23
Apr
2017

Nie wieder schreiben

In den letzten Tagen habe ich meinen Estrich aufgeräumt. Ich entsorgte meine sämtlichen Schulhefte und Berge von Karton. Dann fand ich eine grosse Plastiktüte mit Fragmenten eines Romans. Das Manuskript ist gewiss 15 Zentimeter dick, lauter A4-Blätter, eng mit Schreibmaschine beschrieben, praktisch ohne Ränder. Die erotischen Verwirrungen eines Teenagers, kein Mensch wird das je lesen wollen. Nicht einmal ich wollte es mehr lesen.

So, wie ich dieses Manuskript verfasst habe, habe ich immer geschrieben. Anfallsweise. Stossweise. Reichlich. Ich habe auch reichlich gebloggt. "Wer ein geheimes Selbst hat, neigt oft zum Schreiben, um ihm Ausdruck zu verschaffen", habe ich kürzlich in irgendeinem Hochglanzmagazin gelesen. Ich wollte nicht den ganzen Artikel dazu lesen, er schien mir trivial. Aber dieser eine Satz blieb mir hängen. Ich muss ein sehr opulentes geheimes Selbst gehabt haben.

Ich schreibe "gehabt", denn in letzter Zeit ist mir nicht mehr so ums Schreiben. Es liegt daran, dass ich mittlerweile weiss: Wenn ich noch etwas Publizierbares auf die Reihe kriegen will, muss ich sehr hart arbeiten - wahrscheinlich härter als es meine Kräfte erlauben. Die Malaise rund ums Bloggen kennt ihr ja alle. Und mit dem Journalismus ist es bei mir auch vorbei.

So drücke ich mich ums Schreiben. Ich komme aus der Übung. Sogar meine Tagebücher bleiben leer. Ich tue statt dessen Dinge, die ich früher nie getan habe. Meinen Estrich aufräumen zum Beispiel. Das ist durchaus sinnvoll. Aber ich fühle mich dabei doch ein bisschen wie in einer Beschäftigungstherapie. Ich versuche mir vorzustellen, wer ich bin, wenn ich nicht mehr schreibe. Dann sehe ich eine ganz gewöhnliche Frau mittleren Alters vor mir. Es ist gewiss nichts Ehrenrühriges daran, eine ganz gewöhnliche Frau mittleren Alters zu sein. Und doch fühle ich mich dabei, als hätte man mir etwas amputiert. Wahrscheinlich mein geheimes Selbst.

Um ehrlich zu sein: Ich weiss nicht, wie ich weitermachen soll. Ich wünschte, jemand würde es mir sagen. Ich habe es nicht einmal fertig gebracht, mein altes Romanmanuskript zu entsorgen.

28
Feb
2017

Drei Träume

13. Februar: Der Kulturflaneur und ich wohnen in einem Schloss mitten in einem Wäldchen am Fluss. Die Burg ist baufällig, Trümmer liegen in den Räumen. Die Schlossherren sind auch da, schreiten umher und sprechen englisch. Nachts kommen Marder herein und spielen zwischen den Trümmern. Eine Psychotherapeutin, die auf Besuch kommt, kann nicht schlafen. Der Kulturflaneur und ich verlassen das Schloss. Im Wäldchen begegnen wir einem Italiener, der auf der Suche nach einer Bleibe ist. Wir kommen zu einer Pizzeria. Unser Begleiter verwandelt sich in einen Wolf und verjagt den Pizzabäcker - dann zieht er selber in die Pizzeria ein. Ich erwache und bin überschäumend fröhlich, weil unser Freund ein neues Daheim gefunden hat.

