4
Aug
2009

Hände reinigen, bitte!

Ich hatte eigentlich geglaubt, die Kunst des Händewaschens seit ungefähr anno 1969 tadellos zu beherrschen. Doch heute früh, als ich eine der Toiletten in unserem Bürogebäude betrat, fand ich dort eine Flasche mit Desinfizierlösung vor. Dazu am Spiegel eine Anleitung in dieser Art:


(Quelle: www.mrsa-net.nl)

Sie belehrte mich eines Besseren. Daraus zu schliessen, dass die Schweinegrippe auch ihr Gutes hat, finde ich aber etwas verfrüht.

2
Aug
2009

Im Hotel Hysteria

In Pula landeten wir im Hotel Histria.

Hotel Histria

Es lag meilenweit vom Stadtzentrum in einem Hotelghetto auf einer Halbinsel. Wir hatten beide nicht dorthin gewollt. Es hatte vier Sterne und war sündhaft teuer. Wie wir trotzdem hingekommen waren? Darüber breitet die Sängerin hier höflich den Mantel des Schweigens. Sagen wir es so:

- Es wäre schön, wenn es auf dem Bus-Terminal von Pula eine Tourist-Info gäbe
- Es wäre noch schöner, wenn sie am Sonntag auch nach 13 Uhr geöffnet wäre

Jedenfalls nannten wir das Haus Hotel Hysteria, kaum hatten wir uns fertig gestritten. Wir waren immer noch beide nicht sonderlich gut gelaunt, als wir unsere Siebensachen auspackten. Umso überraschter war Frau Frogg, als Herr T. plötzlich schallend lachte. Er hatte unsere Istrien-Wanderführer in den Händen: Eben hatte er darin einen Spaziergang gefunden, der genau von diesem unzugänglichen Fleckchen Erde ins Stadtzentrum von Pula führt. In etwa zwei Stunden, wohlgemerkt. Dennoch nahmen wir ihn noch am selben Nachmittag unter die Füsse. Am Abend lernten wir dann, dass es auch einen Bus vom Stadtzentrum ins Hotel Histria gibt.

Schliesslich freundeten wir uns gar mit dem Hotel Hysteria an. Herr T. machte es zum Ziel einer einsamen Exkursion:

Er entdeckte:

- Wie der Animator dort seine Schäfchen zum Wasserballspielen bringt
- Wo die Angestellten im Beauty Salon ihre Zigarettenpause machen
- In welchen Mauernischen der Hotelfassade die Mauersegler (oder waren es Schwalben?) ausruhen, wenn sie lange genug durch die Lüfte rundum gedüst sind
- Er sah jene Brüstung über dem Swimmig Pool, die man nicht betreten durfte (Einsturzgefahr)
- Und das Schlemmerlokal am anderen Ende der Lobby

Und den Lift, natürlich.
Hotel Histria Escalator, Pula

Herr T. liebte den Lift!

Schutzengel

Auf dem Spielplatz beim Göttersee steht die längste und steilste Rutschbahn der Alpennordseite. Da will Tim hinunterrutschen. Dafür muss er eine steile Treppe aus gebeizten Baumstämmen hochsteigen. Gegen 20 Stufen, schätze ich. Ich gehe nicht mit hinauf. Tim ist vier. Treppen steigen kann er mittlerweile alleine. Ich schaue nur zu. Im oberen Drittel turnt er einen Moment lang herum und verliert plötzlich das Gleichgewicht. Da hängt er, an nichts als einem Stück blauem Himmel, und rudert mit den Ärmchen.

Ich stehe da und sehe ihn fallen, höre ihn schreien, sehe gebrochene Knochen, gebrochene Leben.

Doch er fängt sich und klettert weiter. Als wäre nichts gewesen. Stunden später kann er sich gar nicht mehr an den Moment erinnern. Ich schon.

29
Jul
2009

Jackson: zweimal gestorben

Er hiess Joe, und im Gymnasium waren wir in der gleichen Klasse. Manchmal waren wir auch ein paar Tage lang ich der gleichen Clique. Einmal sagte unser Englischlehrer, wir beide hätten keltische Vorfahren. Das sähe man an unseren Sommersprossen. Wir hingen in der gleichen Kneipe herum, im Café Cinema. Aber sonst waren wir verschiedene Kaliber. Er liebte Michael Jackson. Ich stand mehr auf Rockmusik britischer Machart. Led Zeppelin, Fleetwood Mac, U2. Michael Jackson's Songs mochte ich. Aber sie bedeuteten mir nichts

Ich war ein bisschen, nur ein bisschen esoterisch (später verging es mir). Er war kühl, ironisch und minimalistisch. Wenn ich ihn vor mir sehe, lächelt er jenes Lächeln, das ihn wie der Unschuldsengel aussehen liess, der er nie war. Er ist spindldürr, ganz in Schwarz und hat grünblaue Augen.

Als die Matura nahte, glaubten alle, er würde durchfallen. Er lernte nie. Er tat, als sei es ihm egal. Aber dann schaffte er sie mit Bravour. Der Ehrgeiz hatte ihn gepackt.

