9
Apr
2014

Schmierig

"Bohnenallergiker können aufatmen", sagte gestern der Mann vom Wetterbericht am Schweizer Fernsehen. Er war dabei, eine nahende Kaltfront anzukündigen. Nein, er sagte natürlich nicht "Bohnenallergiker". Er sagte Pollenallergiker. Ich hatte mich verhört - so ein typischer Mondegreen eines allzu flinken Schwerhörigen-Gehirns. Hier ein ausführlicherer Text von mir über das Phänomen.

Und noch ein Frogg'scher Mondegreen von gestern: "Ich glaube, Plankton hat einmal gesagt, der Dummheit der Menschen komme man nie auf den Grund." (Aus der deutschen Fassung der Fernsehdoku Presumption über Jane Austen). Nein, nicht Plankton sprach diese weisen Worte - es war Platon.

Und zu guter Letzt ein Zitat aus irgendeinem Radio-Interview von neulich: "Es war ein langer und ein schmieriger Prozess".

Ich habe wieder angefangen, mir solche Sachen aufzuschreiben. Wenn ich in der richtigen Stimmung bin, kann ich darüber sehr laut lachen. Ich lache jetzt meistens ziemlich laut, damit ich mich selber dabei höre.

5
Apr
2014

Es klopft

Gestern draussen im Wald hörte ich ein hektisches, hohles Klopfen. "Ach, ein Specht!" dachte ich. Aber es war kein Specht. Es war ein Helikopter.

Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass ich wieder schwerhörig bin. Acht Monate lang habe ich wenigstens auf dem rechten Ohr gut gehört. Ich dachte schon, vielleicht sei ich jetzt dem Teufel endgültig vom Karren gefallen, und alles sei wieder wie früher.

Aber ich habe mich geirrt. Herr Menière ist auf Besuch, und wie.

Wenn ich etwas anfasse, macht es kein Geräusch. Das ist merkwürdig. Plötzlich sind die Dinge so weit weg.

In das Nacht kann ich hören, wie sich meine Innenohrschnecke mit Flüssigkeit füllt. Die Härchen, die darin überschwemmt werden, schreien vor Schreck laut auf. Man nennt das Tinnitus.

31
Mrz
2014

Inspirierende Behinderte

Behinderte in den Medien - das sind Menschen, die trotz ihrer Einschränkung strahlen. Sie leisten Überragendes und reden ihre Schwierigkeiten im Alltag klein. Und sie sind erst noch inspirierend - weil sie doch trotz ihrer misslichen Lage sooooo tapfer sind.

Ich kann Euch gar nicht sagen, wie ich auf einen Artikel gewartet habe, der das Phänomen einmal einer kritischen Analyse unterzieht! Bei Mia auf ivinfo gibt es jetzt einen solchen: Hier. Es heisst dort "Inspirations-Porno." Ein paar Auszüge aus dem Artikel von Stella Young in meiner Übersetzung:

"Lasst mich die Absicht dieses Inspirations-Pornos beim Namen nennen. Er ist da, damit Nicht-Behinderte ihre Sorgen relativieren können. Sie können sagen: 'Also, wenn dieses Kind keine Beine hat und trotzdem lächeln kann ... sollte ich mich niemals wegen meines Lebens schlecht fühlen.'

So machen diese Bilder jene zu Objekten und Ausnahmen, die sie darzustellen vorgeben. Sobald wir nur hinterfragen wie wir dargestellt werden, rutschen wir sofort ans andere Ende der Skala und werden 'bitter' und 'undankbar'. Wir versagen dabei, die Erwartungen der anderen zu erfüllen."

Die Behauptung 'die einzige Behinderung ist eine negative Einstellung' erlegt die Verantwortung für die Benachteiligung ... direkt den Menschen mit Behinderung selber auf. Doch damit beschuldigt sie die Opfer. Sie behauptet, dass wir komplette Kontrolle darüber, wie die Behinderung unser Leben beeinflusst. Dazu kann ich nur eins sagen: Fickt Euch ins Knie!"

Bravo! Bravo! Bravo!

26
Mrz
2014

Das Verlangen

Seit Tagen versuche ich, mein rebellierendes Gehör wieder zur Ruhe zu bringen. Ich arbeite ein bisschen. Ich gehe spazieren. Ich widme mich meinen Freunden. Ich blogge ein bisschen. Ich sehe fern. Ich putze. Ich lese. Ich versuche, genug zu schlafen und vernünftig zu essen.

Manchmal denke ich an eine Passage, die ich kürzlich in der Autobiografie des Arztes und Alkoholikers Olivier Ameisen gelesen habe. Er schildert seinen Zustand nach seinem x-ten Entzug so: "Unterdessen fühlte ich mich wie ein Schatten meiner selbst. Pflichtgemäss versuchte ich, starke Gefühle zu vermeiden, die meine Stimmung zu sehr heben oder zu tief sinken lassen konnten. Ich litt unter dem, was einer meiner Psychiater später als die 'konformistische Abgestumpftheit' derjenigen bezeichnete, die versuchten, abstinent zu leben, während die zugrunde liegende Verstimmung unbehandelt bleibt."* So ähnlich ging es mir.

Ich hatte ein Gefühl, für das es in meinem Wortschatz keine hochdeutsche Vokabel gibt. Jedenfalls keine, die auch nur annähernd seine Macht umschreibt. Auf Schweizerdeutsch nennen wir es "s'Riisse"**, auf Englisch nennt man es "craving": das das Verlangen des Süchtigen nach seinem Stoff. Ich hatte Verlangen nach meiner Story.

Mit der Zeit merkte ich, dass das nicht nur ein einzelnes Verlangen war. Es war ein ganzes Bündel verschiedener Verlangen - so man denn dieses platte Wort überhaupt in den Plural setzen kann. Am Anfang war da nur ein wachsendes Unbehagen über ein gesellschaftliches Phänomen. "Darüber hat noch niemand geschrieben" dachte ich. "Ich habe ein Thema gefunden", dachte ich. Denn, ja, da war die Sehnsucht, vielleicht, nur vielleicht, doch noch etwas zu schaffen, was Bestand hat. Und da war der Wunsch, über mein kleines Fleckchen Erde hinauszusteigen, und sei es nur in ein selbst erschriebenes Luftschloss.

Und dann war da plötzlich dieser Kitzel, der Welt eine Liebesgeschichte zu erzählen, die ich vor vielen Jahren erlebt habe. Um sie überhaupt erzählen zu können, musste ich sie sogar für mich selbst ins rosige Licht der Fiktion setzen. Damit ich sie nicht auf Anhieb erkannte. Und da war es wieder - das erotische Knistern, das lodernde Verlangen von damals.

Ich glaubte, ich hätte längst mit der Sache abgeschlossen. Sind wir nicht alle einmal jung gewesen und haben an den Käfiggittern des Möglichen gerüttelt?! Ich stand im Badezimmer mit dem Putzlappen in der Hand. Da verblasste das rosige Licht der Fiktion. Vor mir stand, in grelles Neonlicht getaucht, die Wahrheit: Ich will, ich muss, die richtigen Worte finden, um diese alte, so erstaunlich wortlose Story zu einem würdigen Ende zu führen. Einfach so. Für mich allein.

Ich stand da und brach in Tränen aus. Ich weinte so heftig, dass ich für ein paar Minuten zu putzen aufhören musste.


* Olivier Ameisen: Das Ende meiner Sucht, gebundene Ausgabe von 2009, S. 108.
** ungefähr: das Reissen, das Wort stammt, glaube ich, aus der Sprache der Junkys.

22
Mrz
2014

Herr Wichtig am Telefon

Neulich morgens hatte ich eine Mail von Herrn Wichtig im Posteingang. Er werde mich gegen Mittag anrufen, schrieb er. Es war ein schlechter Tag. Ich hörte schlecht, telefonieren fiel mir auch mit maximaler Lautstärke auf dem Telefon-Lautsprecher schwer. Aber es schien mir nicht angebracht, auf einen Austausch per Mail zu bestehen.

Ich schrieb: "Ja, gerne. Ich bin hier." Sollte ich ihm auch schreiben, er müsse deutlich mit mir sprechen? Ich hatte noch nie mit ihm telefoniert. Vielleicht war er einer dieser Herren Wichtig, die ihre Autorität beweisen, indem sie leise sprechen. Dann müssen sich alle Zuhörer nach vorne neigen und an ihren Lippen hängen. Da hat niemand Zeit, über Widerstand nachzudenken.

Ich schrieb es ihm dann doch nicht.

Um elf klingelte das Telefon. Es war Herr Wichtig. Er schmurgelte an mein Ohr: "Grüezi, hiss wichsch ihajsa dasch arrrwürr." "Wie bitte?!" fragte ich. Er wiederholte, was er gesagt hatte - natürlich etwas vollkommen Irrelevantes, wie "ich habe Ihnen doch geschrieben, dass ich anrufen würde." Oder: "Wie geht es Ihnen?" - ohne dass er darauf eine andere Antwort als "gut" erwartete. Oder etwas in der Art. Das gehört zu den Peinlichkeiten an der Schwerhörigkeit: Dass man nachfragt, und es stellt sich heraus, dass die Leute etwas total Unwichtiges gesagt haben, zum Beispiel "schönes Wochenende!" "Hier bin ich also!".

Ich bat ihn, deutlich zu sprechen. Er tat es. Es kennt meinen Fall - denn, ja, für gewisse Leute bin ich ein Fall, eben auch für Herrn Wichtig. Es war sehr nett von ihm, dass er mich überhaupt anrief.

Es war eine dieser saublöden Situationen, in denen man sowieso leicht in eine Huscheli*-Rolle gerät. Und als Schwerhörige erst recht. Die Leute nehmen einen dann von Anfang an nicht so recht ernst.

Zum Glück hatte Herr Wichtig eine laute Stimme und eine sehr klare Artikulation. Möglicherweise hat er sogar eine etwas feuchte Aussprache. Das konnte ich am Telefon aber nicht beurteilen. Und ausserdem ist er ein so vielbeschäftigter Mann, dass er gar keine Zeit hatte, sich zu überlegen, ob ich nun ein Huscheli sei.

* Schweizerdeutsch für eine Frau ohne Selbstbewusstsein.
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