14. Februar: Abends besuche ich ein Ausgehlokal. Es ist gebaut wie ein Basar in Istanbul, mit vielen verschachtelten Innen- und Aussenräumen. Ich treffe Judith, eine Freundin aus meiner Zeit in der Kulturszene. Ich will mit ihr sprechen, aber sie hat keine Zeit für mich, sie muss arbeiten. Dann sehe ich Matz, auch einen alten Bekannten. Doch auch er wird nicht mit mir sprechen, er hat mich immer verachtet. Ich gehe in einen Aussenraum und finde vor dem Eingang zu einer Bar drei schalenförmige Stühle. Auf einen davon setze ich mich und schlafe ein. Ich reisse mich aus dem Schlaf und betrete die Bar. Dort laufen am Fernsehen Bilder vom Ukrainekrieg. Der Barmann sagt: "Sie habe ich hier noch nie gesehen." Ichv ersichere ihm, dass ich oft hier im Haus bin - aber selten an dieser Bar. Die Explosionen im Fernseher erschüttern das Gebäude. Ich komme mit einer Krankenschwester ins Gespräch. Sie wohnt an der Strasse am Fluss, im gleichen Haus wie ich früher. Sie fragt mich, an welcher Busstation ich jeweils ausgesteigen sei. Sie sagt: "Ich weiss nie, wo ich aussteigen soll. Ich habe überall Angst, vergewaltigt zu werden." Wir fahren zusammen dorthin, aus dem Stadtfluss ist eine grüne Landschaft mit zwei alten Holzbrücken geworden. Trotzdem weiss ich noch genau, wo wir aussteigen müssen. "Es ist doch ganz einfach", sage ich. Dann wache ich auf. Ich bin abgrundtief traurig.

15. Februar: Ich habe ein Klassentreffen unserer Gymnasiums-Klasse, aber ich erinnere mich an nichts Genaues - es ist, als sträube der Traum sich gegen das Erinnertwerden. Aber ich erwache glücklich. Ich bin sicher, dass ich im Traum all jene Kolleginnen und Kollegen gesehen habe, die mir damals etwas bedeutet haben: Astrid und Sibylle, Regula und Lukas und Erich.

Das ist mein Beitrag zum zweiten diesjährigen Wort des famosen Projektes *txt. Es lautet "nächtelang".

29
Jan
2017

Drei Küsschen

In der Deutschschweiz begrüsst man einander mit drei Küsschen - links - rechts - links. Punkt. Das ist so selbstverständlich, dass ich auch schon Besucher aus Deutschland, Österreich oder England dreimal geküsst habe - die waren dann jeweils leicht verwirrt über eine solch exzessive Küsserei.

In meinem weiteren Bekanntenkreis gibt es seit langem genau zwei Frauen, die dieses Kussritual verweigern. Sie küssen nur einmal ... oder ist es jetzt zweimal? Ich bin nie ganz sicher, und überhaupt kommt mir das etwas zickig vor. Als würden sie mir bei der Begrüssung nicht sagen: "Hallo, freut mich, dich zu sehen." Sondern: "Moi! Ich bin so unkonventionell, dass ich mich an Deine kleinkarierten Regeln nicht zu halten brauche. Richte Du Dich gefälligst nach meinen!"

Die englische Anthropologin Kate Fox gibt mir in dieser Frage recht. Solche Regeln seien wichtig für die menschliche Psyche. Jeder Bereich des Zusammenlebens sei durch sie bestimmt, man nenne das "Zivilisation", schreibt sie in ihrem Buch "Watching the English", in dem sie die Rituale des Zusammenlebens in England studiert hat. Grussregeln seien ein Mittel, das Kennenlernen oder den sozialen Zusammenhalt zwischen Menschen zu fördern. Wobei sie wenig später über den kläglichen Mangel an verbindlichen Grussregeln in England lästert: "Wenn wir uns vorstellen oder grüssen, neigen wir dazu, verlegen, ungeschickt und unelegant zu sein. Unter Freunden herrscht in dieser Hinsicht weniger Peinlichkeit, obwohl wir oft immer noch nicht genau wissen, was wir mit unseren Händen tun sollen, ob wir uns umarmen oder küssen sollen." Wie viel besser haben wir es da in der Schweiz, dachte ich. Da wissen wir wenigstens, was gilt.

Aber mit solchen Gewissheiten ist es jetzt vorbei, mussste ich vor zwei Monaten hier lesen! Die Dreiküsseregel kommt unter Druck, schreibt die Zeitung "20 Minuten". Küssen sei kompliziert und wirke altbacken, mahnen Stilexperten - was offenbar dazu führt, dass die jungen Leute in den Städten sich jetzt benehmen wie die Engländer: Sie stehen herum und wissen nicht wohin mit ihren Händen und Mündern.

Aber was gilt jetzt für mich? Ich weiss ja sehr wohl, dass die Regeln des Zusammenlebens nicht in Stein gemeisselt sind. Auch die Dreiküsschenregel begann vor etwas mehr als drei Jahrzehnten unter uns damals jungen Leuten und dehnte sich erst allmählich auf die älteren aus.

Soll mir einfach bitte bald jemand sagen, was jetzt gilt. Vorher nehme ich mir das Recht heraus, altbacken zu sein.

