1
Nov
2012

Tipps für die Bücher-Entsorgung

Viele Leute sagen: "Ich kann keine Bücher wegwerfen." Seit dem Nationalsozialismus haftet der Bücher-Beseitigung der Ruch des Frevels an. Wer Bücher zerstört, zerstört hehre geistige Werte. Glaubt man. Man vergisst: Seit jener Zeit hat sich der Buchmarkt radikal verändert. Heute ist das Buch ein Konsumgut, Kleidern nicht unähnlich. Wer mehr Bücher als Platz hat, sollte sich nichts darauf einbilden. Nein. Er sollte Platz schaffen. Hier ein paar Tipps:
  • Wer Bücher nicht ins Altpapier schmeissen will, bringe sie ins Brockenhaus. In der Schweiz gibt es das Bücher-Brocky - eine grossartige Erfindung gegen das schlechte Gewissen. Einzige Gefahr: Man kommt wahrscheinlich mit vielen neu gekauften Büchern wieder heraus.
  • Beginnen Sie dort, wo am meisten Platzbedarf besteht. Je länger der Tag dauert, desto schwieriger wird es, sich von Dingen zu trennen.
  • Schauen Sie jedes Buch an und fragen Sie sich: Habe ich es gelesen oder kürzlich etwas darin nachgeschlagen? Lautet die Antwort "Nein"? Dann weg damit!
  • Sind Sie immer noch unsicher? Dann fragen Sie sich: Werde ich es jemals lesen? Geben Sie sich zu dieser Frage eine schonungslose Antwort. Je länger ein Buch im Gestell steht, desto eher werden Sie es nicht lesen. Blättern Sie notfalls ein bisschen. Sind Sie dann nicht von einem Satz sofort fasziniert: Weg damit!
  • Falls Sie sich an die Lektüre erinnern, stellen Sie sich die Fragen: Ist es ein gutes Buch? Edit: Enthält es Stellen, über die ich hin und wieder nachdenke? Empfinde ich ein starkes Gefühl bei der Erinnerung an die Lektüre oder beim Anblick des Buches? Erinnert es mich an ein gutes Erlebnis oder eine geschätzte Person? Falls die Antwort auf alle drei Fragen "nein" lautet: Weg damit!
  • Vielleicht halten Sie ein Buch in der Hand und fragen sich: Hat es antiquarischen Wert? Recherchieren Sie im Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher. Sie werden sehr wahrscheinlich enttäuscht werden. Bei den meisten Büchern stehen die Anbieter Schlange - nicht aber die Kunden.
  • Sie halten ein Buch in der Hand, das Sie an der Uni oder in der Schule gelesen haben. Es ist ein Klassiker aus den fünfziger, sechziger oder siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie erinnern sich kaum an die Lektüre. Doch Sie glauben, dass es ein gutes Buch ist. Blättern Sie ein bisschen darin. Googeln Sie es. Sie werden schnell herausfinden, ob es in der öffentlichen Wahrnehmung Bestand gehabt hat.
  • Darf man Nachschlagewerke entsorgen? (Motto: Es gibt ja alles auf dem Internet) Antwort: Ich weiss es nicht. Mein Tipp: Blättern Sie ein bisschen. Wenn Sie ohnehin nicht verstehen, was in den Buch steht: Weg damit!
Ist das radikal? Mag sein. Aber Sie sollten nicht vergessen: Selbst wenn Sie oder die öffentliche Hand verarmen; selbst wenn sämtliche öffentlichen Bibliotheken weggespart werden: Brockenhäuser wird es noch lange geben. Und von E-Books haben wir hier noch gar nicht gesprochen.

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Falkin - 5. Nov, 11:58

Gefällt mir vorzüglich.
Evtl auch deswegen, weil ich mich in und mit den Jahren zu einer rigorosen Anti-Messie-anerin entwickelte. Alles, was nicht niet- und nagel-fest, wird von mir entsorgt.

In meiner vorherigen Behausung noch... gab es meine "Bibliothek". Ich bedurfte dieser Bibliothek, a) weil ich mir stets einen vom Boden bis zur Decke mit Büchern gefüllten Raum wünschte b) schlicht und ergreifend, weil es mir in meiner Eitelkeit gefiel, mit diesem Attribut zu schmücken.

