Luzern, Luzern

16
Mai
2013

Die Fremde vom Friedhof

Neulich um 17.30 Uhr, draussen auf dem grossen Friedhof. Ich warte auf den Bus. Aber wahrscheinlich ist wieder irgendwo der Verkehr zusammengebrochen. Es dauert.

Im Bushäuschen sitzt eine alte Frau. Sie wartet auch.

Man spricht hierzulande keine Fremden an. Man hat sein Leben und keine Zeit für die Möglichkeiten und Gefahren, die sich daraus ergeben. Nur bei Überschwemmungen und chaotischen Verkehrssituationen sieht die Sache anders aus. Ich sage etwas zu ihr, sie lacht noch, und dann sagt sie plötzlich: "Sie! Mit meinem Kreislauf stimmt etwas nicht. Mir ist nicht gut. Wissen Sie, ich bin 93. Ich habe schon eine Streifschlag gehabt."

Ich schaue sie genauer an. Tatsächlich. Um die Augen herum ist sie so weiss, als hätte sie für ihren Besuch bei den Toten Kriegsbemalung aufgelegt. Sie zeigt mir die Innenseite ihres Augenlids. "Ist das blutunterlaufen?" fragt sie. Ähm..., es könnte schlimmer sein. Ich versuche sie mit Reden bei Sinnen zu halten und verfluche meine medizinische Ahnungslosigkeit. "Soll ich Sie ins Spital bringen?" frage ich. Das ist hier gleich um die Ecke. Aber das ist ihr zu anstrengend.

Schliesslich kommt der Bus.

Ich helfe ihr hinein. Sie lässt ihre Tasche fallen, ich hebe sie auf. Im Bus bekommt sie wieder ein Mü Farbe, ist aber immer noch unsicher. Bei der Apotheke aussteigen will sie aber nicht. "Nein, nein! Da müsste ich ja aufstehen!" sagt sie. Die Situation ist kompliziert. Braucht sie Hilfe oder nur Gesellschaft? Ist sie froh, dass ich da bin? Oder denkt sie, ich will mich aufdrängen?

Wir steigen unten an der Kreuzung beim See aus. Bei der Ampel sieht sie das Licht auf der anderen Seite nicht und hält leicht meinen Arm. Sie will ein Fläschchen Rivella. Sie sitzt und trinkt. Und redet. Ich mag sie. Sie gibt sich gern vornehm. Ich bin nicht sicher, ob sie nur die Tapfere spielt, oder ob es jetzt wieder besser geht.

Schliesslich gehe ich mit ihr zum Bus Nr. 24. Sie will selber nach Hause und steigt selber ein.

Ich fahre nach Hause und überlege lange, ob ich sie anrufen sollte.

24
Apr
2013

Blüten, Buddha und Maria

Wenn wir Schweizer das Wort "Blueschtfährtli" in den Mund nehmen, denken wir dabei an alte Zeiten. Das Wort "Bluescht" bezeichnet laut Duden Blüte oder das Blühen - und es wirkt auf uns schon archaisch, weil es aus Blüten etwas Wucherndes, Unzählbares macht wie die englische Sprache aus "sheep" oder "fish".

Wenn wir "Blueschtfährtli" sagen, dann grinsen wir und denken an einen fiktiven Grossvater. Wir stellen uns vor, wie er an einem Prachtstag im Mai seinen Wagen aus der Garage holt. Wie er Grossmutter hineinpackt und mit ihr - und Hut - durch frühlingserweckte Landschaften gondelt.

Der fiktive Grossvater hätte für sein Blueschtfährtli das Luzerner Seetal gewählt. Es ist zwar berüchtigt für seine Autoraser, aber eine Augenweide und berühmt für seine Kirschen. So wählten auch wir das Seetal für unseren Blueschtspaziergang. Wir ahnten zwar, dass es noch zu früh ist für die Kirschblüte. Auch wir haben einen rekordverdächtig langen Winter gehabt. Aber dass uns in Ballwil dieser Buddha vor einem Laden noch im Winter-Outfit empfing, fanden wir denn doch übertrieben.



Wir liessen uns nicht entmutigen - auch wenn die Obstbäume tatsächlich noch kahl waren, wie man auf dem Bild unten sieht.



Die Anlage im Hintergrund warf uns vom Buddha auf das reiche katholische Erbe des Seetals zurück. Es ist das Heilpädagogische Zentrum Hohenrain, eine ehemalige Johanniterburg.

Früher lebten und lernten hier vor allem Kinder mit Hörbehinderungen. Meine Mutter, die in den sechziger Jahren eine Weile im Seetal arbeitete, hat auch schon von ihnen erzählt. Sie liess dabei eine charakteristische Mischung aus Angst, Neugier und Mitleid erahnen. Genau diese Mischung verdammte die Bewohner solch früher oft düsterer Gemäuer zu einem fast unüberwindlichen Aussenseitertum.

Heute ist die Schule frisch geweisselt, und auf dem Spielplatz toben fröhliche Kinder, behindert und nichtbehindert. Im Johannitercafé bei der Kirche werden Wanderer freundlich empfangen. An den Nebentischen diskutieren vom Spardruck im Kantons erhitzte Lehrpersonen über Klassengrössen.

Frisch gestärkt stiegen wir den Hang nach Ibenmoos hinauf. Es blühte. Wir sahen Löwenzahn, Ehrenpreis, Taubnesseln, Scharbocks- und Wiesenschaumkraut. Und auch wenn der Kulturflaneur auf einem Parkplatz noch ein schütteres Häufchen Schnee fand: Die Muttergottes in der Kapelle Maria zum Schnee brauchte kein Halstuch.



Auf dem Rückweg sahen wir sogar Obstbäume in Frühlingsweiss. Als wären die Blüten extra für uns aufgegangen.

29
Mrz
2013

Portmonee verloren

Auf einem Spaziergang zum Südpol machte ich gestern einen Stop im Café Arlecchino. Ich trank etwas, las zwei Zeitungen und ging weiter. Es dunkelte. Und es regnete. Eine gewaltige Hand schüttete aus einem gewaltigen Eimer zähes, klebriges Wasser über die Stadt. Es war wie in einem Aquarium. Im Südpol angekommen griff ich in meine feuchte Manteltasche und merkte: MEIN PORTMONEE IST WEG!

Eine Katastrophe! Der Mensch ist ja nichts ohne seine Bankkarten, seine Krankenkassenkarte, seine Identitätskarte und sein Bargeld. Und wie sollte ich bei diesem Wetter meinen schwarzen Geldbeutel auf der Strasse wiederfinden?!

Dann fiel mir ein: Er musste mir im Arlecchino aus der Hosentasche auf die Sitzbank gerutscht sein. Sowas ist mir auch schon passiert. Zum Glück hatte ich wenigstens mein Handy noch. Sofort rief ich ins Arlecchino an, und tatsächlich: Die Frau nach mir hatte das Portmonee prall voll an der Bar abgegeben. Ich schwöre: Ich werde das Arlecchino zu meinem Stammlokal machen!

Ich hätte den Geldbeutel auch heute Morgen holen können. Aber ich ging sofort los. Ich hätte eine unruhige Nacht gehabt ohne all den Plastik in meiner Obhut, der anderen sagt, wer ich bin.

Diesmal wollte ich den Bus nehmen. Aber es passierte, was immer passiert, wenn man im Südpol die Nerven verliert: Die Nummer 31 fährt Dir direkt vor der Nase weg - und die fährt nur alle 15 Minuten. Ich ging also wieder mal zu Fuss los. Nur bis zum Grosshof, schwor ich mir. Dort fährt die Nummer 1 alle vier Minuten stadteinwärts. Es regnete immer noch.

Und: Die Nummer 1 kam nicht. Während drei Einsen stadtauswärts durch die Wasserlachen rauschten, passierte stadteinwärts einfach gar nichts. Irgendwo draussen in Kriens musste eine endlose Schlange aus blauen Bussen warten. Ich stand im Wartehäuschen fluchte.

Bis mir einfiel: Ich kann ja gar nicht mit dem Bus fahren. Das Bus-Abo ist in meinem Portmonee.

20
Mrz
2013

Hinreissende Bilder aus Arabien

Zum Luzerner Frühling gehört das Comix-Festival Fumetto. Dann füllen jeweils Comic-Zeicher aus der halben Welt die Säle und Sälchen der Stadt mit knalligen Bildern, Skurrilitäten, Schalk, Horror und poetischen Geschichten. Jedes Jahr ein Highlight.

Frau Froggs diesjähriger Liebling ist dieser hinreissende Geselle aus der Ausstellung Al-Comix Al Arabi im ehrwürdigen Am-Rhyn-Haus.



Es ist der Samandal, das Emblem des gleichnamigen Comic-Magazins aus Beirut. Und so stellt er sich selber vor:



Zu Deutsch in etwa: "Ähnlich wie in den zwei Lebensräumen von Amphibien gedeiht der Samandal in den Welten des Worts und des Bildes, des Snobistischen und des Tadelnden, des Traditionellen und des Experimentellen..." und so weiter. Keine Sorge: Die meisten Texte sind vor Ort auf Deutsch übersetzt.

Ok, nun reduziere ich eine riesige Ausstellung aufs Schnuckelige und aufs Geistreiche. Dabei ist das grosse Thema der arabische Frühling - und wie die Menschen im Maghreb und im Maschrek (neues Wort, dort gelernt) ihn erleben.

Sie ist informativ und umfassend bis zur Überforderung. Aber sie ist auch tief bewegend, todtraurig, beängstigend und sehr, sehr lustig. Und sie konfrontiert den Gast mit simplen, aber fundamentalen kulturellen Unterschieden: etwa damit, dass arabische Comics meist von rechts nach links gelesen werden.

Gut gewählt ist das Am-Rhyn-Haus als Ausstellungsort. Es war einst Wohnstätte einer adligen Familie und setzt mit Wandgemälden aus den Jahren 1616 bis 1618 ein paar pikante kulturelle Kontrapunkte.


(Quelle: www.stadtluzern.ch)

So reitet über der ersten Säule beim Eingang ein osmanischer Krieger aus der Hand eines Luzerner Malers unter der Halbmond-Flagge dem Besucher entgegen. Leider ist er auf dem Foto oben ebenso wenig sichtbar wie der Luzerner Renaissance-Mann in der Saalmitte. Er trägt Halskrause und einen Tennisschläger und markiert den Platzhirsch. Er bekommt es nicht nur mit dem Samandal zu tun. Sondern dazu noch mit einer gfürchigen Kobra aus Messing made in Beirut.

10
Mrz
2013

Abseits von Disneyland-Luzern

Endlich kam ich heute Nachmittag an diesem geheimnisvollen Plätzchen in Littau an.



Es ist der Anfang des alten Stahlwerk-Kanals zwischen der Emmenweid und Littau. Im Frühjahr spriessen hier neben den Wasserläufen der Bärlauch und die die Veilchen. Ich liebe diesen Ort.

Aber ich musste erfahren: Er und der linksseitige Emmenuferweg nach Littau sind bis Mitte Juni 2013 gesperrt. Und man liest es leider erst, wenn man den ganzen Weg hierher schon zurückgelegt hat. Wenn man nach einem Zvieri* und dem nächsten öffentlichen Verkehrsmittel lechzt - und nun einen ziemlichen Umweg machen muss, um zur nächsten Busstation zu finden.

Wenigstens hatte sich der Spaziergang bis dort gelohnt. Wer beim Kantonsspital Luzern beginnt, durchquert eine Gegend abseits vom Disneyland-Luzern. Ständig stösst man auf Orte, auf denen die Hoffnungen unserer Wachstumsstrategen ruhen.



Hier - wenige Schritte vom Spital - musste ein Erlenwäldchen einem neuen Autobahnzubringer weichen. Zurzeit ist auch er noch gesperrt. Aber eines Tages soll er das eine Ende einer mächtigen Umfahrungsstrasse namens Spange Nord werden (mehr dazu beim kulturflaneur). Das andere Ende wird unweit von unserem Haus entfernt liegen. Wenn sich die Träume unserer liberalen Autofanatiker erfüllen, gehen die Bauarbeiten auf unserer Seite 2015 los. Von mir aus darf es ruhig später sein.

Grosse Pläne gibt es auch für den Seetalplatz, den nächsten Fotohalt auf unserer Route. 2030 soll es dort so aussehen:


(Quelle: www.emmen.ch)

Zurzeit sieht es so aus:



Hinter dem Seetalplatz beginnt dann ein Weg, über die Emmenweid, den man jedem Luzerner Kind zeigen sollte. Mein Gottenbub (ab morgen acht) hat ihn jedenfalls schon vor zwei Jahren gesehen - mitsamt Kläranlage.

Hier wird seit Jahrhunderten Industriegeschichte geschrieben. Es ist nicht das Ruhrgebiet und auch nicht Liverpool. Aber es ist gewiss die spannendste Gegend in unserer Agglomeration.


Hier riecht es gfürchig nach Chemie.


Hier steht die stehen die Überreste einer legendären Textilfabrik.


Hier wird bis zum heutigen Tag Stahl gegossen...


... und verarbeitet.

Wer all das gesehen hat, kommt schliesslich zum Anfang des alten Kanals. Hier biegt man wegen der Sperrung am besten rechts ab und steigt Richtung Wolfisberg. Hier wird es plötzlich grün. Weiter oben gibt es dann Agglo-Häuschen und zwei, drei Bauernhöfe.

