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offene Briefe

23
Dez
2009

Engel im Haus

Hier sitze ich und bin immer noch krank geschrieben. Ich könnte schreiben, schreiben, schreiben. Aber ich diesmal spiele ich zur Vorweihnachtszeit lieber ein bisschen Engel im Haus: Ich schenke den Zimmerpflanzen Aufmerksamkeit. Ich putze das Bad sorgfältiger als sonst. Ich bedaure ein bisschen, dass wir, wie stets, keine Tannzweige und keine Kerzli haben.

Für alle, die doch etwas lesen wollen, hier ein frogg'scher Weihnachts-Klassiker aus dem Jahr 2002.

Euch allen frohe Festtage!

24
Mrz
2009

Seele verkauft

Trotz meiner Abneigung gegen dieses Buch. Ein Zitat daraus werde ich Euch nicht ersparen: "Everybody sells their soul to the devil. I just decided that I'd get a damn good price for mine." (S. 11)

Und dazu gleich noch ein paar Fragen:
1) Habt Ihr Eure Seele schon verkauft?
2) Habt Ihr einen guten Preis dafür bekommen?
3) Habt Ihr dafür auch schon ein bisschen Hölle im Diesseits abgesessen?

"Nicht doch!" höre ich jetzt meine imaginäre Leserin Ulrike unken. "Ich bin mir stets treu geblieben. Nur so wird man im Leben glücklich!" Darauf, liebe Ulrike, gibt es eine gute Antwort: "Gute Mädchen kommen in den Himmel. Böse Mädchen kommen überall hin."

3
Mrz
2009

Erbrecher-Jagd

Dieses von Herrn T. geprägte Wort umschreibt die Tätigkeit, der die Polizei von Gossau seit gestern frönt. Er hat mir erlaubt, es Ihnen, Herr Phrasardeur, zu widmen.

30
Dez
2008

Weltuntergang

Es ist die Zeit der Jahres-Rückblicke. Ein guter Anlass, Euch einmal etwas über die Frogg zu erzählen, was ich Euch bislang schamvoll verschwiegen habe: Herr T. nennt seine Liebste manchmal eine Jammertante. Was sie nach einem Arbeitstag jeweils von sich gibt, nennt er Jeremiaden. Und da Herr T. zu Untertreibungen neigt, ist auch das eine. In Wirklichkeit ist es so: Frau Frogg ist die grösste aller Jammertanten, die Königin der Jeremiaden-Sängerinnen.

Übertroffen wird sie nur von ihren beiden geschätzten Kollegen Stöhn und Bartholomäus. Von Herrn Stöhn kann man mit Fug sagen, dass er das Klagen zur Kunstform erhoben hat - echt und gfürchig und doch mit hie und da einem Funken Selbstironie. Aber das ist eine andere Geschichte. Hier geht es um meinen Jahresrückblick, und ich muss es einmal ehrlich sagen: Die Frogg prophezeite 2008 ihren Weltuntergang. Natürlich hat Herr T. es jeweils nicht so ernst genommen, wenn sie sagte: "Komm, leisten wir uns diese phantasische, aber schweineteure Ferienwohnen in Istanbul! Vielleicht ist es das letzte Mal, dass wir so weit reisen können. Komm, ich kaufe das teurere Sofa! Vielleicht bin ich nächstes Jahr mausarm!"

Aber die Frogg hatte 2007 auch plausible Argumente für ihre pessimistischen Prognosen gesammelt (Angst hatte sie keine: SIE würde mit offenen Augen und für einmal schwindelfrei in jeden Abgrund schauen, der sich 2008 auftäte!)

Da waren zum einen diese unheimlichen Ohrenprobleme: Die Schwindelanfälle, und viel schlimmer noch: Die Hörnachlässe in meinem guten rechten Ohr, das Gedröhn und Gegurgel. Wer hätte da nicht Angst gehabt vor dem Taubwerden? Davor, irgendwo da draussen umzufallen und nicht mehr aufzustehen.

Und dann war da noch die Finanzkrise. Schon im Januar wusste die Frogg: "Da kommen gröbere Dinge runter!" (So prophezeit es jeweils der Busen- Blut, Blech- und Wetterspezialist unserer Zeitung an unseren Sitzungen).

Gott sei Dank ist alles nicht so schlimm gekommen wie befürchtet. Noch hört die Frogg. Noch hat sie einen Job. Der Krimi macht Fortschritte. Es gab auch grosse Glücksmomente, sogar mehr als einen. Eigentlich war 2008 ein bemerkenswert gutes Jahr. Es gibt Anlass zu Hoffnungen. Ich schmiede sogar schon wieder Reisepläne für 2009. Es soll wieder in die Türkei gehen!

