anderes Land fliehen müssten, dessen Sprache sie nicht sprächen und wo Ihre Berufsausbildung nicht anerkannt würde, mit welchen Fähigkeiten könnten Sie sich den Lebensunterhalt verdienen?

Hmm ... mein Leben ist schon sehr sprachlastig, fürchte ich. Salat pikieren kann ich. Auch Tabak pflücken. Wenn die Schrift dieselbe wäre: Briefe sortieren. In einem Bibliotheksmagazin Bücher versorgen. Kleinen Kindern ihre Nöte und Freuden von den Augen ablesen.

Verraten Sie uns ihr Lieblingskuchenrezept?

Da müssten Sie den Herrn Kulturflaneur fragen - der kocht und backt das meiste, was ich gerne esse. Auch die Spinattorte mit Pinienkernen, die ich so heiss liebe.

Unter Ihrem Balkon soll jemand ein Ständchen singen. Sie dürfen sich Sänger und Lied wünschen. Also, wen und was wünschen Sie sich?


Puh ... ich passe. Ich darf das - ich würde ihn eh nicht hören.

Auf welche fünf Lebensmittel können Sie nicht verzichten?

Kaffee, Käse, Kirschen, Kartoffeln - und, ja, Schokolade.

Die Elf ist die Zahl des Narren. Wenn Sie sich denn verkleiden würden, als was würden Sie zum Karneval gehen?

Als auffallend unauffälliger Herr im Trenchcoat - unter dem Hut lugt eine lange, neugierige Nase hervor - vielleicht bin ich vom NSA, vielleicht vom Staatsschutz, kommt ganz auf die jeweilige Aktualität an.


- Eine Abenteuerreise wartet auf Sie. Was wäre für Sie das absolute Abenteuer?
- Wie halten Sie es mit Geld: Ausgeben oder horten? Opulent oder asketisch?
- Sie dürften bestimmen, wer eine Spende von 10000 € bekommt. Wer wäre das und warum?
- Für einen Tag dürften Sie in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen. Von wem wüssten sie gerne, wie sich sein Leben anfühlt?
- Und welches Tier wären Sie gerne, wenn das möglich wäre?
- Hat schon mal ein Traum Ihr Leben beeinflusst?
- Lieblingsbücher liest man gerne mehrfach. Welches haben Sie am häufigsten gelesen?
­- Wenn Sie in ein anderes Land fliehen müssten, dessen Sprache sie nicht sprächen und wo Ihre Berufsausbildung nicht anerkannt würde, mit welchen Fähigkeiten könnten Sie sich den Lebensunterhalt verdienen?
- Welcher Song müsste an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
- Auf welche fünf Lebensmittel können Sie nicht verzichten?
- Die Elf ist die Zahl des Narren. Wenn Sie sich denn verkleiden würden, als was würden Sie zum Karneval gehen?

16
Jan
2016

Im Indianerkleid


Silberpfeil-Comics hatten wesentlichen Einfluss auf Frau Frogg's kindliche Vorstellung von cooler Frauenbekleidung (Bildquelle: lambiek.net)

Manchmal durften mein kleiner Bruder und ich in Grossvaters roten Opel Rekord steigen. Dann fuhr er mit uns zum nächsten Kiosk und kaufte uns einen Stapel Andy und Bessy- und Silberpfeil-Comics. Wir wussten, dass das ein anrüchiges Vergnügen war. Comics galten als Schundliteratur - andere schenkten ihren Enkeln gewissenhaft richtige Bücher. Was unser Vergnügen an Andy und Bessy & Co. aber eher befeuerte. Und unseren Grossvater liebten wir gerade deshalb, weil er sich um gewisse Konventionen überhaupt nicht scherte. Er traute uns offensichtlich Dinge zu, vor denen bravere Leute ihre Kinder schützen zu müssen glaubten. Darauf waren wir sogar ein bisschen stolz.

Als ich neulich auf Herrn Wortmischers Kleider-Alphabet als zweitletzten freien Buchstaben ein "I" vorfand, fiel mir dazu spontan das Wort "Indianergwändli" ein - und die Episode mit meinem Grossvater. Und dass ich als Kind immer ein Kleid wollte wie Mondkind, die Heldin und einzige weibliche Identifikationsfigur in Silberpfeil. Das karminrote, sehr beinfreie Stück ist im Bild oben links gut sichtbar.