...aber mit dem Neuanfang... HIER... also im jetzigen Domizil... da griff ich die wenigen Bücher, die mir wirklich Seelenblut meinen und der Rest wurde entsorgt. Details der traurigen Entsorgung verschweige ich bewußt. Nun also gibt es noch exakt eine Bücherwand. Einen kleinen Leseraum mit gemütlicher Banke und viel Licht - nämlich unser "umfunktionierter Windfang". Da ich wie eine Besessene lese, stapeln sich zugegebenermaßen im Schlafzimmer in vorgesehenen Regalen neue Bücher, die ich jedoch hurtig an lesefreudige Freundschaft weiter verschenke.

So ist das. Früher.... da brauchte man die LP-Sammlung, die Bücher-Sammlung, als seien sie exponierte Charaktereigenschaften... heutzutage bin ich alt genug... über mich und (teils abgelegte) Allüren zu lächeln.

Aber sollte ich jemals ein Schloß beziehen, also mehr als die hier bewohnten 250 qm, DANN möchte ich auch eine Bibliothek. Aber eine mit ganz alten Büchern und nicht einer unüberschaubaren Sammlung historischer Romane der Neuzeit, die traurigerweise meistenteils doch nur Schund sind und nicht mehr als schlechte Attrappen sind. So isses.

steppenhund - 5. Nov, 12:27

Also 250qm ist doch eh schon ausreichend für eine Bibliothek.
diefrogg - 5. Nov, 13:05

Sie haben genauestens...

auf den Punkt gebracht, was ich meine, Frau Falkin. Ich bin selber eine besessene Leserin. Aber ich habe es aufgegeben, der Welt oder mir selber mit meinem Büchergestell etwas beweisen zu müssen.

Auch ich wäre eine rigorose Anti-Messianerin - und Bücher liebe ich so sehr, dass ich sie auch gerne wieder und wieder in die Hand nehme, umstelle und auch Platz für Neues schaffe. Bei anderen Dingen fällt es mir oft an der Lust - und auch an der Sachkenntnis, wie ich beim Räumen der Wohnung meines Schwiegervaters festgestellt habe.
steppenhund - 5. Nov, 12:41

Falls Sie sich an die Lektüre erinnern, stellen sich die Fragen: Ist es ein gutes Buch? Empfinde ich ein positives Gefühl bei der Erinnerung an die Lektüre oder beim Anblick des Buches? Erinnert es mich an ein gutes Erlebnis oder eine geschätzte Person? Falls die Antwort auf alle drei Fragen "nein" lautet: Weg damit!

Das ist mein Problem. Bei den meisten Büchern habe ich eine gute Erinnerung.

Die Klassiker behalte ich. Manchmal schaue ich etwas nach.
Die Belletristik könnte ich durchforsten. Da ist aber meist obiges Beispiel im Spiel.
Bei den Fachbüchern könnte ich vieles wegschmeißen. Aber da schmökere ich noch immer. Es ist unglaublich, ein Buch aus den Siebzigerjahren zu lesen und sich vorzustellen, was damals als neu und großartig empfunden wurde. Und das hilft mir, den Gesamtzusammenhang zu erkennen.
Ich bin jetzt kurz aufgestanden und habe ohne zu suchen meinen Blick auf irgendein Buch gerichtet. Das Buch ist eine Einführung und Beschreibung von Turbo-Prolog, einer Sprache, mit der man auch künstliche Intelligenz formuliert hat. Das ganze heißt Prädikatenlogik und ist auch heute noch aktuell. (Nicht mehr für mich) Das Buch ist aus den Achtzigerjahren und beschreibt eine Softwareumgebung, die heute nicht mehr verfügbar ist.
Soll ich es wegwerfen? Als ich 1986-1988 Verkaufsleiter für C.Zeiss in der Sovjetunion war, wurden Anfragen nur anonymisiert von den Außenhandelsorganisationen gestellt. Ich hatte mir in Prolog ein kleines Programm gebastelt, dass es mir ermöglichte, aufgrund sehr spärlicher Spezifikationen einen Kunden in Alma Ata zu verorten. Eine nette Erinnerung.
Vor einiger Zeit hat punctum einmal eine Denksportaufgabe in ihr Blog gestellt. Anstelle es zu lösen, habe ich versucht, die generelle Lösung zu programmieren. (Findet sich dort.) Die notwendige Wissensauffrischung habe ich mir im Internet geholt. Aber ich hätte sie auch in dem Buch gefunden.
Naja, so sind es bisher noch immer die ca. 4500 Bücher geblieben, die da den Platz wegnehmen und Staub fangen.
Sollte ich je übersiedeln müssen, reichen mir davon vielleicht 200. Und einen Teil habe ich mittlerweile auf dem Kindle.
Aber die Bücher erzeugen Wohlfühlen. Sie nehmen bei allfälliger Suche eine Vorauswahl vor. Und das schätze ich.
Und ich schätze vor allem den ständigen Beweis, dass es auch schon früher intelligente Leute gegeben hat:)