Und doch. Eins wird die Frogg nie ausser Acht lassen können: Die Welt kann auch 2009 noch untergehen!

In diesem Sinne Euch allen ein gutes Neues Jahr!

15
Dez
2008

Frauenbuch, Männerbuch

Ich glaube, es wird Zeit, dass wir zum Kern unserer Diskussion über Shafak und Werfel kommen, geschätzter Herr Steppenhund. Schon mehrmals haben Sie Ihrem Missfallen darüber Ausdruck verliehen, dass ich hier Leserinnen ein Buch von einer Frau empfehle. Wollen Sie mir unterstellen, dass ich das Standardwerk von Franz Werfel abwerten wollte, nur weil er ein Mann war?

Das war natürlich nicht meine Absicht. Denn als ich Shafak empfahl, wusste ich gar nichts vom "Musa Dagh". Ich wollte auch nicht das Werk über den Völkermord an den Armeniern empfehlen. Vielmehr hatte ich ein Buch entdeckt, das mir gefiel. Und ich wollte es den Richtigen weiter empfehlen, nämlich meinen weiblichen Lesern. Denn eins gilt meines Erachtens: Es gibt tatsächlich Bücher für Männer und Bücher für Frauen. "Der Bastard von Istanbul" ist ganz eindeutig ein Buch für Frauen, weil:

1) Männer kommen darin nur am Rande vor
2) Shafak bedient sich eines Genres, das Frauen mögen: der Screwball Comedy.

Wahrscheinlich hat Shafak dies nicht ohne Kalkül getan. Sie wusste wohl, was jeder weiss, der sich hie und da mit Büchern befasst: Frauen lesen mehr Bücher als Männer. Sie lesen ausserdem mehr Belletristik als Männer. Und: Männer lesen, wenn schon, eher Romane von Männern.

Nehmen wir zum Vergleich Werfels Buch: Es stammt aus dem Jahre 1933 und ist meines Erachtens eindeutig als Männerbuch konzipiert. Das ist auch kein Wunder: Die Öffentlichkeit war damals weit gehend ein Raum für Männer. Und Werfel brauchte öffentliche Anerkennung, um sein Buch zum bildungsbürgerlichen Leser (oder wenigstens zum Käufer) zu bringen. Von dort konnte es ja dann auch gegebenenfalls noch den Weg in die Hände der Bildungsbürgersgattin finden.

Um öffentliche Anerkennung zu bekommen, tat er zwei Dinge: Er gab dem Buch Kunstcharakter. Und er bewies auf Teufel komm raus Überlegenheit in Sachfragen. Nur so konnte er auch die politische Relevanz seines Werkes behaupten. Beides gereicht dem Buch aus der Frogg-Perspektive eher zum Nachteil.

Um zu zeigen, wie er das machte, hier ein Beispiel: "Im Militärpavillon dort bricht in derselben Sekunde eine türkische Militärbande in quinklierende Janitscharenklänge aus." (S. 174 im Fischer-Taschenbuch von 2007).

Schwäche 1: Werfel versteht sich als Expressionist und schöpft lautmalerische Wörter wie "quinkelierend". Damals war der Expressionismus eine nicht mehr ganz avantgardistische Strömung der Kunst. Auf ihm zu bauen, würde ihm die Anerkennung der Literaturkritiker einbringen. Heute wirken solche Wortschöpfungen und anderen expressionisten Stilmittel aber eher gekünstelt.

Schwäche 2: "Oha, Werfel weiss, was Janitscharen sind!" denkt sich der Herr Bildungsbürger und ist beeindruckt. Selber wusste er nicht, was Janitscharen sind? Ich bitte Sie, jeder politisch interessierte Bildungsbürger von anno dazumal wusste das doch! Und wer es nicht wusste: selber schuld! Er konnte es ja verschämt im Konversationslexikon nachschlagen.

Doch die Zeiten und die Öffentlichkeit haben sich geändert. Heute gibt es einen Buchmarkt für gut ausgebildete und intelligente Frauen, die sich gerne ihrer Intelligenz angemessen und ohne bildungsbürgerlichen Firlefanz unterhalten lassen. Verbreitung bekommen die Werke für diese Frauen nicht zuletzt über Blog-zu-Blog-Propaganda.

