3
Aug
2010

Wenn die Kaltfront kommt

Heute Morgen war es wieder einmal soweit: Surren und gurgeln in meinem guten Ohr. Leichter Gehörnachlass.

Ich habe das jetzt lange nicht mehr gehabt. Naja, relativ lange: Seit dem Engadin nicht mehr.

Erst bekam ich Angst. Dann fragte ich mich: Lag es an der Kaltfront, die in der Nacht hereingekommen war? Oder an jenem kurzen Anfall von Zukunftsangst gestern Abend? Oder am unruhigen Schlaf in der Nacht? Oder am riskanten zweiten Kaffee gestern Morgen? Oder an nichts von alldem? Oder an allem zusammen?

Nach der Arbeit ging ich spazieren. Auf einem Parkplatz sah ich einen von Reifen platt gedrückten Frosch. Und plötzlich konnte ich in Worte fassen, was mich in letzter Zeit so befremdet: Es gibt in unserer Gesellschaft Normen für alles und jedes. Es gibt Beratungsstellen. Es gibt Chefs und Sekretärinnen und Zuständigkeiten. Es gibt Freiheiten und Verbote und Mitspracherechte. Es gibt einen öffentlichen Verkehr und Karriereleitern. Wer sich umschaut weiss, was "in" ist und was "out". Es gibt alternative Geburtshäuser, die Spitex-Pflege und das Sterbehospiz. Alles ist bestens organisiert. Wer nicht weiter weiss, schaut im Internet nach.

Aber in gewissen Lebenslagen ist man so allein wie ein auf der Strasse angefahrener Frosch.

2
Aug
2010

Die spinnen, die Briten!

In London gibt es Smoothies und Smoochies, Frappucinos, Cappucinos und Latte Macchiatos. Es gibt Mezze, Sushi, Fish & Chips und Chicken Tikka Masala, kurz: Man kann hier alles essen und trinken, was das Herz begehrt. Und mehr. Aber in unserem Hotel gibt es keine einzige Einzelportion Konfitüre, die sich ohne Zuhilfenahme eines guten Messers öffnen lässt. Es gibt auch keine guten Messer.

Als britische Meisterleistung im öffentlichen Verkehrs gilt der Bau der Docklands Light Railway. In den Neunzigern die ersten Stadtbahnen Europas ohne Lokführer. Futuristisch und elegant. Aber wer an einem Julinachmittag um 16 Uhr an der Station Westferry eine Fahrkarte kaufen will, ist total angeschmiert. Die Sonne scheint direkt auf die Touchscreens aller vier Ticket-Automaten. Die Bildschirme sind brandschwarz Nichts zu sehen. Bediente Schalter gibt es keine. "It's a disgrace!" schimpft die Frau mit dem Kinderwagen. Und Frau Frogg lernt, wie sich ein Blinder vor dem Touchscreen fühlt.

Und dann gibt es Kew Gardens. Hier kommt alles zur Hochblüte, was die Botanik sich je ausgedacht hat: die Leidenschaften des Sammelns, Ordnens und Benennens; phantastische Gewächshäuser; die aus der Sorge um das Klima geborene Pädagogik; das schiere Glück über die Fülle des Lebens.

Kew Gardens Cactus in Kew Gardens
Butterfly in Kew Gardens

Die Kew Gardens wären ein Paradies, eine Oase der Ruhe. Sind sie aber nicht: Sie liegen genau in der Anflugschneise des Flughafens Heathrow. Im Zweiminutentakt donnern die Düsenjets im Landeanflug über die Köpfe der Gäste hinweg.

Kurz: Hier herrscht immer die Superlative - und dann steckt der Teufel im Detail. Vielleicht ist es das, was ich an dieser Stadt so mag.

30
Jul
2010

Triumph über die Sportlichkeit

Eben habe ich diese Neuerscheinung gefunden. Toller Song. Tolles Video*. Ein Triumph der Kunst über den Terror organisierter Sportlichkeit.



An dieser Stelle ein Dankeschön an canela. Ohne Deinen Link auf laut.de hätte ich den Song gar nicht gefunden. Und ich hätte nicht über den Sprecher des lieben Gottes geschrieben.


* Naja, es ist ganz nicht frei von Schwächen. Diese erwachsenen Stimmen aus Kindermündern... das überzeugt nicht. Und der Schluss könnte etwas weniger plakativ sein. Aber sonst... köstlich.

29
Jul
2010

Der Sprecher des lieben Gottes

Wir sassen am Flughafen Zürich. Wir warteten auf unser Flugzeug nach London. Die Panik hatte mich immer noch eisernem Griff. Hier habe ich zu erklären versucht, wie die Panik bei mir funktioniert. Wobei ich die beste Foltermethode der Panik vergessen habe: Sie packt mich und redet mir ein, ich dürfe keine Panik haben - weil sonst nämlich alles viel schlimmer werde. Das funktioniert jedesmal. Das treibt mich jedesmal fast die Wände hoch.

Vor unserem Abflug war ich nahe dabei, die nächste Wand zum Hochgehen zu suchen. Und jetzt hatte auch noch unser Flugzeug Verspätung. Wir würden zu spät in London ankommen. Ich würde viel zu wenig Schlaf bekommen. Ich würde einen Hörsturz haben, ich würde...

Womit hatte ich eigentlich dieses Elend verdient? Empörend! Eine Zumutung!

Ich machte meine Atemübungen und versuchte, etwas zu finden, was ich der Angst entgegenhalten konnte. Irgendetwas.

Da sah ich vor meinem geistigen Auge den Sprecher des lieben Gottes. Er war eierköpfig und schmal, eigentlich etwa zehn Jahre zu alt für einen PR-Menschen mit Öffentlichkeits-Kontakt. Ein Mann mit Sorgenfalten. Vielleicht sass ging es ihm ja wie vielen anderen Arbeitnehmern in ihren Fünfzigern: Gefangen in einer Branche, aus der sie sich besser in ihren frühen Vierzigern noch abgesetzt hätten. Naja, er war der Sprecher des lieben Gottes, das macht wenigstens etwas her.

Er beugte sich über mich und sah genau so besorgt aus wie jeweils Tony Hayward, bevor er sein altes Leben zurückbekam. Der Sprecher des lieben Gottes sprach Englisch. Er sagte: "Be assured that we are aware of the difficulty of your situation. All I can say at the moment is that it's due to some unexpected and inexplicable error of our system. We assure you that the problem will be addressed as soon as possible."

Frau Frogg maulte: "Ach, erzählen Sie mir doch nichts! Ich weiss doch, dass Ihr andere Prioritäten habt! Nehmen wir nur Aids, Welthunger und ein kleines Öl-Leck im Golf von Mexiko!"

Der Sprecher des lieben Gottes räusperte sich verlegen. "Yes. Well. I'd like to draw your attention to the fact that we've made some fair progress in the case of Aids. But there's something else I'd like to say: Please allow me to to apologize for any inconvenience caused by the situation." Mehr hatte er nicht zu sagen. Doch es genügte.

Danach ging es mir besser.

28
Jul
2010

Das Pub der 1000 Rätsel

Herr T. und Frau Frogg überschritten also die Grenze zum Londoner Stadteil Hackney, traditionellerweise als stolzes Arbeiterquartier bekannt. Was bisher geschah, könnt Ihr hier lesen. Zu unserer Rechten lag immer noch schwer und grün das Wasser des Grand Union Canal. Da verspürte Frau Frogg einen...äh, wie soll ich sagen... Druck auf der Blase. Nun, ich würde Euch damit nicht belästigen, wenn er nicht Ursache für eine aussergewöhnliche Entdeckung geworden wäre.

Wir wollten in einem der charmanten Cafés am Ufer einkehren. Aber mit den charmanten Cafés war es nun plötzlich vorbei. Ausgerechnet Hackney werden die Vorposten der Zivilisation am Kanal spärlich. Nichts als Hausboote und denkmalschützenswerte Lagerhäuser in verschiedenen Stadien des Verfalls.

Erst als wir nach einer halben Stunde oder so zum Victoria Park kamen, dachte ich, jetzt würde alles gut. Ich meine: Königin Victoria hat den Park in den 1850er-Jahren eingerichtet, um ein paar 10000 Menschenleben jährlich zu retten. So steht es jedenfalls auf dem Schild am Eingang des Parks. Die Lebensbedingungen in der Gegend müssen damals so schaurig gewesen sein, dass man mit ein bisschen Licht, Luft und englischem Rasen Tragödien verhindern konnte.

