30
Okt
2009

Ab ins Spital

Freunde, da dies auch eine Chronik meiner Meniere-Erkrankung ist, und ich nicht viel Zeit habe, mache ichs jetzt kurz und banal: Ich bin auf dem Weg ins Spital. Die Gehörverlust ist so schlimm geworden, dass ich in meinen vier Wänden bei absoluter Umgebungsstille kein vernünftiges Gespräch mehr mit Herrn T. fühlen kann. Ich verreise also für vier oder fünf Tage. Ohne Computer. A piu tardi.

29
Okt
2009

Hörsturz: Rückfall

Habe ich gestern nicht vollmundig behauptet, ich würde nun wieder gesund? Nun: Die Realität hat mich eines Besseren belehrt. Ich weiss nicht, woran es lag. Lag es daran, dass die eigentlich immer noch ein bisschen rekonvaleszente Frau Frogg gestern eine geschlagene Stunde an ihrem Krimi arbeitete? Oder daran, dass sie die Unverfrorenheit hatte, später den Zug ins nicht allzu ferne Zürich zu nehmen? Dass sie dort eine Stunde lang in der Englischen Buchhandlung stöberte und wieder einmal viel Geld ausgab? Dass ich mich dann mit einer alten Freundin zu einem köstlichen Essen im Bona Dea traf. Dabei war das Essen nicht nur gut, sondern so gesund, dass Körnlipickerin Frogg nicht einmal in einer ihrer radikalsten Gesundesser-Phasen einen Makel daran gefunden hätte.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Schon als ich in Zürich ankam, erkannte ich die Signale: Der Bahnhof gurgelte. Im Buchladen hörte ich den Verkehr draussen nur noch kiechzen. Der Kühlschrank im Bona Dea donnerte. Auf der etwas verfrühten Rückfahrt klang sogar das Geräusch des fahrenden Zuges dünn. Und als ich nach Hause kam, fand ich Herrn T. mit seltsam tonloser Stimme vor.

Ich mich sofort zur Ruhe, aber an so etwas wie richtigen Schlaf war nicht zu denken.

Heute morgen geht es jetzt immerhin wieder so gut, dass ich mich bis jetzt nicht zum Ohrenarzt aufgemacht habe. Aber da ist noch dieses ungemütliche Dröhnen. Ich weiss nicht, ob das die Nachhut des Hörsturzes von gestern ist. Oder die Vorhut des nächsten.

Die Sache macht mir Angst, das könnt Ihr mir glauben. Wenn's ums Kranksein geht, hat Frau Frogg so etwas wie eine Dramaturgie im Kopf: Man erkrankt. Man leidet und trinkt Tee. Man geht (wenn nötig) zum Arzt. Der gibt einem irgendetwas, was man schlucken kann. Dann wird man wieder gesund. Im schlimmsten Fall gibt es einen Rückfall oder eine zögerliche Rekonvaleszenz. Aber doch nicht dieses zermürbende Auf und Ab!

Meine Freundin ist eine kluge Frau, die viel gesehen hat. "Manchmal", sagte sie, "manchmal können wir einfach nicht verstehen, was uns geschieht."

28
Okt
2009

Krimi ganz neu

"Nein, das kannst Du nicht machen! Du kannst Deinen Krimi nicht wegschmeissen! Du kannst die Arbeit von drei Jahren nicht einfach vernichten!" so sprach meine Freundin Helga Mitte September. Man muss Helga immer ernst nehmen, wenn sie etwas sagt. In diesem Fall aber besonders, denn sie ist bislang die einzige meiner Bekannten, die einen lesenswerten Roman geschrieben hat (leider - noch - unveröffentlicht).

Dennoch sagte ich: "Doch, kann ich! Weisst Du: Ich kann das Ding nicht mehr sehen, und es ist grottenschlecht! Ausserdem habe ich eine viel bessere Idee, wie ich das Ganze anpacken soll. Und sei versichert: Ich schmeisse nicht alles weg. Ich zerlege einfach alles in seine Einzelteile und setze es neu zusammen."

Aber Helga liess nicht locker. Da sagte Frau Frogg: "Also gut, Helga! Ich schicke Dir jetzt das Ding! Lies es, dann weisst Du, wovon ich rede."