Das heisst nicht, dass ich Werfel Frauen nicht zur Lektüre empfehlen würde. Im Gegenteil. Frauen können so gut googeln wie Männer. Abgesehen davon fallen die aufgezählten Schwächen insgesamt wenig ins Gewicht.

Aber vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich meinen Leserinnen trotzdem zuerst "Der Bastard von Istanbul" empfohlen habe!

Und Sie, Herr Steppenhund, dürfen es natürlich gerne auch lesen.

Roman-Monument

Sie haben mich neulich ziemlich ultimativ auf "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel verwiesen, geschätzter Herr Steppenhund. Meine Neugier hat daraufhin gesiegt. Ich habe begonnen, mir das Werk zur Brust zu nehmen. Nachdem ich 195 von 975 Seiten gelesen habe, kann ich so viel sagen: Ich bereue es keineswegs. Im Gegenteil: Das Werk hat nicht nur grosse Verdienste, sondern eine beeindruckende Wirkungsgeschichte. Schon deshalb lohnt sich die Lektüre.

Werfel schildert unglaublich differenziert und mit sehr viel Einfühlungsvermögen, was mit Menschen passiert, die zu einer ethnischen Minderheit gehören und deswegen verfolgt werden. Kein Wunder, dass es für die Juden des Dritten Reiches ein so wichtiges Buch wurde! Hier lässt sich nachlesen, was das in Deutschland schon bei seinem Ersterscheinen 1933 verbotene Buch bewirkte: "Die Juden haben Werfels Roman gerade in den dreissiger Jahren geschätzt, weil sie in ihm eine Art Spiegelbild der eigenen unsicheren Situation sahen. Und in der Zeit der Ghetto-Aufstände in Osteuropa wurde Werfels 'Musa Dagh' geradezu zum Symbol des Widerstandes."

Das Werk ist also wahrlich ein Monument, Herr Steppenhund. Leider eines, das seine Aktualität wohl noch lange nicht verlieren wird. In einem gewissen Sinne verstehe ich angesichts von all dem sogar, weshalb Sie der Meinung sind, dass sich nach der Lektüre von "Musa Dagh" die Lektüre eines jeden anderen Armenier-Romans erübrige (ausser vielleicht desjenigen von Hilsenrath).

Aber damit verwerfen Sie Shafaks Buch mit allzu viel Leichtigkeit. Denn Shafak steht an einem ganz anderen Ort: Sie zeigt, dass die Greuel der Geschichte auch bei den Nachgeborenen Wunden hinterlassen. Auch bei den Tätern. Und dass diese Wunden nur dann heilen können, wenn man hinschaut und ernst nimmt, was man sieht. Bevor ich diese Lektion auch in Werfels Buch finde, bin ich nicht bereit, Shafak dafür aufs Altpapier zu legen!

2
Dez
2008

Du oder Sie?

Plötzlich fällt mir auf: Ich duze in meinen Kommentaren meinen Bloggerkollegen jonas. Aber ich sieze frau chamäleon. "Ja, Gopfriedstutz nochmal, Frau Frogg!" denke ich, "Du kannst doch nicht jemanden duzen, nur weil er bei den Studenten bloggt! Und alle anderen siezt Du! Das geht doch nicht!"

Nun ja. Ich könnte auch frau chamäleon duzen. Sicher würde es Ihnen nichts ausmachen, oder, frau chamäleon? Wir sind hier schliesslich in der Schweiz. Da duzt man sich unter Kollegen. Und wir sind ja alle Bloggerkolleginnen und -kollegen und sitzen auf den selben Websites herum.

Und doch: Ich sieze meine Bloggerkollegen gern: frau walküre, frau katiza oder herrn steppenhund. Es ist für mich ein bisschen wie Fasnacht (aber umgekehrt, denn an der Fasnacht duzt man ja angeblich jeden): Das Sie ist hier eine ironische Hommage an den Nick meiner Gäste. Eine Verbeugung vor der Maske, in der sie sich präsentieren. Ich tue es um so lieber, weil viele hier es tun. Madame nanou verlangt sogar ausdrücklich, von Erstkommentatoren gesiezt zu werden. Duzen tue ich fast nur Dich, acqua. Denn Dich kenne ich so gut, dass ich mir Dich nicht mit einer Maske vorstelle.

Soll Sie jetzt auch siezen, herr jonas? Ich kenne Sie ja noch nicht.

Ich muss gestehen, ich täte es ungern. Erstens, weil jonas kein Nick ist wie steppenhund oder frogg oder walküre. Zweitens und besonders aber, weil ich weiss, dass ich schon mal im selben Saal wie Sie Orhan Pamuk gesehen habe. Und Recai Hallaç . Das ist schon fast so, als würde ich Sie kennen.