diefrogg - 5. Nov, 13:06

Ich habe den Verdacht,

Sie sind ein Messie, Herr Steppenhund ;)
Kulturflaneur - 5. Nov, 12:55

Hilfreiche Tipps!

Ja, Frau Frogg, diese Tipps sind sehr hilfreich, wenn auch nicht immer einfach umzusetzen. Ein Zusatztipp bezüglich Brocky: Bei grossen Mengen vorher anrufen! Denn wenn beim Bücher-Brocky sämtliche Lager überquellen, dann verfügt es einen Annahmestopp.

Mit einer Spezialfrage muss ich mich momentan auseinandersetzen: Was mache ich mit Büchern, bei deren Produktion ich beteiligt war, und die ich schon im Doppel (Arbeits- und Ausleihexemplar) im Gestell stehen habe? Behalten und bei Gelegenheit verschenken? Oder ins Brocky und damit unter die Leute bringen?

diefrogg - 5. Nov, 13:08

Hm...

darauf weiss ich jetzt grad keine Antwort. Grundsätzlich fällt mir für Sie aber im Moment nur ein Motto ein, Herr Kulturflaneur: Platz schaffen!
tinius - 5. Nov, 14:34

Meine Bücher bleiben meine. Keine Diskussion. Allerdings überlegen meine 10.000 + Bände, wohin sie mich entsorgen könnten, da es sonst in meiner Einzimmerwohnung Platzprobleme gibt.

Shhhhh - 5. Nov, 14:46

Hah, eine vertraute Stimme. Danke dafür, dachte schon ich bin nicht normal.
steppenhund - 5. Nov, 15:08

Fantastisch. Noch so ein paar wie ich:)
diefrogg - 5. Nov, 17:10

Naja, bei einem...

Buchhändler kann man das ja nachsehen. Allerdings erregt Ihre Bemerkung zur Einzimmerwohnung etc. so etwas wie Sorge in mir, Herr tinius. Ich lerne nämlich gerade, dass das Messie-Syndrom keine liebenswerte Marotte ist, die sich mit den Jahren auswächst - sondern eine ernst zu nehmende Krankheit. Damit möchte ich Ihnen nicht zu nahe treten, ich kenne Sie und Ihre Lebensumstände ja nicht. Aber den Beitrag oben habe ich nicht zuletzt aus einer bestimmten Art persönlicher Betroffenheit über diese Tatsache geschrieben.
tinius - 5. Nov, 22:38

Ich arbeite ja nicht mehr im Buchhandel, aber das Bedürfnis, alle wichtigen Neuerscheinungen verfügbar zu haben, ist geblieben. Die Diagnose "Messie" empfinde ich gewagt, nicht (nur) auf mich bezogen, sondern im Zusammenhang mit dem Büchersammeln allgemein. Klar ist, daß wie bei jedem anderen Sammeln und einigen anderen Hobbies bestimmte Kompensationsmechanismen im Gange sind.
diefrogg - 6. Nov, 13:08

Sie haben recht,

Herr tinius - die Diagnose ist gewagt und steht mir im Bezug auf Sie nicht zu. Es tut mir leid. Ich bitte Sie aber, mir eine gewisse Sorge bei der Lektüre ihres Satzes "Allerdings überlegen meine 10.000 + Bände, wohin sie mich entsorgen könnten, da es sonst in meiner Einzimmerwohnung Platzprobleme gibt" zu erlauben. Natürlich - es mag ein sarkastisch gemeinter Satz sein. Wenn er es nicht ist, dann drückt er doch Kontrollverlust und eine gewisse Resignation aus.
keinekrabbe - 5. Nov, 16:15

Gefällt mir auch!

