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26
Dez
2009

10 Songs: U2

Mein rechtes Ohr erlaubt mir, Musik zu hören. Das tue ich jetzt. Tagtäglich zappe ich mich auf dem MP3-Player durch meine Essentials. Durch all jene Songs, die ich noch so oft wie möglich hören muss, bevor ich taub werde. Zum Beispiel den hier:



Bestimmt mutet diese Wahl manch einen merkwürdig an. Sollte man sich nicht durch die bleibenden Werte der Musikgeschichte hören, bevor man taub wird? Beethoven? Mozart? Oder, allenfalls, Gershwin? Nein, findet die Frogg ganz entschieden. Sie hört sich durch jene Songs, die ihr Leben sind. Jene Songs, die sie sich in jede Faser ihres Körpers gehört, getanzt, geliebt hat. Damit sie sich später noch erinnern kann. Zum ersten Mal hört sie nicht einfach mit Gefühl. Zum ersten Mal hört sie mit einem gewissen Sinn für die Kleinarbeit am grossen Song: für Strophen, Soli, Takte, Bassriffs.

"Where The Streets Have No Name" steht am Anfang einer ganzen Strasse von Hymnen, die ich in meinen frühen Zwanzigern hundertmal gehört habe. Auf diesem Album.



Gewiss, Musikkritiker schnödeten damals, 1987, gern über U2. "Frömmelei! Pseudo-religiöses, pseudo-politisches Geute! Falsches Pathos!" keiften sie. Doch der zwanzigjährigen Frau Frogg war das Pathos echt genug. Und die Religion konnte so pseudo sein wie sie wollte. Sie war ihr ohnehin egal. Was U2 betraf, war sie sogar mit ihrem Bruder einig, was sonst selten vorkam. Denn die junge Frau Frogg war mental ein verspätetes Kind der siebziger Jahre. Sie glaubte an Freiheit, Ideale, Engagement und den Sinn im Rausch. Ihr Bruder aber, nur drei Jahre jünger, gehörte zu einer anderen Generation. Er verfolgte, wohl auch abgeschreckt durch das Beispiel seiner Schwester, lieber realistische Ziele.

U2 überbrückten diese Kluft. Sie gaben all den grossen Gefühlen jener jungen Jahre Ausdruck. Und auch der Tatsache, dass man eigentlich nicht so recht wusste, was mit grossen Gefühlen anzufangen war.

Anders als viele andere Alben jener Jahre überlebte das Album in der Frogg'schen Sammlung sämtliche technischen Revolutionen der letzten zwei Jahrzehnte: Frau Frogg kupferte "The Joshua Tree" erst vom Vinyl-Exemplar ihres Bruders auf Tonband ab. So habe ich es während meiner Studienzeit hundertmal im Zug gehört. Dann kaufte ich es irgendwann einmal als CD. Es war auch in den frühen Neunzigern noch nicht alt geworden. Doch dann hörte es lange nicht mehr. Erst vor ein paar Monaten kopierte ich es als eine von drei ersten CDs auf meinen MP3-Player. Ich lag im Dunkeln, hörte ein paar Songs von den beiden anderen, dann erklangen die ersten Takte von "Where The Streets Have No Name".

Ich bekam heftiges Herzklopfen.

23
Dez
2009

Engel im Haus

Hier sitze ich und bin immer noch krank geschrieben. Ich könnte schreiben, schreiben, schreiben. Aber ich diesmal spiele ich zur Vorweihnachtszeit lieber ein bisschen Engel im Haus: Ich schenke den Zimmerpflanzen Aufmerksamkeit. Ich putze das Bad sorgfältiger als sonst. Ich bedaure ein bisschen, dass wir, wie stets, keine Tannzweige und keine Kerzli haben.

Für alle, die doch etwas lesen wollen, hier ein frogg'scher Weihnachts-Klassiker aus dem Jahr 2002.

Euch allen frohe Festtage!

21
Dez
2009

Ich rieche Hundehaare

Als ich mit miserablem Gehör im Spital war, sagte eine Krankenschwester zu mir: "Wissen Sie, wenn Sie nicht mehr so gut hören, dann müssen Sie sich einfach sagen: Jetzt müssen die anderen Sinne ran!" Dazu hatte sie diesen Ton, mit dem einem manche Menschen Optimismus und Hoffnung quasi zwangsfüttern wollen. Ich weiss, sie meinen es gut. Und doch erreichen sie bei mir damit meistens nur, dass ich spucke oder eine Schnute ziehe. Mir ist lieber, man anerkennt es, wenn meine Lage beschissen ist. Wenn das jemand tut, dann bemühe ich mich meistens, nicht mehr zu jammern.

Aber item. Das Thema "andere Sinne" hat für Leute mit schwachen Ohren dennoch etwas für sich. Auch Herr Nottquitelikebeethoven hat ihm einen Eintrag gewidmet.

Nun, was die Augen betrifft, konnte ich meiner Krankenschwester leider nicht das erhoffte getröstete Lächeln entgegenhalten. Für eine 44-Jährige sehe ich zwar ganz ordentlich. Aber ich bin leicht kurzsichtig. So leicht, dass ich meistens in matchentscheidenden Momenten die Brille nicht aufhabe.

