29
Jan
2012

Lieber reich und gesund

Die Lektüre der Sonntagspresse kann man sich heute sparen. Hingegen möchte ich vor allem meine Schweizer Leser auf einen Beitrag bei ivinfo aufmerksam machen. Der Bericht zeigt - zugespitzt formuliert: Wer in unserem Land krank wird und in eine Rentenabklärung gerät, lebt unter Umständen gefährlich. Dafür können sich Gutachter schamlos an ihm bereichern. Das ist besonders stossend, weil unsere Invalidenversicherung - für die wir alle zahlen - mit den Renten äusserst knausrig geworden ist.

Ein Freund von mir pflegte zu sagen: "Lieber reich und gesund als arm und krank".

Damals war ich noch jung und wollte nicht begreifen, dass es dieser lakonischen Aussage nichts hinzuzufügen gab. Ich glaubte, in einer gerechten Gesellschaft zu leben, die auch für ihre Kranken nach bestem Gewissen sorgte. Heute verstehe ich sie. Jeden einzelnen Buchstaben.

25
Jan
2012

Angst vor dem Einbrecher

Wenn ich unser Treppenhaus betrete, beschleicht mich in diesen Tagen oft ein ungutes Gefühl. In den bald elf Jahren, in denen wir hier wohnen, hat unser Besitzer gar nichts daran gemacht. Das Treppenhaus sah damals schon vernachlässigt aus. Heute erinnert es an jene Entrées aus der Sowjet-Zeit, die ich 1998 im heruntergewirtschafteten Russland sah: Die Farbe blättert. Der Verputz bröckelt.

Ich fürchte, unser Vermieter wird die neunzigjährigen Mietshäuser im Quartier bald niederwalzen und etwas Neues hinstellen. Etwas Teures. Die Mieten sind in unserer Stadt in den letzten paar Jahren in unglaubliche Höhen geschnellt.

Das ist schade. Denn in unserem Quartier hat sich ein kleinbürgerlicher Lebensstil erhalten, der vor 10 Jahren schon liebenswert altmodisch wirkte. Frau Froggs erste Postings setzten sich nicht zuletzt deshalb intensiv mit unserem Haus und seinen Bewohnern auseinander - etwa im Beitrag Es eint sie die Angst vor dem Einbrecher.

Frau Baggenstoss und Frau Baumgartner sind immer noch hier. Frau Baggenstoss ist geradezu unheimlich nett geworden. Und Frau Baumgartner wartet auf einen Platz im Altersheim.

Eines Tages ist es wohl auch vorbei mit den den geheimeimen Fusspfaden hinter dem Haus, dem Bärlauch unter den Wäscheleinen und den wilden Erdbeeren.

22
Jan
2012

Frau Frogg's intimster Beitrag

Am 2. Februar 2002 hat Frau Frogg ihren ersten Blog-Beitrag geschrieben. Er trug den Titel "Bambustiger und Tüpflihexe" und ist hier nachzulesen.

So ein Jubiläum ruft nach ausgedehnten Feierlichkeiten. In lockerer Reihenfolge werde ich Euch über die kommenden Wochen meine besten Beiträge noch einmal kredenzen. Und - wo nötig oder möglich - erzählen, wie meine Geschichten weiter gegangen sind.

Mein erster Blogbeitrag ist auch einer meiner intimsten. Später habe ich die Weltöffentlichkeit kaum mehr je so direkt in mein Schlafzimmer blicken lassen. Ich werde es auch hier nicht tun. Nur so viel: Aus dem Tiger ist nach ein paar Jahren Herr T. geworden. Er ähnelt jetzt eher einem Eisbären als einem Tiger, denn seine Haare sind ganz weiss. Noch immer streift er durch unsere gemeinsame Wohnung. Gerade lässt er in der Küche einen Schmorbraten aufbrutzeln.

21
Jan
2012

Filmtipp

Gestern liess ich mich von acqua aus meiner selbstgewählten Einsamkeit locken. Eigentlich wollten wir zusammen den neuesten Kino-Knüller aus Frankreich sehen: Intouchables (ziemlich beste Freunde). Doch der war ausverkauft. Kein Wunder: Er hat hierzulande einen richtigen Medien-Hype ausgelöst.