25
Nov
2008

Sie haben Recht

Gewisse Dinge gehören einfach nicht auf einen Blog, liebe Frau Chamäleon. Dazu gehören allzu pauschale Verurteilungen von ganzen Berufsgruppen. Da habe ich mich von einer Wut lenken lassen, die eigentlich woanders hingehört. Aber auch das gehört nicht in einen Blog.

Eins möchte ich zu Ihrem Kommentar jedoch anmerken: Es passiert mir oft, dass jemand mich für Berichte oder Inserate in unserer Zeitung verantwortlich machen will, für die ich gar nichts kann. Im Schnitt etwa einmal wöchentlich passiert mir das. Eigentlich ist das etwas ganz Normales. Ich sage dem Klagenden dann jeweils, er könne jederzeit einen Leserbrief schreiben. Damit ist uns beiden geholfen. In der von mir geschilderten Situation wurde mir aber nicht geholfen. Meinem Gesprächspartner dagegen schon. Ich hatte den Eindruck, dass er alle Zeit der Welt hatte, die Situation zu geniessen.

Deshalb hinkt Ihr Vergleich.

Und für alle, die jetzt nicht wissen, um was es geht: Vergesst es einfach und kommt ein andermal zurück.

25
Aug
2008

Die Frogg schmollt

Sehr geschätzter Herr Steppenhund

Bitte verzeihen Sie meine wohl allzu unwirsche Reaktion auf Ihre Bemerkung gestern Abend. Ich kann sie mir selber nicht ganz erklären. Ich erinnere mich nur, dass die Frogg noch heute morgen schmollend in einer Ecke sass. "Blöder Besserwisser!" maulte sie, "kleistert mir diesen dämlichen Allerweltsratschlag auf diesen schönen, poetischen Eintrag drauf! Wo's ums Älterwerden, um die Beziehung zur Mutter und um die Frage nach dem Ich geht. Und er... 'lächeln, lächeln, lachen...' (mit äusserst unschönen Mundbewegungen äfft sie einen imaginären Herrn Steppenhund nach) Dass ich nicht lache!"

"Was soll denn daran so falsch sein?" frage ich, "Herr Steppenhund meint es doch nur gut! Und ausserdem hat er Recht: eine positive Lebenseinstellung...",

"Nö, der meint es überhaupt nicht gut! Der mag keine Frauen mit Falten um den Mund und..."

"Er mag keine Frauen mit heruntergezogenen Mundwinkeln", werfe ich ein.

"... wenn er darin einen Unterschied sähe, hätte er diesen Kommentar nicht geschrieben, oder?! Der will mir doch erklären, was ich mit meinem Mund anstellen soll, damit er sich nicht ekeln muss, wenn er mir je auf der Strasse begegnet!" schimpft die Frogg.

"Aber liebe Frau Frogg! Hier darf jeder einen Kommentar schreiben. Das weisst doch! Sonst bist Du doch auch nicht so leicht gekränkt!"

"Grumbel! Grumbel!" kommt es aus der Schmollecke.

"Und überhaupt: Du bist selber Schuld. Du stellst Dich in diesem Text als Suchende dar. Als Unwissende. Du weisst, dass man damit gutgemeinte Ratschläge geradezu provoziert. In Deinen eigenen, leider immer noch unpublizierten gesammelten Lebensweisheiten steht doch: Starke Menschen stellen sich nie als Suchende dar! Das wirkt schwach und könnte gutgemeinte, aber unbedarfte Ratschläge provozieren. Starke Menschen stellen sich immer glücklich dar. Sie tun so lange so als wüssten sie den Weg, bis sie es selber glauben."

"Du weisst genau, dass ich auf eine andere Art stark bin", sagt sie. "Ich will mich den unbequemen Fragen stellen! Lass andere sich in ihrem Glück, ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Erleuchtung suhlen! Ich tapse mit einer kleinen Laterne in der Hand im Dunkeln weiter. Ich schreibe über Falten und frage, ob ich eine verbitterte Mutter habe! Jawoll!"

"Dann musst Du lernen, mit den unappetitlichen Wahrheiten zu leben, die das an den Tag bringt!" sage ich. "Zum Beispiel der Tatsache, dass niemand Frauen mit Falten um den Mund mag!"

"Pah!" sagt die Frogg und zieht die Mundwinkel nach unten.