Hat mir die Lektüre dieser Comics irgendwie geschadet? Wahrscheinlich nicht. Tatsache ist: Vor zwei drei Jahren habe ich entdeckt, dass meine Eltern sie sogar aufbewahrt haben. Offenbar war ihnen die Erinnerung an unser Lesevergnügen wichtiger als ihr literarischer Wert. Jedenfalls gaben sie sie meinen Nichten zu lesen. So sah ich sie auch wieder mal - und hatte einen sehr tantenhaften Reflex: Ich fand die Bilder für Kinder sinnlos übersexualisiert und das Frauenbild eine Katastrophe. Ich war geradezu erleichtert, dass meine Nichten das Zeug zwar zügig lasen, aber offensichtlich nicht sonderlich interessant fanden.

Eins weiss ich mit Sicherheit: Ich bekam dann ein Indianerkleid - zur Fasnacht 1976. Womit auch die Frage beantwortet ist, was ein "Gwändli" ist: ein Karnevalskostüm eben. Ich war aber schwer enttäuscht von dem, was ich da tragen musste. So also sieht es aus, wenn man versucht, die Fiktion in die Realität umzusetzen, dachte ich.


Frau Frogg (10) an der Fasnacht 1976 - daneben der Kleine Bruder (7) in gekonnter Cowboy-Pose

10
Jan
2016

Der Journalist

"Ein paar Jahre war ich bei den 'Kleinstädter Nachrichten", sagt Hörbi, mein neuer Bierbekannter. "Oh", sage ich, "dann kennst Du all die alten Kämpfer dort - Reto Windlinger, Walter Hämmerli ...?!" Ich erinnere mich selber gut an die beiden. Ich war den früher nuller Jahren Redaktorin beim 'Mittelstädter Anzeiger'. Damals tauschten wir täglich Berichte mit den Kleinstädter Kollegen aus.

"Jaja, Reto Windlinger!" Hörbi lacht vergnügt in sich hinein. Ich auch. Reto Windlinger - Kürzel "wir."! Die Seele der Kleinstädter Nachrichten. Manchmal schob er wochenlang Dienst, fast jeden Tag, von mittags bis spät in die Nacht hinein. Füllte alles ab, setzte Titel und Bildlegenden, verhandelte mit freien Mitarbeitern und uns Mittelstädtern. "wir." war kein Alphatier, kein Blattmacher-Typ, mehr der stiller Schaffer. Er errötete schnell. Aber er war routiniert und verlässlich. Knurrte höchstens ein bisschen herum, wenn andere im Tohuwabohu längst die Nerven verloren hätten. Seine Berichte über die häufigen Finanz-, Spar- und Budgetdebatten im Kleinstädter Kantonsrat waren kompetent, wenn auch da und dort etwas holprig geschrieben. Das Theater liebte er - seine Kurzbesprechungen aus der Kleinstädter Kleintkunstbühne enthielten Herzblut, man merkte es. Über sein Privatleben wusste niemand etwas.

"Ja, und dann wurde Reto pensioniert", sagte Hörbi. "Wir feierten seinen Abschied, und dann fuhr er mit der S-Bahn nach Hause. Und am nächsten Tag sass er wieder in seinem Büro und arbeitete. Und am übernächsten Tag auch. Am dritten Tag sagte der Chef zu ihm. 'Reto, Du bist jetzt pensioniert. Du bekommst keinen Lohn mehr.' Nichtsdestrotrotz kam Reto am nächsten Tag wieder. Und so jeden Tag. Ab und zu schrieb er noch über Parlamentssitzungen. Er ging noch ins Theater. Und sonst - ich weiss es nicht.

Nach drei Monaten sagte der Chef: 'Reto, Du musst jetzt Dein Büro räumen. Wir haben hier gar keinen Platz mehr für Dich.' Ein paar Wochen lang passierte gar nichts. Reto kam immer noch fast täglich. Erst allmählich begann er, Papierstapel aus seinem Büro hinauszutragen. Kubikmeterweise. Tage-, nein, wochenlang trug er Stapel hinaus, einen nach dem anderen. Den einen oder anderen Stapel andere stopfte er einfach in die Büchergestelle anderer Kollegen. Und manchmal sah man ihn auch mit einem Stapel wieder in sein Büro hineingehen."

