11
Jun
2015

Hochzeit mit Hindernissen

Was bisher geschah: Wir schreiben das Jahr 1958. Karl und Katharina sind frisch verliebt - doch die Trennung droht: Karl ist Seemann. Sein Schiff soll nach Florida auslaufen. Eigentlich möchte er lieber in der Schweiz bleiben. Auch, weil Katharina Hilfe braucht. Sie ist unter der Knute von tyrannischen Arbeitgebern und hat als Österreicherin in der Schweiz wenig Chancen, auf eigene Faust eine neue Stelle zu finden.

In seinem Dilemma suchte Karl Hilfe bei seiner älteren Schwester - eine Autorität in der Familie. Es war am Tag, bevor er den Zug nach Holland besteigen sollte, wo sein Schiff vor Anker lag. "Ich liebe Katharina", sagte er zu seiner Schwester. "Ich weiss nicht: Soll ich gehen oder bleiben?"

"Du musst auf Dein Herz hören", sagte die Schwester.

Da griff Karl zum Telefon und meldete seinem Arbeitgeber, dass er diesmal in Luzern bleiben würde.

Er half Katharina, eine neue Stelle zu finden. Jemand verklagte die bösen Burgherrs. Und dann bekamen die beiden die Papiere, um zu heiraten.

Das Datum stand schon fest. Da sagte jemand zu Katharina, sie könne ihren österreichischen Pass behalten - das müsse sie aber vor der Heirat organisieren. Damals verloren ja Frauen ihre Staatszugehörigkeit, wenn sie heirateten.

Ja, Katharina wollte Österreicherin bleiben. Aber dazu musste die Hochzeit verschoben werden. Was würde Karl dazu sagen? Karl sagte: "Selbstverständlich sollst Du Deinen Pass behalten. Ich bin so stolz, eine Österreicherin zu heiraten - da ist das doch selbstverständlich."

Da verschoben sie die Hochzeit.

Aber dann, endlich, 1961, läuteten die Hochzeitsglocken.

Karl fuhr später noch zwei- oder dreimal zur See. Beim dritten Mal hatte das Schiff Kurs von Holland durchs Mittelmeer Richtung Suezkanal - mit Zwischenhalt in Marseille. Als das Schiff in Südfrankreich anlegte, packte Karl seine Sachen, ging an Land und nahm den nächsten Zug nach Luzern.

Später wurde er Lastwagenfahrer.

Er und Katharina wohnten viele, viele Jahre lang in einer Mietskaserne im Maihofquartier. Karl war ein begnadeter Gärtner und hegte und pflegte ein paar Beete hinter dem Haus. Ich habe ihn oft gesehen, wenn ich an ihrem Haus vorbeiging. Er war ein lebensfreudiger Mann und schäkerte gerne ein bisschen.

4
Jun
2015

Rendez-vous mit Karl

Was bisher geschah: Das Kindermädchen Katharina ist 1958 für einen einzigen Abend seinen tyrannischen Luzerner Arbeitgebern entkommen. Beim Tanzen verliebt sich die 21-Jährige Hals über Kopf in einen jungen Mann namens Karl.

Der Abend klang aus. Als der letzte Tanz vorbei war, setzte Karl die junge Frau in ein Taxi. Er wolle sie wiedersehen, sagte er. Sie wolle das auch, sagte sie. Aber sie dürfe nicht ausgehen, wegen Burgherrs. Da sagte er: „Ich werde im Café Rex auf Dich warten. Jeden Abend.“

Karl war offensichtlich ein Kenner der damaligen Trendlokale. Die Bar beim längst verschwundenen Kino Rex war damals so angesagt, dass sie aus lauter Nostalgie ihren 50-er-Dekor bis zum heutigen Tag behalten hat.


(Quelle: www.20.min.ch)

Aber wie sollte Katharina ins Café Rex kommen? Und würde Karl Wort halten?

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wenige Tage später waren Burgherrs abends wieder einmal weg. Katharina konnte zwar nicht aus dem Haus. Aber in der Stube von Burgherrs stand das Telefon, und Katharina wusste, wo das Telefonbuch war. Sie würde einfach ins Café Rex anrufen. Mit fliegenden Händen blätterte sie die dünnen Seiten um - sie hatte nicht viel Zeit und nicht viel Übung im Durchforsten schweizerischer Telefonbücher.

Aber sie fand die Nummer des Cafés. Und sie rief dorthin an. Und als sie eine Kellnerin am anderen Ende hatte, sagte sie: "Ich möchte mit dem Herrn Karl sprechen." Und die Serviererin rief in den Saal hinein: „Herr Karl, ein Fräulein Katharina möchte Sie sprechen!“ Und dann hatte sie ihn am Apparat, den Herrn Karl. Er hatte tatsächlich auf sie gewartet.