Ich war froh, dass ich ihr das Buch schicken konnte. Den ich war ich war im Grunde nicht sicher, was ich wollte. Ja, ich hatte eine Idee gehabt, wie ich das traurige alte Ding demontieren und aus den Trümmern etwas Neues bauen könnte. Sie war sogar so gut, dass ich Anfang September eine ganze Fahrt im TGV von Paris nach Basel notiert und notiert und notiert hatte. Und zuvor schon eine halbe Nacht lang. Aber das neue Projekt bedeutete noch einmal zwei bis drei Jahre Arbeit. Gab es keinen einfacheren Weg?

Als ich meinen Krimi nach Deutschland gemailt hatte, liess ich mich gehen. Ich genoss das Wetter und die Umstände und verspürte das erste Mal in meinem Leben eine geschlagene Woche keine Lust zu schreiben. Nicht ein einziges Wort.

Dann hatte ich zwei Hörstürze. Ihr kennt die Geschichte.

Dann, letzten Montag, telefonierte ich mit Helga. Sie hatte den ganzen Papierberg gelesen und getreulich korrigiert. Und sie sagte: "Die ersten zwei Kapitel sind klasse. Das ist etwas vom Besten, was ich aus der Schweiz gelesen habe." Was nicht viel heissen will, den Helga hat zwar fast zehn Jahre in der Schweiz gelebt. Aber sie verachtet im Grunde die Schweiz - so, wie die meisten anderen Deutschen in der Schweiz. Sie hat ausser Novellen von Conrad Ferdinand Meyer, der "NZZ" und dem "Blick" seinerzeit nicht sehr viel "aus der Schweiz" gelesen. Dann sagte sie: "Aber die anderen drei Kapitel, Frau Frogg, ehrlich gesagt, die anderen drei Kapitel funktionieren nicht!" Sie erklärte mir dann auch, warum, und das war das beste am ganzen Gespräch. Denn es erklärte mir das, was ich im Grunde wusste - ohne es in Worte fassen zu können.

Seit diesem Gespräch glaube ich, dass ich wieder gesund werde.

Und ich habe angefangen, an meinem neuen Projekt zu arbeiten.

Wer aber das erste Kapitel meiner Unveröffentlichten lesen will, kann sich bei mir melden. Ich schenke es ihm gern zu Weihnachten!

23
Okt
2009

Hendrix in der Südostbahn

Für Nicht-Kenner der schweizerischer Eisenbahnen: Die Südostbahn ist ein Zug, der von Luzern ostwärts durch nicht enden wollende Berg- und Hügellandschaften kriecht. Idyllisch bei schönem Wetter. Am Arsch der Welt bei Hochnebel. Gestern lag dicker Hochnebel. Die Frogg betrachtete aus dem Fenster des Zuges Bauernhöfe und zubetonierten Landstädtchen, stichfest konserviert in grauem Gelee.

In Wattwil setzt sich eine 16-Jährige zu mir ins Abteil und greift zum Handy. Sie ruft zu Hause an. Aber ihr Ton legt nahe: Sie besucht irgendwo eine Managerschule, und jetzt gerade übt sie Personalführung nach Lehrbuch mit den Leuten zu Hause.

"Und irgendöpper mue no go Schtocki chaufe", gebietet sie ihrer Schwester, ihrem Bruder oder ihrem Papi.
"Jo i waiss, mier chönted au Nüdeli mache, aber waisch, i finde..." hier schraubt sich ihr Ton auf die süsslichen Höhen der Motivier-Stufe 10 für unzuverlässiges, aber leicht manipulierbares Personal, ...i finde aifach, Schtocki isch so öppis Guets!"*

An diesem Punkt greife ich zu meinem MP3-Player. Inzwischen habe ich Fortschritte gemacht und ihm ein paar Alben einverleibt. Dabei habe ich geradezu gierig Werke aus meiner Vinylphase ins virtuelle Einkaufwägeli gepackt. Solche, die bei Frau Frogg nicht zuletzt aus technischen Gründen lange Jahre dem Vergessen anheim gefallen waren.

Ich beginne gerade zu denken, wie schade es sei, wenn so junge Leute schon so strebern müssen wie mein Gegenüber. Da gewittern mir die ersten Akkorde von "All Along The Watchtower" ans Trommelfell.



Jetzt denke ich vorerst gar nichts mehr. Der Song ist noch besser als ich ihn in Erinnerung hatte. Er ist eine Offenbarung. Seit Jahren habe ich mich nicht mehr so genau richtig, so genau wie ich selber gefühlt.