Aber mein Geruchssinn, ja, der ist in manchen Belangen geradezu extraordinär. Gestern zum Beispiel sass ich weit vorne in einem halb vollen Bus. Irgendwann roch ich: Irgendwo in diesem Bus befindet sich ein Hund. Ein nasser Hund, wohl ein Grosser mit langen Haaren. Wääck! Frau Frogg rutschte auf ihrem Sitz herum, schnüffelte und guckte und murmelte vor sich hin: "Ich schmöcke Hundehoor! Ich schmöcke Hundehoor", wie weiland der Leibhaftige im Märchen Der Teufel mit den drei goldenen Haaren (der allerdings Menschenfleisch roch). Aber sie sah keinen Hund. Erst fast bei der Endstation sah sie eine Frau mit einem kleinen Spaniel aussteigen. Am hintersten Ende des Busses.

Da fragte sich die Frogg lebhaft: Welchen Sinn kann es für einen Menschen des 21. Jahrhunderts haben, einen so kleinen, harmlosen Hund in einem Bus zu riechen? Das ist ja eine zusätzliche Beeinträchtigung, aber sicher keine Hilfe und kein Ersatz für eine Behinderung!

Nun ja... in einem gewissen Sinne ist es das eben doch. Es verursacht bei mir das gleiche Gefühl der Genugtuung wie wenn ich an einem guten Tag von unserem vierten Stock aus die Waschmaschine im Keller hören kann. Und ausserdem: Lieber ärgere ich mich con brio über einen stinkigen Hund als gar nichts von meiner Umwelt mitzubekommen!

19
Dez
2009

Wettlauf gegen Taubheit

In den letzten Tagen konnte ich am Morgen jeweils ziemlich gut Musik hören. Nicht am Radio oder auf Stereo, da klingt alles viel zu falsch. Aber auf YouTube und MP3 gehts ganz gut. Und ich darf nicht wählerisch sein: Häufige Schwindelanfälle und abendliche Taubheit erinnern mich stets daran, dass ich möglicherweise nicht mehr viel Zeit habe. Also liefere ich mir selber jeden Morgen einen Wettkampf gegen die Taubheit und höre Musik.

Hier ein Müsterchen. Für mich Kleinstadtmenschen eine Art persönliche Utopie - mit Augenzwinkern, aber auch leiser Sehnsucht:



Den Tipp habe ich übrigens von redder, der ein Händchen für gute YouTube-Videos hat.

17
Dez
2009

Hinaus in die Welt

Seit dem 30. Oktober war ich genau ein Mal in einem Restaurant und genau ein Mal in einem Kino. Heute aber fand ich, es sei Zeit, wieder in die Welt hinaus zu gehen. Ich liess mich von meiner Freundin Ella ins Kunstmuseum locken.

Nun ist unser Kunstmuseum ein schicker Bau. Aber er liegt am versifftesten, düstersten, abgefucktesten Ende der Bahnhof-Unterführung. Eine schmale Treppe verbindet Unterführung und Museum. Eine von der Sorte, an der man stets Urin zu riechen glaubt. Auch dann, wenn sie gar nicht nach Urin riecht.

Am Fuss der Treppe sehe ich einen Typen mit zottiger Frisur verkrümmt dastehen. Er hält sich mit der einen Hand am Geländer fest. Die andere hat er vor dem Schritt. Er atmet schwer. Mein Ohrenleiden hat mich für die Bedrängnisse meiner Mitmenschen sensibler gemacht (hoffe ich wenigstens). Ich will ihm helfen, gehe auf ihn zu, er reagiert nicht. Ich zögere noch einen Moment. Dann wird mir klar, dass ich gar nicht weiss, ob sich
- dieser Typ gerade einen herunterholt
- ob er daran ist, sich einen Schuss zu setzen
- oder ob er als Lockvogel für hilfsbereite Frauen dasteht, die in dieser finsteren Ecke um ihr Portmonee gebracht werden wollen.

Aha. Ich bin wieder von dieser Welt, denke ich. Ich lasse ihn in Ruhe. Er steht ja noch, so schlimm kann es nicht sein.

Im dritten Raum der Ausstellung werde ich dann selber hilfsbedürftig: Die Wände dort sind gleich grau wie der Boden. Das bringt meinen labilen Gleichgewichtssinn aus dem Konzept. Ich habe einen Schwindelanfall und muss mit dem Allerwertesten testen, welche der grauen Wände der Boden ist. Ella schleppt mich hinaus. Der Schwindel geht vorbei.

Später im Restaurant merke ich dann, wie fehlhörig ich bin. Es klingt dort die ganze Zeit, als würden an allen Nebentischen ein riesige Töpfe mit Wasser kochen.

Dennoch möchte ich den Ausflug nicht missen. Vor allem nicht jene Zeit, die wir vor einer Videoreproduktion dieses Gemäldes verbrachten.


(Gemälde von Felix Edouard Vallotton, Videoarbeit von Judith Albert).

Derweil der Teller mit Messer und Peperoni auf dem Video langsam eingeschneit wurde, redeten wir (leise, wir waren an einer Ausstellung) über dieses Buch. Und diese DVDs (und noch ein paar andere). Bis das Stilleben mindestens dreimal eingeschneit war. Da war ich glücklich. Ich kann noch ein Zwiegespräch im öffentlichen Raum führen. Es war ein schönes Gespräch.
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