"Um Gottes Willen", sagte ich.

"Jemand anderes bekam dann sein Büro. Aber er kam immer noch. Er arbeitete einfach an Schreibtischen von Kollegen, die gerade frei hatten. Manchmal ass er an den Schreibtischen der Kollegen und hinterliess Spuren - Brotbrösmeli oder die Ränder von Kaffeetassen. Das sorgte für Unmut, sage ich dir!"

"Und jetzt? Ist er immer noch dort?" frage ich.

"Ich habe keine Ahnung", sagt Hörbi. "Irgendwann bin ich weg von den 'Kleinstädter Nachrichten'."

Das ist mein Beitrag zum ersten neuen Wort im Projekt *txt auf neonwilderness - "nichtsdestrotz".

6
Dez
2015

Fernbeziehung

"Er hat eine Stelle in Berlin in Aussicht. Wenn er die bekommt, na, dann haben wir eben wieder eine Fernbeziehung. Schon wieder", sagte meine Lunch-Bekannte Elfie. Sie wohnen erst seit kurzer Zeit zusammen. "Ich hatte auch mal eine Fernbeziehung", sagte ich. "Das war während meines Studiums. Er war in Luzern, ich in Bern. Eine Stunde vierzig war das damals mit dem Zug."

"Das kann man ja kaum eine Fernbeziehung nennen!" lacht Elfie. Ja, klar. Heute ist das keine Fernbeziehung mehr. Heute ist Hamburg-Zürich das Minimum. Alles andere ist kleinkariert. Fernbeziehungen sind Status-Symbole. Wenn man schon die Strapazen einer vierstündigen Zugfahrt mit einem Hörsturz bezahlt wie ich, fällt einem das auf. Das Gegenüber sagt dann nicht nur: "Ich habe eine Fernbeziehung." Es sagt auch: "Ich bin stark. Ich brauche den Liebsten nicht täglich an meiner Seite." Und: "Ich bin tough. Ich habe die Kraft für diese Reisen." Und: "Ich habe einen intimen Kontakt in einer fernen, grossen Stadt. Ich habe ein aufregendes Leben."

Nun gut, vielleicht hat Elfie das alles gar nicht mitgemeint. Elfie ist jung, klug und wirklich sehr liebenswürdig.

Aber ich habe es damals mitgemeint. Ich wusste es nur noch nicht. Bern-Luzern ging damals als Fernbeziehung noch ziemlich gut durch.

Ich sage Elfie dann doch nicht, was ich damals gelernt habe: dass eine Fernbeziehung erst richtig aufregend wird, wenn aus ihr eine Nahbeziehung werden könnte. Dann fallen die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen: Bin ich tatsächlich stark? Oder habe ich mich nur für stark gehalten, weil er mich aus diskretem Abstand beschützt hat? Bin ich schon bereit, die Ketten der Monogamie definitiv zu tragen? Schrecke ich zurück, wenn ich die Schnappfalle Mutterschaft aufblitzen sehe? Manchmal fallen sie dann wie Hackebeilchen, die Antworten.

"Distanz" heisst das sechzehnte Wort im Projekt *txt auf neonwilderness. Das hier ist mein Beitrag.

8
Nov
2015

Wenn Funken sprühen

Normalerweise ist alles ganz einfach, wenn Dominik uns ein Stichwort für sein Projekt *txt gibt. Ich mache in meinem Kopf ein sandiges, dunkles Plätzchen frei. Dann setze ich Regisseurin Frogg davor auf einen Stuhl. Sie wartet. Irgendwann kommen die Ideenfünkchen, eins ums andere. Wir lassen sie Revue passieren, sich drehen und wenden - und plötzlich springt Regisseurin Frogg auf und ruft: "Das ist es!" Dann machen wir aus dem Fünkchen ein Feuerwerk - oder versuchen es wenigstens.

Doch dann kam das fünfzehnte Stichwort. "'Tanz'", maulte Regisseurin Frogg. "So etwas Blödes!" Und tagelang wagte sich nur ein einziges, müdes Fünkchen hervor: die Mauerblümchen-Episode. "Naja, dann werde ich mich eben wiederholen", seufzte Regisseurin Frogg. Aber dann war ihr selbst das Sich-Wiederholen zu blöd.

Wir prügelten ein paar andere Fünkchen heraus. Die Erinnerung, wie das damals war in den Discos unserer Vorstädte. Wie wir die Haare im Licht der Leuchtkugeln flackern liessen. Wie die Jungs aus den Fabriken Luftgitarre spielten. Aber sorry, lästerte Regisseurin Frogg, das waren unsere kleinen Privat-Ekstasen - das ist doch keine Geschichte!

Da waren noch zwei, drei andere Fünkchen. Ich habe viel getanzt, schon als kleines Kind. Doch Regisseurin Frogg gähnte immer nur. "Das interessiert mich nicht", sagte sie gereizt. "Diesmal passen wir."

"Was ist denn los?" bohrte ich nach. Da stand sie auf, schleuderte zornig ein paar Schreibwerkzeuge durch die Gegend und sagte: "Es ist die verdammte Schwerhörigkeit! Aber ich will nicht schon wieder über die verdammte Schwerhörigkeit labern!"

Da drehten wir uns um, denn plötzlich leuchtete eine richtige Flamme auf unserem Sandplätzchen. Es war die Erinnerung daran, wie ich zuletzt getanzt habe. Zu Hause, vor drei, vier Jahren - ich wusste schon, dass ich schwerhörig werden würde. Ich wusste schon, wie sich das anfühlt: Musik verliert ihren Geschmack, ihre klaren Linien, ihr Leuchten, mit dem sie uns mitten im Körper trifft. Damals konnte ich die Taubheit noch aufhalten. Ich tanzte gegen sie an - zu allem, was ich finden konnte - zu den Stones und Arcade Fire, zu 16 Horsepower, The Clash, Fleetwood Mac und dem Buena Vista Social Club. Ich tanzte wie eine Furie.

Diese Zeit kommt nicht wieder - aber deshalb muss mich niemand bemitleiden. Nie hat jemand getanzt wie ich damals. Schon die Erinnerung setzt mir fast die Kleider in Brand.

27
Sep
2015

Freud'scher Verhörer

"Sie haben gestern Abend ihr ganzes Programm ungeplagt gespielt", sagte Herr T. Er sprach von einer Band. "Ungeplagt?! Hä!?" fragte ich. Aber Herr T. redete einfach weiter und irgendwann begriff ich: Er hatte nicht "ungeplagt" sondern "unplugged" gesagt.

Mir war wieder mal ein Mondegreen passiert. Mondegreens passieren Schwerhörigen oft: Man hört zu, es muss schnell gehen, man verhört sich. Ich habe auch schon über sie geschrieben - darüber, wie aus Bohnenallergikern Pollenallergiker werden und so. Oft sind sie einfach lustig. Aber manchmal geben sie wie Poesie etwas über den Seelenzustand eines Menschen preis.

So habe ich nach einem ungeplagten Konzert seit Jahren eine tiefe Sehnsucht. Ich meine: Ich gehe ja schon lange nicht mehr an Konzerte, denn Musik tut mir Menière-Patientin weh in den Ohren, ist immer zu leise oder zu laut oder beides gleichzeitig. Kurz: eine Plage.

Ich musste an Freud'sche Versprecher denken. Ihr wisst schon: Jene sprachlichen Fehlleistungen, bei denen wir unwillkürlich zum Besten geben, was wir wirklich denken oder uns wünschen. Ob es auch Freud'sche Verhörer gibt?

Ich habe auch noch ein paar neue Mondegreen-Müsterchen. "Trotz Sturm eingeweiht", lautete die Schlagzeile zum riesigen Neubau auf dem Bild unten am 18. September am Schweizer Fernsehen:


(Bildquelle: handelszeitung.ch).

Ich hielt das Haus offenbar nicht für sehr wetterfest. Die Schlagzeile hiess in Wirklichkeit aber "Roche-Turm eingeweiht".
Und am 16. September stellte ein Sprecher am Radio seinen Interviewpartner vor: "In Sachen Bankgeheimnis ist er vom Saurus zum Paulus geworden." Freud'sche Verhörer? Mutmasst selber!

Dies ist mein Beitrag zum Projekt *txt auf neonwilderness. Das dreizehnte Wort heisst "verstehen".

13
Sep
2015

Lexikon der Räusche

Mit meinem Syrien-Epos geht es hier so bald wie möglich weiter. Zuerst aber ein Abstecher in die neonwilderness, zum zwölften Wort der famosen Reihe *txt: "Rausch".


Der französische Poet Charles Baudelaire - was den Rausch betrifft, so hatte er den Durchblick (Quelle: veryimportantpotheads.com)

Enivrez-vous, befahl uns einst Charles Baudelaire - "berauscht Euch!" Baudelaire hat begriffen: Wenn wir nicht gerade gerade ums nackte Überleben kämpfen, brauchen wir den Rausch. Sonst lastet uns das Leben mit tödlicher Schwere auf den Schultern. Wir brauchen den Adrenalin-Kick, die Ekstase, den geistigen Höhenflug. Den Kater nehmen wir dafür in Kauf. Wenn die Sucht droht - naja, Schicksal. So könnte jeder von uns ein kleines Lexikon der Räusche schreiben. Baudelaire nennt den Wein, die Dichtung und die Tugend. Hier ist meins:

Alkohol-Rausch: Mit Nostalgie erinnere ich mich an die Wodka-Räuschchen, die ich ein paarmal in Russland hatte. Wodka macht in moderaten Mengen fröhlich und geistreich. Doch auch ein hübscher Weinrausch hat hat seine Qualität. Er lässt uns die ungeheure Tiefe von Dingen erkennen, die wir nüchtern gänzlich banal finden würden - und uns darüber in metaphysisches Gelächter ausbrechen.

Cannabis-Rausch: Nie mein Favorit - hier mehr dazu.

Kaffee-Rausch: Kaffee ist eine unterschätzte Droge. Wer es nicht glaubt, mache einen Entzug. Der erste Espresso nach zwei Tagen Kopfweh und Weltuntergang: Welch ein Genuss! Im Nu vertreibt er jede Granteligkeit und weckt in uns liebevolle Neugier auf die Welt.

Liebesrausch: Wir behaupten, die Liebe sei ein altruistisches Gefühl. Doch wenn wir uns verlieben, dann lieben wir oft unser schmerzhaft süsses Begehren mehr als sein Objekt. Verliebtheit macht schnell süchtig. Der kalte Entzug heisst Liebeskummer - die nachhaltigere Methode: Paarbeziehung, Zweierkiste oder Hochzeit. Da kommt dann im besten Fall die wahre Liebe.

Musik-Rausch: Dem lieben Gott kann auf Erden nur nahe sein, wer Musik hört. Deshalb sind 1000 Arten des Musik-Rausches bekannt. Zum Beispiel die Massen-Ekstase am Rock-Konzert; die Trance, wenn die eigene Stimme im Chor aufgeht; das einsame Hochgefühl auf YouTube.

Natur-Rausch: Wenn ich den Wald hochgekeucht bin, die Flecken der Herbstsonne auf dem dürren Laub gesehen habe und zuoberst über das Land blicke, dann fühle ich mich erhaben. Am nächsten Tag tun mir die Füsse weh - aber das ist kein Kater, denn ich habe Sport getrieben

Nikotin-Rausch: Diese Schwindel erregende Leichtigkeit im Kopf, dieser kurze Glücksmoment - dann der Kater: Kratzen im Hals und Schweratmigkeit.

Politischer Rausch: Man zelebriert das Wir-Gefühl, man erhitzt sich an Parolen. Man lässt sich von bodenständigen Rednern in Begeisterung versetzen. Man frönt süssen Glauben, dass Phrasen wahr werden, wenn möglichst viele sie wiederholen. Wir hatten geglaubt, nur die Musik (siehe Musik-Rausch) könne heute noch solche Massen-Räusche auslösen. Aber die Politik erlebt gerade ein Comeback als Rauschmittel. Nicht bei mir - Politik ist das einzige, was ich nüchtern und sachlich mag.

Schaffensrausch: Schriftsteller kennen sie - die heilige Ekstase beim Übertritt ins Reich der Fiktion. Journalisten kennen ihn - den wach haltenden Kick einer guten Story, einer Hammer-Nachricht. Aber, Warnung: Braucht Kraft und kann auf die Dauer gesundheitsschädigend sein.

Sport-Rausch: Siehe Natur-Rausch.
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