Ich habe viele Jahre lang wenig Musik gehört - weil ich viel gearbeitet habe. Und wegen meines Ohrenleidens. Weil ich immer dachte: Je weniger ich weiss, desto weniger werde ich vermissen, falls ich einmal taub werde. Vielleicht liegt es auch daran, dass mich der Song vor Glück fast durch die Zugdecke katapultiert. Nach so vielen Jahren Musik-Entzug... Ich werde meinen Approach ändern müssen.

Später denke ich dann wieder über die Jungmanagerin in meinem Abteil nach. Ich denke, dass es eigentlich genau umgekehrt sein sollte. Die 16-Jährige sollte sich in die bessere Welt des Sounds donnern lassen. Ich, die 44-Jährige, sollte die Dinge im Griff haben und ihre Brut zu Hause herumorganisiern.

Aber es ist nun mal so rum. Und es ist gut so. Ja, es ist gut.

* Zu Deutsch: "Irgendjemand muss noch Stocki (Kartoffelpüree zum Anrühren), einkaufen."
"Ja, ich weiss: Wir könnten auch Nudeln kochen. Aber ich finde einfach, Stocki ist so etwas Gutes."

20
Okt
2009

Grauenhaft komischer Roman

In Londoner Buchläden muss man ja immer drei Bücher für den Preis von zwei kaufen. So kam ich letztes Jahr zu diesem Titel. Er war das nachlässig ausgewählte Anhängsel zu einem Duo, das ich unbedingt wollte.

width=80% Auf deutsch heisst es "Caravan". Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich das Ding noch lesen würde. Aber letzte Woche wurde der Lesestoff in Frogg Hall krankheitsbedingt etwas knapp, und so machte ich mich schliesslich doch an des Werk der ukrainisch-stämmigen Engländerin Marina Lewycka. Ich war angenehm überrascht.

Lewycka macht eine romantische Komödie aus einem Thema, das wir eher in einem dokumentarisch gehaltenen Problemfilm erwarten: dem Schicksal von papierlosen Wanderarbeitern in Westeuropa. Die jungen Ukrainer Irina und Andryi lernen sich beim Erdbeerpflücken auf einem Feld in Kent, Südengland, kennen. Von dort aus setzen sie mit einem zugelaufenen Hund zu einer Reise gen Norden an.

In diesem Buch herrschen blanker Hunger und gezielte Fehlernährung. Da lauern an jeder Ecke Gauner, die nur darauf gewartet haben, mit ahnungslosen Immigranten ein profitables Geschäft zu machen. Da liest man von grauenhaften Zuständen auf einer Hühnerfarm. Der widerliche Mädchenhändler Vulk ist Irina auf den Fersen. Und die Erinnerungen der Protagonisten an die ukrainische Heimat sind alles andere als rosig. Und doch ist der Roman ungeheuer komisch.

Irina und Andryi treffen jede Menge Figuren - Migranten wie sie oder Einheimische. Alle haben keinen Schimmer darüber, wie es um die Welt rundum wirklich bestellt ist (Irina und Andryi zunächst auch nicht). Die Beschränktheiten jeder einzelnen Figur stellt Lewycka sprachlich brillant dar - bis hin zum Hund. So entsteht ein auf immer wieder verblüffende Weise ironisiertes Bild dieser schonungslos brutalen Welt.

Deutschsprachigen Kritikern gefiel das im allgemeinen. Die britische Kritik, schwarzem Humor gegenüber sonst ziemlich tolerant, gab sich zart besaitet. Man dürfe nicht in diesem leichten Ton über so schwere Themen schreiben, findet etwa der Guardian. Da mache sich jemand über die Schwächsten lustig, findet eine Kommentatorin auf amazon.com.

Ich sehe das anders: Man darf. Denn über Andryi und Irina lacht man bald nicht mehr. Sie beweisen Stehvermögen in widrigsten Umständen. Sie sind tapfer. Sie lernen. Die bleiben nicht als Figuren in Erinnerung, über die man lacht, weil sie naiv sind. Sie sind Figuren der Hoffnung.

Und übrigens: Eine ultrarealistische Abhandlung über die Zustände auf Hühnerfarmen hätte ich wahrscheinlich in meinem Zustand gar nie gelesen. Nach diesem Buch aber werde ich mir gut überlegen, welches Poulet ich nächstes Mal im Cööpli kaufe.
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