Also wichen wir auf einen Streifen aus, der im kleinsten Saal unseres Stammkinos lief: le gamin au vélo (zu Deutsch: "Der Junge mit dem Fahrrad").



"Oje, französischer Problemfilm!" dachte frau frogg. Aber der Streifen erwies sich als Bijou. Er lebt von der unglaublichen Tour de Force seines Hauptdarstellers, des elfjährigen Thomas Doret alias Cyril. Cyril sucht seinen Vater - mit seiner ganzen, enormen Sturheit und jeder Menge gerissenen Tricks. Er büxt aus dem Heim aus, in dem er lebt. Er übertölpelt Lehrer, Erzieher, einen Abwart. Er rennt und rennt und rennt und fährt Velo - im Gesicht die heilige, herzerweichende Verbohrtheit eines Kindes."Pitbull" nennen ihn die bösen Buben im Quartier. Der Name passt.

Das Treffen mit dem Vater wird - nicht ganz unerwartet - zur Katastrophe. Nun bleibt dem Bub nur noch die Coiffeurin Samantha. Diese kümmert sich an Wochenenden um ihn. Gern hätte frau frogg erfahren, warum die junge Frau sich des schwierigen Knaben annimmt. Aber Erklärungen dazu bleibt uns der Film schuldig. Leider.

Finden die beiden zusammen einen Weg? Oder gerät der Bub gar auf die schiefe Bahn? Das verrate ich nicht. Geht und schaut Euch das Werk an! Es ist ein Film über die Kraft, die wir alle aufwenden, um unseren Platz im Leben zu finden. Und darüber, dass manchmal auch unglaublich viel Kraft nichts nützt. Und doch ist es ein lebensbejahender Film. Mit einem dramaturgisch punktgenau gelungenen Schluss.

Filmstart in Deutschland: 9. Februar; in Österreich: 10. Februar

18
Jan
2012

Taub in der Cafeteria

Mittlerweile habe ich mein Gehör wieder erlangt - fürs erste. Aber die Erlebnisse von letzter Woche sind mir noch in ungemütlicher Erinnerung. Am Donnerstag ging ich arbeiten, obwohl ich kaum noch telefonieren konnte. Ich folgte dem Rat von Ärztin C. und tat so, als ob nichts wäre.

Es war, als wäre die ganze Welt einen Schritt von mir entfernt. Mein Bewegungsapparat kam mit der Situation nicht zurecht. Ich stiess mich ungewöhnlich oft. Mal an einer Türfalle. Mal an einer Tischkante.

Meistens arbeite ich allein. Deshalb gehe ich mittags in die Cafeteria. Dort treffe ich meine Kollegen und erfahre den neuesten Klatsch. Das Problem ist bloss: Die Cafeteria ist nicht für Hörbehinderte gebaut. Hohe Decke, steinerne Böden, am Mittag stets Gedränge und ein Mega-Lärm. Ich weiss das längst. Meist gehe ich trotzdem hin und hoffe, dass an einem Tisch noch ein gutes Plätzchen frei ist. Eins, an dem ich mein gutes Ohr den Kollegen entgegen halten kann. Wenn mein gutes Ohr auch im Arsch ist, bin ich verloren.

Aber ich ging trotzdem in die Cafeteria. Ich hatte Sehnsucht nach der Nestwärme der Kollegen. "Heute werde ich nicht viel zur Konversation beitragen können", sagte ich beim Hinsetzen. "Ich bin so gut wie taub." Einfach, damit sie Bescheid wussten. Sie starrten mich an. Es war offensichtlich, dass keiner in der Lage war, mit dieser Information etwas anzufangen. Wie sollten sie auch? Einige wissen zwar um meine Lage. Aber Stoff für den Smalltalk zum Mittagessen ist das nicht.

Da wurde mir klar, wie schwierig das alles noch werden könnte. Ich kenne zum Glück ein paar Leute, die mir vormachen, dass es irgendwie geht. Zum Beispiel Herrn notquitelikebeethoven. Aber lernen muss ich es wohl trotzdem selber.

Aber jetzt feiere ich erst mal meine Rückkehr zu den Hörenden. Heute mit den Specials:

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