Der Park ist hübsch und dient auch heute noch der körperlichen Ertüchtigung.

Victoria Park, London

Der Rasen ist nur deshalb so gelb, weil ihm die Bewässerung fehlt: Es hatte seit Wochen nicht richtig geregnet in London.

Queen Victoria müsste doch auch an Notlagen wir jene von Frau Frogg gedacht haben, dachte Frau Frogg. Doch sie irrte sich.

Wir mussten noch einige Hundert Meter weiter noch Osten wandern, bis zum Mile End Park. Über den Mile End Park kann man nur sagen: Er weiss nicht, was er ist. Ein Park? Ein Experimentierfeld für Öko-Freaks? Das Ende von allem? Keine Ahnung. Und mitten im Mile End Park sahen wir auf einem verdorrten Stück Rasen etwas abseits des Weges das Hinterteil eines einsamen, baufälligen Hauses. Die Wände waren russig und das ganze Haus so düster, als sei Jack the Ripper hier Stammgast gewesen - und als sei es seither nie mehr renoviert worden. Eine blasse Tafel am Wegrand wies es als Pub aus. "Das war früher mal ein Pub!", sagte Frau Frogg und wollte schon weitergehen.

Aber Herr T. hatte Lunte gerochen und ging um das Haus herum. "Es ist offen!" rief er. Und tatsächlich: Die Ecktür zum Lokal stand offen, und von vorne sah es etwas freundlicher aus.

The Palm Tree Pub

Vor dem Eingang war sogar ein blitzsauberer, schwarzer Jaguar parkiert (unten rechts im Bild). Keine Ahnung, was sein Besitzer an diesem gottvergessenen Ort zu suchen hatte. Gehörte er etwa dem Wirt? War der Wirt ein berüchtigter Waffenhändler?

Das Pub heisst The Palm Tree, auch wenn weit und breit keine Palmen zu sehen sind. Es existiert seit grauer Vorzeit: seit 1609. Wahrscheinlich hat es die Häuserzeilen rundum im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs verloren. Es sieht so aus, als vermisse es sie immer noch. Innen präsentiert es sich mit den landesüblichen Pub-Verzierungen aus Spiegeln, goldenen Tapeten und violett gemusterten Plüschsesseln - alles so abgewetzt und verblasst, als hätte der Wirt sich und sein Lokal längst aufgegeben. Ausser uns waren nur noch ein East Ender mit Gipsfuss und sein Sohn da, beide im Trainingsanzug. Ich rechnete damit, dass bald ein gespenstischer Greis hinter dem Tresen auftauchen würde.

Doch weit gefehlt: Der Mann, der aus den Tiefen des alten Hauses auftauchte, war ein lächelnder, fitter Mittvierziger. Herr T. bestellte zwei Glas Cider, Frau Frogg eilte aufs stille Örtchen.

Dann staunten wir über die tiefen Getränkepreise des Lokals. Im Zentrum von London kosten zwei Glas Apfelwein gut das Doppelte.

Schliesslich entdeckte Herr T., dass über dem Tresen Dutzende Künstlerbilder hingen, nicht alle brandneu. Er fragte den Publican, ob die Künstler hier alle mal aufgetreten seien. "Aber sicher!", sagte der stolz. Und: "Das hier ist ein Jazzlokal! Nein, nein, sowas wie Rockmusik machen wir hier nicht!" Es war ihm deutlich anzusehen, dass er Rockmusik ein bisschen primitiv fand. "Aber jeden Freitag, Samstag und Sonntag haben wir hier Jazzmusik!" sagte er. Keine grossen Namen. Es klang eher so, als würden die drei gleichen Stamm-Musiker sich dreimal die Woche für die immergleiche Fan-Gemeinde von fünf Personen einfinden.

Aber der Wirt schien stolz und glücklich auf sein Lokal.

Es war einer der seltsamsten Orte, die ich je gesehen habe.
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Journal einer Kussbereiten

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