22
Jan
2017

Pussies



Seit Stunden schaue ich mir Bilder von den Women's Marches an, die gestern weltweit gegen Donald Trump stattgefunden haben. Dass die Amerikaner diesen Milliarden-Pleitier und Menschenverächter zum Präsidenten gemacht haben, schockiert mich noch immer zutiefst. Das ist ein GAU für die Demokratien des Westens. Der Aufstand der Frauen kommt spät, aber er kommt Gottseidank, und er ist wunderschön, witzig und überwältigend gross. Möge ihm bald die Absetzung des neuen Präsidenten folgen!

7
Jan
2017

Musik in meinen Ohren


Frau Frogg ist in grauer Vorzeit Beatles-Fan gewesen. Seither hat sich vieles geändert

Achtung, dies ist ein Klagelied! Es tut mir leid, ich kann nicht anders. Dominik Leitner ist schuld. Er hat uns in seinem Projekt *txt das Stichwort mittlerweile gegeben. So ein Wort ist ein Steilpass für jemanden mit einer chronischen Krankheit - es fordert geradezu dazu heraus, die Veränderungen zu untersuchen, die zum Beispiel so ein Morbus Menière bewirken kann. Ich verspreche, dass ich dafür auch einen Beitrag zum neuen Wort Hoffnungsschimmer schreiben werde.

Als Teenager war ich Beatles-Fan. Ich hörte noch tiptop, und ich kannte sämtliche Beatles-Songs ohne Ausnahme. "Please Please Me" war ein Favorit von mir, dieser sehnsuchtsvolle Chor, dieses eindringliche Gitarrenriff - ich muss das Lied an die hundertmal gehört haben.

Neulich machte ich Weihnachtseinkäufe und betrat einen Laden mit dänischem Schnickschnack. Das Geschäft war proppenvoll und nebst allem anderen Lärm und meinem Tinnitus jaulte auch noch eine Gitarre falsch aus einem Lautsprecher. Jemand sang abgehackt und zwischendurch traktierte ein Drummer sein Instrument. Es musste eine Minute in den Song hinein sein, als ich plötzlich die Zeile "Last night I said these words to my girl" verstand. Sofort wusste ich: Das ist "Please Please Me" - aber die Melodie hätte ich nie erkannt. So ist es, schwerhörig zu sein.

Ich hatte keine Zeit, darüber traurig zu sein. Ich fand statt dessen den dänischen Schnickschnack einfach saublöd und verliess den Laden so schnell wie möglich.

So bin ich mittlerweile: schnell gereizt, schnell bereit, Dinge langweilig oder ärgerlich zu finden. In ständiger Angst vor dem nächsten Schwindelanfall und vor Situationen, denen ich mit meinem schlechten Gehör nicht gewachsen sein könnte.

Ich bin einmal ganz anders gewesen, versichere ich mir mittlerweile oft. Ich hatte Selbstvertrauen der Jugend. Ich hatte zu allem etwas zu melden. Ich konnte Musik hören und reisen und wusste stets, was es zu Bloggen gab. Aber ich habe wenig Kraft im Moment. Das einzige, was ich gerade wirklich gerne tue, ist lesen und schlafen.
logo

Journal einer Kussbereiten

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Impressum

LeserInnen seit dem 28. Mai 2007

Technorati-Claim

Archiv

April 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
24
25
26
27
28
29
30
 
 

Aktuelle Beiträge

Dieser "Werbeblock" wäre...
Dieser "Werbeblock" wäre schon das Einrahmen wert.... Toll,...
Lo - 28. Apr, 19:20
So schade!
Ohne dass ich Sie, Frau Frogg, zu irgend etwas drängen...
Walter B - 28. Apr, 18:20
Werd dem Flaneur ...
... die Grüsse bestellten - und wünsche weiterhin...
diefrogg - 28. Apr, 15:33
@BoMa und Lo
Danke für Eure verständnisvollen Kommentare....
diefrogg - 28. Apr, 15:32
Oje...... Wir kenen uns...
Oje...... Wir kenen uns ja nicht persönlich, insofern...
Lo - 26. Apr, 17:25

Status

Online seit 4601 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 28. Apr, 19:21

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB


10 Songs
an der tagblattstrasse
auf reisen
bei freunden
das bin ich
hören
im meniere-land
in den kinos
in den kneipen
in den laeden
in frogg hall
kaputter sozialstaat
kulinarische reisen
luzern, luzern
mein kleiner
offene Briefe
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren