Luzern, Luzern

17
Mai
2012

Wo nachts die Huren stehen

Die Riedstrasse liegt keine 500 Meter von unserem Haus entfernt - aber bis vor kurzer Zeit kannte ich sie so gut wie gar nicht. Das hat zwei Gründe: Erstens war sie lange Zeit fest in der Hand der Schreber..., pardon, Familiengärtner. Und diese wissen Fremdlingen gut zu verstehen zu geben, dass sie hier nichts verloren haben. Zum Beispiel mit blickdichten Hecken wie im Mittelgrund des Bildes:

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Zweitens liegt die Gegend hinter einem mit Fussgängerstreifen nur sehr spärlich bestückten Autobahnzubringer. Aber in letzter Zeit hat auch der Verkehr die Gärtner nicht vor Unruhe bewahrt. Vor einiger Zeit zog gar der Strassenstrich vom neuen Mittelstandsquartier Tribschenstadt hierher. Als ich das in der Zeitung las, erwachte mein Interesse. Ich wollte die Gegend sehen - nicht mit den Augen der argwöhnischen Anwohnerin. Auch nicht als Voyeurin - weshalb ich einen verregneten Sonntagnachmittag für meinen Ausflug wählte. Ich ging einfach als Flaneurin mit offenen Augen hin. Und fand einen menschenleeren Stadtteil voller düsterer Wunder.

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Etwa diesen riesigen Tunnel. Ein Bekannter von mir behauptet, es handle sich um einen Lärmschutztunnel-Prototyp für die Autobahn. Aus den siebziger Jahren. Soll sich als völlig nutzlos erwiesen haben. Ich weiss nicht, ob das stimmt. Mich erinnert der Bau eher an die mächtigen Gewächshäuser in den Kew Gardens von London - die allerdings wohl erst nach der Apokalypse so aussehen werden.

Der Bau, umgeben von Komposthaufen, liegt am Reuss-Rotsee Kanal - unter dem man sich aber kein schiffbares Gewässer vorstellen sollte.

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Er ist vielmehr ein munterer Bach, der lediglich der künstlichen Bewässerung des Rotsees dient. Der See liegt auf der besseren Seite des Autobahnzubringers und ist bei Spaziergängern sehr beliebt. Was man vom Kanal nicht behaupten kann. Es gibt hier zwar ein paar Naturpfad-Tafeln, die Flora und Geographie erklären. Doch bin ich wahrscheinlich die erste Spaziergängerin, die diese Tafel überhaupt gesehen hat. Schade, denn da stehen ein paar interessante Dinge. Zum Beispiel: Vor der letzten Eiszeit floss die Reuss hier Richtung Aargau. Aber am Ende der letzten Eiszeit blieb Toteis wie ein Deckel über dem Tal liegen. Deshalb suchte sich der Fluss einen anderen Weg. Feucht ists geblieben. Davon zeugt schon der Name "Riedstrasse".

Ebenfalls am Kanal liegen die WCs der Familiengärtner. Dass man sie nicht für die Weltöffentlichkeit gebaut hat, legen die Schildchen auf der Tür nahe - sie müssen aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts stammen.

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Am Häuschen hängt auch dieser Cartoon:

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Er ist beredtes Zeugnis dafür, dass die Familiengärtner hier nicht nur gute Zeiten gesehen haben. Offenbar war hier früher eine Mülldeponie. Die Stadt hat zwar die Böden einmal saniert. Das heisst: "Sie haben einfach einen halben Meter Erde über den alten Boden gekippt", hat mir einmal ein Familiengärtner erzählt. Kommt noch dazu, dass einige der Gärtner bald weichen müssen. Denn die Stadt will hier bauen. Die Rede ist von einem Park mit durchgehendem Spazierweg bis zur Reuss.

Ja, und zuhinterst im Tal liegt das ferne Ende des Friedhofs - ein malerischer Ort mit gepflegtem Rasen und asphaltierten Wegen. Aber ebenfalls vollkommen still, mit vergessenen Grabsteinen aus den siebziger Jahren - im Hintergrund weiden Schafe.

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Neben dem Friedhof gibt es einen Parkplatz, wahrscheinlich der einzige, der oft so gut wie leer ist. Das weiss ich, weil ich hier meine erste Fahrstunden hatte. Motor anmachen, Fuss von der Kupplung, Gas geben. Heute ist er wahrscheinlich Hauptschauplatz des neuen Nachtbetriebs. Das legt jedenfalls dieses Bild nahe:

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Aufgenommen an der Riedstrasse in der Nähe des Friedhof-Parkplatzes.

Nicht nur die Familiengärtner sind über den Einzug der Prostitution in "ihr" Areal irritiert. Auch die städtische Linke findet den Ort für solche Geschäfte ungeeignet: Die Frauen seien in dieser verlassenen und schwer zugänglichen Gegend weniger sicher als in der Innenstadt und müssten sich von Zuhältern herfahren und "beschützen" lassen. Ein Argument, das ich gut nachvollziehen kann.

3
Apr
2012

Hier würde ich liegen

Wenn ich mir frei wünschen könnte, wo dereinst meine Überreste ruhen sollen, dann würde ich dieses Plätzchen wählen:

Kirchbühl

Das ist die Kirche St. Martin, etwa 20 Gehminuten nördlich von Sempach. Sie hatte ihre grosse Zeit im 13. Jahrhundert. Schon 100 Jahre später wurde sie von der Welt vergessen - nur alle 200 Jahre erinnerte man sich wieder an sie und baute ein bisschen an ihr herum. Heute ist die Kirche ein stiller Ort, kein Verkehr, rundum schmucke Bauernhäuser, die Gärten üppig und wie von Zauberhand gepflegt. Wer die Kirche betritt, geht mit offenem Mund auf Zeitreise: 700 Jahre alte Gestalten blicken von den Wänden herunter. Natürlich sind sie verblasst und nur noch bruchstückweise zu sehen - auch die Bilder jener drei stattlichen Männer, die - voll im Saft - draussen im Kirchhof drei Toten begegneten - sich selbst.

Hier spürt man den Hauch der Ewigkeit und bekommt Sehnsucht nach ihr.

Als ich auf meiner Wanderung nach Norden wieder einmal nach St. Martin kam, merkte ich allerdings, dass der Ort so weltvergessen denn doch nicht ist. Nur wenige Meter von der Kirche hat der organisierte Tourismus Marken gesetzt: Hier kreuzen sich drei nationale Velorouten, darunter die Herzroute. An manchen Tagen muss es hier von gut gelaunten Radlern in schwarzen Höschen wimmeln.

Und überhaupt: Die hier begrabenen Sempacher würden mich wohl als fremden Fötzel* betrachten und gar nicht wollen, dachte ich. Ich werde meine Überreste dereinst dem städtischen Krematorium übergeben - und meine Asche wird unter Städtern ruhen.

Ich kehrte zu den Lebenden zurück wandte meinen Schritt weiter nach Norden und erreichte wenig später Eich. Dort endete meine - diesmal kurze - Wanderung.

* Ein despektierliche schweizerdeutscher Ausdruck für Fremde. Wir Städter glauben, dass er vor allem in der Innerschweiz auf dem Land gebräuchlich ist.

31
Mrz
2012

Gutes Essen, grosse Geschichte

Für den Weg vom Bahnhof Sempach-Neuenkirch ins mittelalterliche Städtchen wählte ich eine malerische, aber ineffiziente Route: Ich ging dem Bahndamm und dann dem Seeufer entlang. Das ist gleichzeitig der offizielle Wanderweg. Reine Marschzeit: 55 Minuten. Die Handelsreisenden des Mittelalters hätten über einen solchen Spaziergang wohl den Kopf geschüttelt. Sie waren beladen mit Wein und Seide aus dem Süden oder Geschirr und Wolle aus dem Norden. Sie hätten einen direkteren Weg gewählt.

Für mich hatte diese Wahl den Vorteil, dass ich genau zur Mittagszeit das mittelalterliche Städtchen betrat. Er ist voller hübscher Gaststätten. Besucher mit mittlerem Budget sollten die Krone oder den Ochsen aufsuchen. Beide sind nicht schwierig zu finden: Die "Krone" liegt nahe beim Südtor. Der "Ochsen" ist auf diesem Bild vom Nordtor links zu sehen.

Städtchen

Beide liegen an der historischen Gotthard-Strasse, die im Mittelalter mitten durch die Stadt führte.

In beiden sollte man, nein, nicht Schwein, sondern Fisch essen. Die "Krone" hat mehr Cachet als der "Ochsen". Sie ist aber dienstags geschlossen. So verschlug es mich wieder mal in den "Ochsen". Der Balchen Zuger Art schmeckt dort ganz vorzüglich.

Danach konnte ich mich gestärkt der grossen Geschichte von Sempach stellen - wobei ich die Schlacht von Sempach beiseite liess. Wer mehr darüber wissen möchte, liest die wunderbar unheroische Schilderung von Robert Walser.

Statt dessen machte ich einen kleinen Stadtrundgang. Im Stadtkern selber scheint die Zeit irgendwann im 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein - während rundum fast schon erschreckend viel gebaut wird. Man munkelt, einige Besitzer von Sempacher Stadthäusern täten sich schwer mit der Kantonalen Denkmalpflege - die hier bei jedem Umbau ein Wörtchen mitredet. Ein Bauwerk geradewegs aus der Romantik scheint der Hexenturm zu sein.

Tower in Sempach

Er war im Mittelalter Teil der Stadtbefestigung und gehört heute der örtlichen Theatergesellschaft.

Dann wanderte ich weiter Richtung Norden. Nach 20 Minuten erreichte ich eines meiner Lieblingsplätzchen überhaupt: St. Martin auf Kirchbühl. Mehr darüber in meinem nächsten Beitrag.

27
Mrz
2012

Im Schweineland

Luzern - mein Zuhause - ist ein Schweinekanton. Und das meine ich jetzt nicht als Beschimpfung. Es ist Tatsache: In keinem anderen Schweizer Kanton gibt es so viele rosarote Paarhufer: 423 185 Stück lebten 2010 in Luzerner Ställen*. Zum Vergleich: Im Kanton Bern (Rang zwei) gab es nur deren 281 005 - bei mehr als doppelt so viel landwirtschaftlicher Nutzfläche.

An Schweine dachte ich heute Morgen beim Anblick dieses malerischen Sees.

Sempachersee

Es ist der Sempachersee im Kanton Luzern. Man sieht es ihm nicht an. Aber Schweine und anderes Viehzeugs hätten das blaue Nass in den 70-er Jahren schier zur grünlichen Kloake gemacht. Zu viel Gülle** floss aus den umliegenden Landwirtschaftsbetrieben in den See. Es gab eine Algenpest. Fische starben zu Tausenden. Nur die Technik konnte den See retten: Seit 1984 wird er ab 80 Metern Tiefe künstlich beatmet (nachzulesen auf Wikipedia).

Nun wollt Ihr wohl noch wissen, was ich am Sempachersee zu suchen hatte. Also, vielleicht erinnern sich einige: An einem Samstag im Dezember 2011 brach ich von Luzern nach Norden auf, um eines Tages zu Fuss Basel zu erreichen. Hier und hierhabe ich über die erste Etappe berichtet. Sie endete damals am Bahnhof Sempach-Neuenkirch. Seither scheint in der Frogg'schen Zeitrechnung eine Epoche vergangen zu sein. Eine Epoche, in der ich meine Gehör verlor und noch nicht weiss, ob ich es ganz wiedererlangen werde. Aber es wird Frühling. Ich wollte trotzdem wieder spazieren gehen. Also ging ich vom Bahnhof Sempach-Neuenkirch aus weiter Richtung Norden.

Zuerst durchquert man dabei einen in den letzten zehn Jahren beängstigend gewachsenen Agglo-Speckgürtel. Aber dazwischen liegen noch ein paar Wiesen. Sie rochen frisch gegüllt.

Nun hätte ich Euch gern noch ein paar Bilder von Schweineställen gezeigt. Natürlich sah ich welche. Aber da waren auch Bauern mit misstrauischen Gesichtern. Ich getraute mich nicht zu fotografieren.

Dafür erzähle ich demnächst mehr vom Städtchen Sempach.

* Quelle: Bundesamt für Statistik
** Jauche

15
Feb
2012

Auf dem gefrorenen See


Frau Frogg blickt in die unergründlichen Tiefen unter ihren Füssen, Bild: Herr T.

Es ist eine Sensation: Der Rotsee ist so dick zugefroren, dass man darauf gehen kann. Die Stadtbehörden konnten nicht mehr anders: Sie haben ihn zur Begehung freigegeben. Auch in früheren Wintern waren zu kalten Zeiten schon mal Eisläufer auf dem See zu beobachten. Aber die taten etwas Verbotenes. Diesmal jedoch dürfen sich auch ängstliche Naturen getrost hinauswagen.

Mehr dazu beim kulturflaneur.

Wer noch erleben will, wie es ist, auf festem Wasser zu gehen, muss sich beeilen. Tauwetter hat eingesetzt. Schon liegen kleine Pfützen auf dem Eis.

12
Feb
2012

Das Erdbeben

"Mann, gab das gestern Nacht plötzlich einen Knall!" sagte Herr T. beim Frühstück zu mir.
"Knall?" frage ich. Ich hatte keinen Knall gehört. Aber das hat nichts zu bedeuten. Ich bin immer noch leicht schwerhörig und trage nachts Ohropax (merkwürdigerweise höre ich damit meinen eigenen Tinnitus weniger gut).
Aber dann erinnere ich mich: Kurz vor Mitternacht war ich aus dem Schlaf geschreckt, weil mein Bett sich schüttelte. "Das muss ein Erdbeben gewesen sein", dachte ich benommen. "Oder ich hatte einen Schwindelanfall." Ich tippte auf ein Erdbeben, blieb aber vollkommen ruhig. Ein Schwindelanfall von dieser Beschaffenheit hätte mich viel mehr irritiert. Als Menière-Patientin hat man merkwürdige Prioritäten.

Und tatsächlich: Es war ein Erdbeben, Stärke 4,2. Das Epizentrum lag zwischen Zürich und Zug. Aber wir haben es in Luzern gut gespürt.

21
Dez
2011

Shopping-Wut

In unserer Altstadt ist die vorweihnachtliche Shopping-Wut ausgebrochen. Als ich heute meine letzten Weihnachtskarten erstehen wollte, kam ich erst gar nicht in die Papeterie. Die Kunden standen bis zur Tür. Es ist spät dieses Jahr. Letztes Jahr sah schon der 8. Dezember Kundenscharen aus allen Himmelsrichtungen ins Emmen Center pilgern als läge niemand geringerer als das Christkind dort zwischen Manor und H & M zur Anbetung bereit. Dieses Jahr klagten die Detaillisten noch nach Mariä Empfängnis über die grosse Flaute. Es liege am fehlenden Schnee, sagen sie. Niemand wollte orakeln, die Euro-Krise habe den Konsumenten auch hierzulande die Stimmung vermiest.

Ich kaufte meine Karte in einer stillen Galerie in einer Seitengasse und ging über die weihnachtlich in Lichter gerahmte Seebrücke.


(Bildquelle: blogarchiv.hochparterre)

Letztes Jahr war der Baldachin neu und wirkte mit seinen blaustichigen Lichtern Tönen einfach cool. Dieses Jahr passt die Kälte des Lichts auf eine andere Art zur Stimmung: Neben dem heimeligen Weihnachts-Angebot im Lichtermeer liegen schon gut sichtbar die Januar-Schnäppchen bereit. Die Lichterketten überall sind so orgiastisch geworden, dass sie billig wirken - die Lichter einer Stadt, deren touristische Attraktionen man auf Teufel komm raus verkmarkten will. Eine grosse Traditions-Buchhandlung wird ihre Tore bald für immer schliessen und ruft zum Rabatt-Sturm auf die Bücherbretter.

Andere Jahre hatte die Stadt im weihnächtlichen Konsumrausch etwas Festliches. Sie zelebrierten den Überfluss. Dieses Jahr wirkt das alles leicht verzweifelt.

10
Dez
2011

Paranoia bei der Autobahnraststätte

Wie ich auf meiner grossen Wanderung von Luzern nach Norden erst einmal Rothenburg erreichte, habe ich hier erzählt. Von hier hielt ich weiter Richtung Norden. Bald stiess ich auf die letzten Vorposten von Suburbanien.

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Nach dieser Wandmalerei an einem Gewerbe-Gebäude waren ringsum nur noch Weiden und Wäldchen zu sehen. Aber die Ländlichkeit täuscht. Durch diese Gegend führt seit dem 13. Jahrhundert die Route von Hamburg nach Palermo. Ich wusste, dass die Falten dieser Landschaft eine mächtige Autobahn verbergen, eine Bahnlinie und eine Anlage mit nicht weniger als 26 riesigen Gastanks und einem Dutzend kleinen. Und die Autobahnraststätte Neuenkirch.

Ich habe mich immer gefragt, wie es wohl ist, sich dieser Anlage zu Fuss anzunähern. So folgte ich dem Strässchen zur Anlage auf Schusters Rappen und ich weiss jetzt: Es fühlt sich verboten an. Das ganze Gelände ist dick mit Maschendraht eingefasst. Zugang gibts nur über eine Autospur. Ich wollte durch den Maschenzaun wenigstens ein Bild vom Motel machen. Aber der Anblick war zu unfotogen. Ich ging schnell weiter.

Doch noch 100 Meter weiter, am nächsten Waldrand, schien ich mich im trostlosen Niemandsland der Autobahnraststätte zu befinden. Als ich dort ein parkiertes Auto sah, dachte die Landstreicherin: "Wer geht denn an so einem gottvergessenen Ort im Wald spazieren? Ein Kinderschänder? Ein Serienmörder?"

Nochmals 200 Meter weiter, wieder zwischen Kuhweiden, bekam ich sogar einen Anfall von Paranoia. Ein feldgrüner Helikopter blieb genau über meinem Kopf blieb er sicher einer Minute in der Luft stehen. Hatte ich mit meiner Fotografiererei hinter dem Motel an der Autobahn gar den Staatsschutz aufgeschreckt? Bin ich jetzt terrorverdächtig? Bestimmt hat man mich inzwischen identifiziert und sogar meinen Blog gefunden. Ich erkläre hier deshalb noch einmal ausdrücklich: Ich bin eine harmlose Spaziergängerin. Ich tue keiner Fliege etwas zuleide. Das Bild von der Raststätte war fundemental hässlich und nutzlos. Ich habe es nie verwendet und längst gelöscht.

Der Helikopter machte schliesslich eine Schleife im Feld nebenan. Dann verschwand er in die Richtung, aus der er gekommen war. Ich ging mit klopfendem Herzen weiter und erreichte kurz vor 15 Uhr Sempach Station. Bis ins Städtchen Sempach geht man von hier noch 20 oder 30 Minuten zu Fuss. Aber dort gibt es kaum öffentlichen Verkehr.

Ich verschob eine Tour im Städtchen aufs nächste Mal und stieg zufrieden in die S-Bahn nach Luzern. Ich stellte fest: Im Mittelalter dauerten selbst Tagesmärsche länger als heute.

7
Dez
2011

Nach Norden

Schon lange träume ich von einem grossen Marsch nach Norden. Nach Basel. Oder vielleicht sogar bis nach Hamburg oder Rotterdam. Es wird wohl ein Traum bleiben. Aber am Samstag setzte ich wenigstens zur ersten Etappe an. Sie sollte mich von Luzern bis nach Sempach führen.

Sempach war im Mittelalter die Luzern am nächsten liegende Marktstadt. Und in der Schule habe ich gelernt: Marktstädte lagen damals einen Tagesmarsch voneinander entfernt. So brauchten Bauern bis zum nächsten Markt höchstens einen halben Tag.

Ich brach erst um 10.30 Uhr auf. Der heutige Mensch muss ausschlafen und die Zeitung lesen, bevor er sich auf einen Tagesmarsch begibt. Vielleicht würde ich es doch nicht ganz bis nach Sempach schaffen. Doch ich hielt strikt nach Norden, wo immer es ging.

Zuerst war die Reise alles andere als mittelalterlich. Nein. Ich kam mitten ins Herz von Subarbanien: nach Emmenbrücke.

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Aber das fand ich ganz in Ordnung. Ich war Landstreicherin. Ich suchte nicht die Vergangenheit. Ich suchte den Alltag. Und nirgends ist der Alltag so ungeschönt wie in Emmenbrücke. Als ich die Strasse auf dem Bild überquert hatte, sah ich einen richtigen Penner. Ich fürchtete mich ein bisschen vor ihm. Ich habe mich immer vor alkoholisierten Männern mit zerrissenen Kleidern gefürchtet. Mir wurde klar, dass man die Landstreicherei nicht romantisieren darf.

Als ich die Autobahn überquerte, sang ich laut den Refrain Scarborough Fair gegen den Lärm an:

"Are you goin' to Scarborough Fair? Parsley, sage, rosemary, and thyme.
Remember me to one who lives there, she once was a true love of mine."

Der Song soll aus dem tiefen Mittelalter stammen, steht hier. Und ein bisschen Mittelalter konnte ich jetzt schon gebrauchen. Dass man Petersilie, Salbei, Rosmarin und Thymian anno dazumal als Duftgemisch gegen die Pest gebrauchte, las ich allerdings erst später.

Kurz nach 12 Uhr erreichte ich Rothenburg. Der Vorort hat einen mittelalterlichen Kern von geradezu deutscher Behaglichkeit.

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Ich speiste im Restaurant Bären, wo sich altertümliche Gemütlichkeit auch in der Gaststube erhalten hat. Und man isst dort ausgezeichnet. Ich muss sagen: Landstreicherei ist eigentlich nur angenehm, wenn man sich dabei ein warmes Mittagessen, ein Käfeli und ein angemessenes Trinkgeld leisten kann. Jedenfalls in der kalten Jahreszeit.

Als ich wieder nach draussen kam, war es mindestens zehn Grad kälter als vor dem Mittag. Der Blick nach Süden zeigte: Es hatte zum ersten Mal weit heruntergeschneit. Der Winter hielt gerade Einzug. Ich drehte mich um und hielt weiter gen Norden.

19
Okt
2011

Liebeserklärung an eine Stadt

Meine Spaziergänge führen sonst meist aufs Land. Dabei bin ich eine Städterin - und es wird Zeit, meiner Stadt Luzern hier meine Liebe zu erklären. Mit einem Spaziergang. Er führt durch das Hof-Quartier, mein liebstes Quartier. Eine Gegend, durch die viele nur hindurcheilen. Denn sie ertrinkt im Lärm des Durchgangsverkehrs und in Touristenfluten. Dabei weht der Hauch der Vergangenheit durch ihre Strassen. Man muss ihn nur einatmen. Und schon ist man auf Zeitreise durch die Vergangenheit.

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Etwa beim fast vergessenen Memento Mori rechts im Bild. Zu Füssen des Gekreuzigten ruht ein einzelner Totenschädel - sorgfältig bemalt von jemanden, der sich nicht vom geschäftigen Mainstream rundum irre machen lässt.

Skull on Street Corner

Oder bei der Hofkirche. Sie gilt als kunsthistorisches Bijou und zieht deshalb hie und da ein paar Touristen an. Die gehen aber in die Kirche hinein - obwohl es dort eher unansehnlich ist. Ich dagegen verweile jeweils beim Nordturm, wo dieser Mann seit Jahrhunderten an der Welt verzweifelt.

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Er ist Zeuge, wie Jesus von der römischen Soldateska gefangen genommen wird. Nach besonders mühsamen Arbeitstagen plaudere ich gern ein bisschen mit ihm - auch wenn meine Gründe zum Aufstöhnen weit weniger weltbewegend sind.

Um die Kirche herum ruhen in einem uralten Friedhof die Gebeine der vornehmen Luzerner des 18. und 19. Jahrhunderts: der Pfyffer von Altishofen, der Am Rhyns, Mugglins, der Stahlwerk-Besitzer von Moos und so weiter. Es ist ein stiller, luftiger Ort weitab vom Getöse der Welt. Mitten unter den Patriziern Luzerns liegen auch die ersten beiden Muslime, die in Luzern den Tod fanden. Sie hiessen Mussa ben Serier und Abd el Kader Ben Charchoz (wenn ich die verwitterte Inschrift im Stein richtig gelesen habe). Sie waren mit der Bourbaki-Armee 1871 aus Frankreich gekommen. Die Strapazen des Krieges und der Internierung brachten sie um. "Passant jetez une fleur aux enfants du desert", heisst es beim Gedenkstein.

Rührend ist auch das Denkmal, das ein Herr Willmann seiner 1840 verstorbenen Ehefrau Maria Anna, geborene Gassmann, gesetzt hat. Sie verschied mit 41 und liess ihn mit fünf Kindern zurück. Es steht bei einem Pförtchen an der Nordostecke.

Von hier gelangt man über eine Brücke in einen Park mit mächtigen Kastanienbäumen und einem nie genutzten Labyrinth aus Buchenhecken. Der Park hat bessere Zeiten gesehen - deshalb ist hier am richtigen Ort, wer Ruhe sucht.

Ruhe findet man auch beim Löwendenkmal. Natürlich nicht mitten am Nachmittag. Dann sieht es dort so aus.

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Nein, man besuche den kleinen Park zur blauen Stunde, kurz nach Sonnenuntergang. Dann ist er meist verlassen und voll von einer grossen, stillen Melancholie. Aber das erzählt Ihr besser nicht weiter.

Auch die besten Restaurants im Quartier frönen der Vergangenheit. Der Lapin ist bekannt für seine gute Küche. Das Intérieur hat den verblassenden Charme eines Wiener Cafés. Mein eigentliches Stammlokal ist aber der Rebstock, direkt unterhalb der Hofkirche. In den Achtzigern war Vera Kaa hier Stammgast. Schon damals gab es dort einen Gourmet Poulet-Salat. Er war auch bei uns diätverrückten und stets abgebrannten jungen Frauen Mitte der Achtziger beliebt. Es gibt ihn heute noch, auch wenn schon lange ein neuer Wirt im Rebstock waltet. Nur wird er heute mit Truthahn gemacht.
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