Von da an waren die beiden ein Paar.

Nun galt es, Katharina aus den Fängen der Burgherrs zu befreien.

Aber so einfach war das nicht. Denn schon wenige Tage später sollte Karl den Nachtzug nach Holland besteigen, wo sein Schiff vor Anker lag. Der Binnenländer Karl war Seemann. "Er war auf der ganzen Welt herumgekommen, durch den Suezkanal, nach China und durch den Panamakanal. Er sprach alle möglichen Sprachen, Arabisch verstand er sehr gut." Während der schicksalshaften Begegnung mit Katharina war er nur für zwei Wochen auf Heimaturlaub in Luzern. Sein Schiff sollte in den nächsten Tagen nach Florida auslaufen.

Für ihn stellte sich ganz ernsthaft die Frage: Gehen oder bleiben?

31
Mai
2015

Der Mann im weissen Hemd

Was bisher geschah: Katharina ist ihrem bedrückenden Arbeitsalltag als Kindermädchen für ein paar Stunden entkommen: Sie vergnügt sich im Luzerner Tanzlokal Alpengarten. Da betritt ein junger Mann den Saal.

"Er war braun gebrannt, mit dunklen Haaren - und er trug ein weisses Hemd", erinnert sich Katharina. Sie habe immer gesagt: "Wenn ich einmal heirate, dann einen Mann mit brauner Haut, einem weissen Hemd und einer Krawatte." Der hier trug ein weisses Hemd - aber keine Krawatte. "Dafür sah ich, wie sich in seinem Hemdausschnitt ein paar dunkle Haare kräuselten."

Die beiden warfen einander verstohlene Blicke zu. Aber vorerst geschah nichts. Dabei hätten sie nicht einmal aufzustehen brauchen, um ein paar Worte zu wechseln. Es gab im Alpengarten Tischtelefone. Das war in den fünfziger Jahren der letzte Schrei.

Ja, der Alpengarten!


(Quelle: www.luzernerzeitung.ch)

Noch meine Eltern konnten sich vorstellen, dass dort auch ein Mann für mein Leben antanzen würde. Im Cha-cha-cha vielleicht. Mir schmeckte nur schon die Idee wie drei Tage abgestandener Minzentee. Und nicht nur mir. Das Haus atmete spätestens in den Achtzigern den falschen Zeitgeist. In den neunzigern riss man es ab und stellte ein Wohnhaus an seine Stelle. Ich fragte mich flüchtig, ob die Mieter manchmal von den jungen Leuten träumen, die dort einmal die Nächte durchtanzt haben.

Es waren solche Momente, die mich an Katharinas Geschichte so fesselten – sie beschwor Bilder von den alten Mauern meiner Stadt. Sie füllte sie mit den Geistern der Menschen, die zwischen ihnen gelebt haben. Sie gab ihnen die Sepiafarbe der Erinnerung und brachte sie zum Sprechen. Und doch verstand ich die Leidenschaften nicht, von denen sie sich hatten treiben liessen. Sie blieben Gespenster.

Ausser dem jungen Mann im Alpengarten, anno 1958. Er war kein Gespenst. Er strahlte geradezu, filmreif. Er rührte sich immer noch nicht. Schliesslich war Damenwahl. "Da haben ich ihn zum Tanzen aufgefordert", sagte Katharina. "Und von da an tanzten wir jeden Tanz zusammen." Karl und Katharina. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagte sie. "Es war, als würden wir einander schon unser ganzes Leben lang kennen."

Doch wie sollte sie ihn nach diesem Abend wieder treffen? Katharina arbeitete sieben Tage die Woche. Ausgehen durfte sie nicht.

22
Mai
2015

Missglücktes Schäferstündchen

Was bisher geschah: Meine Nachbarin Katharina kommt in den fünfziger Jahren aus Kärnten nach Luzern und malocht wie eine Leibeigene. Hier mehr dazu. Dann erhält sie die Chance, wenigstens einmal tanzen zu gehen. Ihre Chefs sind weg - dennoch zögert sie. Sie hat Angst, erwischt zu werden.

Das kam nicht von ungefähr. "Weisst Du, bevor ich in die Schweiz kam, ging ich mit meiner Schwester nach Klagenfurt. Wir arbeiteten dort bei einem Bäcker", sagte sie. "Wir konnten in seinem Haus wohnen." Eines Tages fuhren der Chef und seine Frau für drei Tage weg.

Am zweiten Tag bekam Katharinas Schwester Besuch von einem Verehrer. "Ich ging extra auf einen längeren Spaziergang, damit die beiden ein paar Stunden für sich allein hatten", sagte sie. Was dann geschah, lässt sie noch nach 60 Jahren vor Schreck erblassen: "Als ich zurückkam, waren der Bäcker und seine Frau wieder zurück - einen Tag zu früh. Dafür war meine Schwester weg. In ihrem Zimmer war gar nichts mehr. Alles leer."

Später stellte wurde klar, was passiert war: Die Schwester hatte mit dem Liebsten im Bett gelegen. "Mit dem sie heute noch verheiratet ist!" betonte Katharina. Und dann seien die Bäckers nach Hause gekommen. Und hätten die Ladentochter im Bett gefunden. Allein, denn der junge Mann hatte sich eilends hinter einem Vorhang versteckt. Doch der Stoff reichte ihm nur bis zu den Waden. Man konnte seine Füsse sehen.

Der Bäcker entdeckte ihn und jagte ihn fort - die ältere Schwester wurde auf der Stelle entlassen. Auch Katharina musste noch am gleichen Tag gehen. Und jetzt sass sie in Luzern und fürchtete, dass nochmals ein ähnlicher Alptraum passieren könnte.

Aber ihre Nachbarn liessen nicht locker. Sie wollten sie zum Tanzen mitnehmen. Und so gingen sie alle drei in den Alpengarten. "Erinnerst Du Dich noch an den Alpengarten?" fragte sie. "Bei der Talstation der Dietschibergbahn?"

Ja, ich erinnerte mich vage.

Dort also vergnügte sie sich. Und dann sah sie einen Mann zur Tür hereinkommen.

Aber von ihm dann mehr nach Pfingsten!

20
Mai
2015

Karl und Katharina

Nicht in einem Märchenschloss begann die Liebesgeschichte von Karl und Katharina Rüedi, und nicht einmal in einer Arztvilla. Sondern in diesem biederen Mehrfamilienhaus.


Hünenbergstrasse 20, Luzern

Ihr habt ihre Geschichte lesen wollen - also gut, Ihr sollt sie haben!

Solche Häuser wurden in unserer Stadt nach dem Krieg zu Hunderten gebaut. Hier schuftete Katharina 1958 als Kindermädchen. Ihre Arbeitgeber hiessen sinnigerweise Burgherr. Der Burgherr habe etwas Geld mit einem Patent gemacht, erinnert sich Katharina. Gearbeitet habe er jedenfalls nicht.

Katharina lebte hier schlimmer als einst Aschenbrödel. Sie musste auf die beiden Söhne aufpassen, ging mit ihnen auf den Spielplatz und wurde gelegentlich zum Einkaufen geschickt. Sonst durfte sie nicht aus dem Haus, nie. Freien Tag hatte sie keinen, Lohn auch nicht. Das Arbeitsverhältnis war gewiss auf 100 Arten ungesetzlich. Katharina war um die zwanzig, sie wehrte sich nicht. Sie war aus Kärnten gekommen. „Wenn Du jemandem etwas sagst, stellen wir dich einfach an die Grenze“, drohten Burgherrs. Damit hatte es sich.

Gelegentlich schickte Frau Burgherr Katharina in die nahe Metzgerei. Dort sollte sie 100 Gramm Hackfleisch holen. Die Hausfrau machte dann zu Hause Bolognese für fünf Personen. Sie goss die Sauce zuunterst in die Schüssel, obendrauf kamen Spaghetti. Die oberste Schicht Teigwaren schöpfte die Chefin weg und gab sie Katharina - ganz ohne Sauce. Dann erst rührte sie die Spaghetti um und bediente die Familie.

Wenn das Mädchen in die Bäckerei musste, war das Geld genau abgezählt. Sie musste jeweils zwei Schnecken kaufen, für die Buben.


(Quelle: www.baeckerei-mathieu.ch)

Für sie selber gab es nicht einmal eine Semmel.

Katharina wäre gerne tanzen gegangen. Tanzen, das konnte sie. Aber ausgehen - undenkbar! Erst als Burgherrs einmal für drei Tage wegfuhren, schöpfte sie Hoffnung. Ein Ehepaar aus der Nachbarschaft wollte sie in ein Tanzlokal mitnehmen.

"Erst wollte ich gar nicht mit - ich hatte Angst, dass Burgherrs absichtlich früher nach Hause kommen und mich ertappen würden", sagte sie.

Ich hatte ihr bislang in unserer Quartier-Konditorei still gegenüber gesessen - nur wenige Schritte von der Hünenbergstrasse entfernt. Ich machte nur ab und zu einen ermunternden Laut. Jetzt sagte ich: "Wer macht denn so etwas?!"

Ich hatte eine kurze Antwort erwartet. Aber ich hatte nicht mit Katharinas Talent zur Abschweifung gerechnet - sofort begann sie mit einer pikanten Rückblende auf ihre Zeit in Kärnten. Aber die erzähle ich Euch nächstes Mal.
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