Sie sehen, geschätzter Herr Steppenhund, da war nichts zu machen, obwohl ich mich heftig bemüht habe. Es ist nun mal so: Falten sind ein Thema, bei dem Frauen besonders heikel reagieren. Da ist die Frogg offensichtlich keine Ausnahme! Ich kann deshalb nichts tun, als Sie zu bitten, inskünftig Diplomatie walten zu lassen, wenn es hier um derartiges geht. Ich weiss, Sie sind ein gescheiter Mann, der sich auf den Umgang mit Frauen versteht. Sie können das! Genau deshalb hoffe ich, dass Sie mich weiterhin lesen und hier auch mal wieder einen Kommentar stehen lassen!

Mit lächelndem und augenzwinkerndem Gruss aus dem Hause Frogg!

P.S.: Was aber die nach unten ziehenden Falten in meinen Mundwinkeln betrifft, so hat Ihr Rat zu lächeln doch geholfen: Heute habe ich mich im Spiegel angelächelt und dabei etwas höchst Merkwürdiges beobachtet: Es sind Lachfalten. Oder vielmehr: Lächelfalten. Sie werden tiefer, wenn ich lächle. Es gibt also Lachfalten, die nach unten zeigen. Wie merkwürdig!

19
Apr
2008

Jaja, die Zürcher!

Eine Macke der Frogg ist, dass sie sich bei jeder Gelegenheit über die Zürcher aufregt. Ich meine: Zürcher mit ein bisschen Horizont fragen sich ja manchmal, warum man sie in der Restschweiz nicht besonders mag. "Zürcher mit Horizont? Gibt es das?" fragen jetzt die Nichtzürcher. "Ja, das gibt es", sagt die Frogg, "Ich lebe mit einem von ihnen zusammen. In Frösch, eine Zugstunde von Zürich entfernt, seit sieben Jahren." Doch im Allgemeinen gilt für Zürcher schon die Regel: je breiter der Dialekt, desto enger der Horizont.

Wie breit der Dialekt von Stephan Pörtner ist, weiss ich nicht. Ich habe heute lediglich seinen Feature über Zürich im "TagesAnzeiger" gelesen (Seite 15). Darin beschäftigt er sich mit der Lieblingsfrage der Zürcher: jener, ob Zürich nun eine Weltstadt sei oder nicht. Das lässt für seinen Dialekt und seinen Horizont nichts Gutes ahnen. Wie alle Zürcher kommt er schnell zu einem negativen Schluss. Nein, Zürich sei keine Weltstadt schreibt er. Und wer ist schuld daran? Natürlich die Provinzler, von denen es in Zürich laut Pörtner zu viele gibt. "Die begeistertsten Zürcher stammen aus Käffern", schreibt er, "Allen voran der Stadtpräsident, ein Engelberger, der zweite Innerschweizer Stapi in Folge. Die Dörfler sind vor allem davon begeistert , den Sprung in die vermeintliche Metropole geschafft zu haben." Pörtner selber ist selbstverständlich kein Dörfler. Er stammt aus Zürich Seefeld und hätte somit Kraft seiner Geburt das Zeug zum echten Weltstädter. Doch er, zu Hause geblieben, hat keine Chance, denn: "Provinzielle Selbstzufriedenheit hindert Zürich daran, Weltstadt zu sein."

Wenn ein Zürcher das Wort "Innerschweiz" unter die Tastatur nimmt, dann schnellt bei der Frogg das Ereiferungsbarometer sowieso jedesmal ein paar Grad in die Höhe: "Innerschweiz", jenes Wort, das den Weltzürchern Chiffre für alles ländlich-konservativ-Zurückgebliebene ist. Als wären sie je weiter als bis ins Sihltal gekommen und wüssten genau, was die Innerschweiz ist. Dabei haben sie ja keine Ahnung... ausser der Ahnung einer Angst, die Innerschweiz könnte sie in ihre Provinzialität aufsaugen vielleicht? Nicht nötig, liebe Zürcher: Die Innerschweiz ist mit sich selbst beschäftigt, deshalb bleibt sie, was sie ist. Ohne Zürich.

Aber das kann Pörtner nicht wissen. Denn er blickt noch kurz ein bisschen nach Berlin, dann befasst er sich wieder mit dem, was seinem Bauchnabel am nächsten ist: mit Zürich und seinen Bünzlis aus der Provinz. Dabei sollte er die nicht zu gering schätzen: Die wissen wenigstens, wovon sie reden, wenn sie das Wort "Provinz" in den Mund nehmen.
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