Mein wichtigstes Kriterium ist: Werde ich das Buch nochmal lesen oder habe ich es schon mehrmals gelesen.
Die meisten meiner Bücher haben mich auf einem wie immer gearteten Weg begleitet. Ist das Ziel (dieses Weges) erreicht und das Thema, das Gefühl und das Sehnen nicht mehr da, kommt es weg.
Meine jetzige Bücherwand ist übersichtlich, steht schlank im Flur und sieht zum Schlafzimmer hinein, das sehr leer ist, aber mit dem Blick auf die Bücher trotzdem gemütlich. Notfalls Tür zu.

diefrogg - 5. Nov, 17:12

Ja, das ist gewiss keine...

schlechte Methode. Für meine Bedürfnisse wäre sie etwas gar radikal. Ich mag volle Büchergestelle. Aber zwei müssen reichen.
la-mamma - 6. Nov, 16:21

ist ein bisschen mühsam,

aber ich schick manchmal bücher mit www.bookcrossing.com auf die reise. da freut sich dann auch meistens wer!

diefrogg - 7. Nov, 10:00

das finde ich sehr...

löblich und auch schön - weil es da noch der soziale Aspekt dabei ist. Eine Weile lang habe ich ein bisschen bei tauschticket.de mitgemacht. Aber aus der Schweiz ist das ein Mist. Der Markt ist hier so klein - und die Gebühren für den Versand von Büchern ins Ausland können Dir finanziell das Genick brechen.
hotcha - 7. Nov, 12:22

Harte Regeln

Liebe Frau Frogg, da bist Du zu hart, finde ich. Ich habe die Regeln alle in der Praxis erprobt, hatte dafür auch mindestens 40 Jahre Zeit.

Beispiel: Svende Merian, Märchenprinz. Habe ich schon zweimal entsorgt, in den 80ern und wieder eben erst. Ein Fehler, denn kürzlich hatte ich wieder Lust, darin zu lesen. Eine halbe Stunde, höchstens. Deswegen gehe ich jetzt nicht auf ZVAB, bis es hier ist, ist mein Interesse schon wieder woanders. Finde ich es ein drittes Mal im Brocki, werde ich es behalten.

Solche Bücher, vor allem Jugendsünden unserer Generation, stehen bei mir in einem Regal, "Giftschrank" genannt. Darin alles, was mich amüsiert, mich in meiner geistigen Überlegenheit bestärkt, Esoterik etwa, politische Erbauungsliteratur, Erlösungsphantasien. Diese Sachen finden sich eben kaum mehr.

Leider muss man dazu reich sein undoder seine Wohnung dafür hergeben. Das Bett wird zum letzten Refugium, der Rest zum Labyrinth. Lagerkosten eben. Die werden immer und überall unterschätzt oder gar nicht einberechnet.

Da Brockenhäuser langsam dazu übergehen, Kassetten, Platten und Bücher nur noch beschränkt anzunehmen, bleibt eben doch fast nur das private Horten oder die Eröffnung einer Bibliothek, die meinen Geschmack ins Zentrum stellt. Ein unlösbares Dilemma, Regeln verschleiern das bloss.

diefrogg - 7. Nov, 18:23

Vielleicht müsste ich...

... meinen fünften Punkt noch etwas präzisieren. Dann hätte ich Ihnen nämlich die volle Lizenz gegeben, die Merian im Giftschrank stehen zu lassen. Vielleicht müsste es dort auch heissen: "Steht in dem Buch etwas, was für mich wichtig ist und worüber ich hie und da nachdenke."

Ja, das müsste ich eigentlich. Denn einem beim Nachdenken zu helfen ist doch die zentrale Aufgabe von Büchern. Ich werde mir erlauben, das nachzuholen. Danke für den Hinweis!
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