Er wurde unausstehlich. Er ging an eine Renommier-Uni, um internationales Recht zu studieren. Im Café Cinema erzählte er, er würde der Grösste sein. Und er zitierte unaufhörlich Songzeilen von Michael Jackson.

Er schien zu glauben, er sei Michael Jackson.

Dann hörte ich lange nichts von ihm. Später hiess es, er sei in der Psychiatrischen Klinik am Nordwestende des Kantons.

Viel später sah ich ihn noch ein paarmal. Inzwischen waren seine Ziele bescheidener. Er war wieder halbwegs normal. Halbwegs. Irgendwie kleinlaut. Das passte nicht zu ihm.

Dann laberte er wieder nur in Michael Jackson-Songzeilen. Verschwand.

Dann hörte ich, es sei tot. Er sei draussen am Nordende des Kantons aus der Klinik abgehauen und habe sich in der Nähe vor den Zug geworfen.

Wenn ich den Namen Michael Jackson höre, dann kann ich gar nicht anders als an ihn denken.

Rovinj trauert um Michael Jackson

Rovinj in Istrien am 26. Juni um 9.30 Uhr: Wir frühstücken auf der Terrasse unserer Pension. Aus dem Radio im Saal düdelt ein Song von Michael Jackson. Ein Mann geht mit lässigem Schritt über die Schwelle hinein zum Buffet. Halblaut singt er den Refrain mit: "...doesn't matter if you're black or white". Es klingt wie ein Kommentar zur greifbaren Verunsicherung, die er unter den Gästen ausgelöst hat.

Der Mann ist schwarz. Er sieht Lenny Kravitz ähnlich, und er würde ohnehin auffallen unter den meist deutschsprachigen Gästen hier. Kommt noch dazu, dass er eine beachtliche Präsenz hat. Jede seiner Bewegungen, die fette Sonnebrille, die Frisur sagt: "Seht mich an!" Er ist Tänzer, erfahren wir später. Doch im Moment scheint er eigentlich gar nicht angesehen werden zu wollen. Naja, möchte ich auch nicht, so zur Frühstückszeit, von lauter schlaftrunkenen Teutonen. Er fühlt sich unwohl. Wir uns auch.

12.30 Uhr: In der Altstadt von Rovinj.

Rovinj, Croatia

Aus einer Gasse höre ich einen weiteren Jackson-Song. Billy Jean, diesmal. "Das ist ja wie anno 98 in Talinn", denkt die Frogg. Damals hörte man in der ganzen Hauptstadt von Estland nichts anderes als Boney M. Das Baltikum schien sich Europa in die Arme zu werfen, indem es seine abgelegten Popsongs rezyklierte. Und hier nun auch dieser Sound aus der Vergangenheit! Nun ja, es war unser erster Tag in Kroatien. Ich wusste noch nicht, dass das Land vielleicht sonst nicht sehr viel hat. Aber ganz bestimmt eigenen Sound. Und einen sattelfesten Geschmack in puncto Popmusik.

13 Uhr Martina erklärt uns endlich, was wirklich passiert ist. Martina verkauft Bootstouren am Quai. Jedesmal, wenn wir vorbeigehen, plaudern wir ein bisschen. Sie trägt neonfarbenen Lidschatten und ist vom vielen Herumreden mit Touristen immer ganz aufgekratzt. "You know what? Michael Jackson has died", ruft sie uns zu und beginnt theatral zu heulen. Wir tauschen die üblichen Gemeinplätze aus... "Konzerte in London... zu viele Tabletten..." Ich kann ihr nicht erzählen, dass Michael Jackson für mich schon zum zweiten Mal gestorben ist.

Denn das ist eine andere Geschichte. Die erzähle ich vielleicht, nur vielleicht, ein andermal

27
Jul
2009

In Italien? In Kroatien?

Zwischen Triest und Dubrovnik ist die Reisende Fröschin gelegentlich verunsichert. Ist sie jetzt in Kroatien oder in Italien?

In Triest (in Italien) etwa wird man sanft korrigiert, wenn man sagt, man wolle nach Rovinj (in Kroatien): "A Rovigno", sagen die Leute dann regelmässig und schauen einen prüfend an. Sie wollen sehen, ob man begriffen hat, dass Rovinj auch Rovigno ist - also eine italienische Stadt.

Nehmen wir eine ähnliche Situation in der Schweiz an. Nehmen wir an, ein Tourist in Luzern würde auf Deutsch sagen, er wolle "nach Genève". Würden wir ihn dann auch korrigieren? Ich glaube nicht. Oder doch?

Dafür haben in der Stadtgärtnerei von Triest wahrscheinlich die Kroaten das Sagen: Sie müssen dafür gesorgt haben, dass die Blumenrabatten auf den Strassen mit Lavendel bepflanzt werden. So verwirrte auf Verkehrsinseln hie und da der Duft der blauen Blüten den Abgase erwartenden frogg'schen Geruchssinn. Später merkten wir: Lavendel ist das kroatische Nationalkraut.

Dass diese Begegnung der Kulturen nicht immer friedlich verläuft, lässt sich bei Veit Heinichen nachlesen.

Obwohl 300 000 Italiener Titos Jugoslawien verlassen mussten, finden sich noch weit im Süden Kroatiens Zeichen italienischer Präsenz. In Trogir steht im Bad unseres Zimmers ein italienischer Spray gegen schlechte Gerüchte. Darauf steht: "Non copre semplicamente gli odori. Li elimina." Das passt zu unserer Vermieterin. Deshalb nehmen wir an, dass sie ihn hingestellt hat - und nicht irgendwelche italienischen Durchreisenden.

Und auf der Tour zu den Krka-Fällen hört unser Fahrer einen italienischen Radiosender.

25
Jul
2009

Ein verdammt guter Roman

Wenns um Bücher geht, habe ich ein miserables Gedächtnis. Kaum zwei Wochen nach der Lektüre bleiben mir meistens nur ein paar Bilder. Und - wie ein fast verflogenes Parfüm - die Stimmung, die das Werk verbreitet hat. Und der Plot? Was ich davon noch weiss, lässt sich jeweils in wenigen Stichworten wiedergeben.

Zum Beispiel: Ernest Hemingway, A Farewell to Arms (oder auf Deutsch: In einem anderen Land)
book cover farewell to arms
Bilder: Schlamm und Ruinen, flache italienische Provinz, Scheisswetter,
Stimmung: Tristesse, Ehrfurcht (Hauptwerk der Amerikanischen Literatur!)
Plot: Amerikaner im Ersten Weltkrieg an der Front in Norditalien wird verwundet. Er verliebt sich in die Krankenschwester, schwängert sie, setzt sich mit ihr in die Schweiz ab. Sie will in Lausanne ihr Kind gebären. Sie stirbt.

Dieser Tage habe ich den alten Hemingway-Roman wieder einmal in die Hand genommen. Anlass: Frau Frogg hatte ein etwas melancholisches Wiedersehen mit Herrn Hemingway am Fluss Isonzo. Es trug sich am 23. Juni zu. Herr T. und ich sassen im Zug von Venedig nach Triest. Im Regionalzug, denn der Schnellzug hatte Stunden Verspätung. Aber das war alles kein Problem. Nur der Himmel war für unseren Geschmack ein wenig zu trüb.

Die Landschaft ringsum sorgte auch nicht für Heiterkeit. Da lag das Friaul, topfeben, zutiefst provinziell. Der Zug bummelte dahin. Die Frogg sah sich eine Karte der Gegend im Reiseführer an. "Gorizia" las sie und "Isonzo". Und plötzlich stand Old Ernest mit seinem Roman vor ihrem geistigen Auge. Die vage Erinnerung an das Buch, das ich vor mehr als zwanzig Jahren als Literaturstudentin im ersten Semester gelesen habe.

Es begann zu regnen.

Ich ärgerte mich. Ich wollte Hemingway und seiner Weltkriegs-Story nicht begegnen. Ich habe Hemingway nie besonders gemocht. Wer hält so viel Pathos aus?! Aber da stand er und liess sich nicht fortweisen, und draussen regnete es, und dann machte mich die Erinnerung doch neugierig.

Deshalb habe das Buch dieser Tage noch einmal gelesen.

Zuerst bestaunte ich die Randnotizen, die ich vor 20 Jahre gemacht habe. Sie zeigen, wie ich die Geschichte von allen Seiten zu erschmecken versuchte - wie unsere Vegetarierin in Venedig ihren Teller mit verdure. Wie ich das Werk doch nicht zu fassen bekam. Wie unbedarft ich war.

Heute lasse ich mich von Büchern mit mehr Gelassenheit verführen. Und ich fand "A Farewell to Arms" ein verdammt gutes Buch.

1) Weil es eine hinreissende Liebesgeschichte ist
2) Weil ich diesmal verstand, wie sehr es Begriffe wie Ehre, Mannhaftigkeit und Soldatentum in Frage stellt(e)
3) Weil es ein spannendes Buch ist: Dieser Held ist so wortkarg, so verhalten, so in sich gekehrt... man will mehr über ihn wissen. Auch wenn man weiss, dass er nie mehr erzählen wird
4) Weil es manchmal vage ist und leiert, aber genau an den richtigen Stellen zu einer unglaublichen Präzision aufläuft. Etwa, als Held Frederic Henry desertiert: Die italienischen Truppen sind auf dem Rückzug. Man ist mit ihm im Chaos dieses Rückzugs. Man wird mit ihm beinahe abgeknallt von fanatischen Carabinieri; man springt mit ihm in den Fluss und spürt das eiskalte Wasser. Das ist mehr als Fiktion. Das ist, als hätte Hemingway es selber erlebt. Als würde man es selber erleben.

Henry sprang nicht in den Isonzo, der mir Hemingway anschwemmte. Sondern in den Tagliamento. Aber auch den hatten wir im Zug überquert. Und rückblickend freut es mich richtig, dass ich auf der Zugslinie gefahren bin, auf der Frederic Henry sich nach seiner Flucht zu seiner Geliebten zurückschlug.

Und erzählen muss ich das jetzt. Schnell. Denn in zwei Wochen weiss ich es nicht mehr.
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