Am Strassenrand beim Bauernhof bekam ich sogar mein Zvieri: Vier Kinder verkauften am Strässchen Apfelsaft. Er war zwar von der Migros und nicht vom Bauernhof. Geschmeckt hat er trotzdem. Und beim Neuhof erwischte ich den Bus Nummer 41.

* Zwischenmalzeit nachmittags um vier Uhr

20
Jan
2013

Hippies im Schnee


(Bank bei Uffikon LU, Bild vom pedestrian)

Die fünfte Etappe meines Wegs nach Norden enttäuschte aussichtsmässig. Ebensogut hätte ich in eine kaputte Bildröhre starren können, so heftig schneite es. Dafür hatte ich diesmal einen Begleiter: den pedestrian. Mit ihm könnte ich auch in einer Dunkelkammer heitere Runden drehen. Wir haben ja immer so viel zu berichten! Immerhin hatte er die Geistesgegenwart, die Flowerpower-Bank oben zu fotografieren.

Meines Wissens ist sie die einzige Sehenswürdigkeit auf der Strecke Knutwil - Eriswil - Uffikon - Dagmersellen. Uffikon war in den nuller Jahren für kurze Zeit berümt: als Hauptsitz des Künstlers Wetz. Er schuf dort mit überboderndem Witz und gigantischer Schaffenskraft ein Museum und nannte es stinkfrech das grösste KKL. Das hiess angeblich "Kunst und Kultur auf dem Land", war aber auch eine Anspielung auf das gleichnamige Konzerthaus mit internationaler Ausstrahlung in Luzern. Später stellte er auch noch einen Tempelhof in die Gegend.


(Quelle: www.sf.tv)

Damit überforderte er die Nachbarn. "Ein Tempel inmitten von Bauernhöfen? Sinnlos!" befanden sie. Wetz musste gehen - von schweizweitem Mediengetöse begleitet. Er waltet heute in Beromünster.

Ich wählte die Route aber nicht wegen Wetz, sondern wegen der Autobahn, die hier durch ein - im Sommer - unglaublich grünes Tal führt. Ich habe sie früher oft befahren und wollte sie einmal von oben sehen. Doch wir sahen sie nicht. Wir hörten sie nur. Statt dessen sahen wir - als sich das Schneegestöber für einen Moment lichtete - unter uns einen Strassenkreisel.

"Das", sagte der pedestrian fast aufgeregt, "war früher der Kreisel von Buchs!" Buchs ist ein an sich unbedeutendes Dorf auf der anderen Talseite. Der pedestrian ist aber ortskundig und berichtete, dass die leere Strasse unter uns vor der Eröffnung der Autobahn 1980 die Hauptlinie gewesen sei, auf der man vom Nordkap nach Sizilien fuhr. "Im Sommer gab es hier oft lange Staus."

An jenem Tag im Dezember aber schien der Kreisel nur die linke These zu widerlegen, dass es keinen Sinn macht, neue Strassen zu bauen - weil sich alte und neue Strassen schnell wieder mit noch mehr Verkehr füllen. Der Kulturflaneur hat das alles hier einmal anschaulich erklärt. Der Kreisel von Buchs war an jenem Tag geradezu gespenstisch leer - derweil sich die nahe Autobahn geschäftig anhörte.

Vielleicht inspiriert von der Bank oben kamen wir später auf das legendäre Festival Woodstock zu sprechen, genauer: Auf den Film Taking Woodstock von Ang Lee.


(Quelle: outnow.ch)

Auch dem pedestrian hatte er gefallen. Etwa, weil er zeige, was passiert, wenn solch ungeheure Menschenmassen in ein Gebiet mit dünner Infrastruktur einfallen. Ich musste lachen. "Als würden sie sich alle auf die Kreuzung von Buchs zubewegen!" sagte ich.

Durch das Schneetreiben konnten wir die Geister einer Hippiekarawane schemenhaft sehen.

16
Jan
2013

Achtung Trickbetrug!

Es war heute um 10.15 Uhr. Ich war auf einem wenig begangenen Strässchen* in Luzern unterwegs. Ein Mann kam mir entgegen. Genau vor mir bückte er sich - da lag ein Ring im frisch gefallenen Schnee. Er hob ihn auf. "Hübsch! Hoffentlich bringt er ihn aufs Fundbüro!" dachte ich und ging weiter.

Der Mann rief mir nach: "Goldring gefunden! Sehen Sie!" Er eilte mir nach und hielt mir aufgeregt den Klunker unter die Nase. Er hatte eine kleine Alkoholfahne und sprach gebrochen Deutsch. "Ist Gold, sehen Sie! Stempel!" Er zeigte mir die zwei kleinen Gravuren auf der Innenseite des Schmuckstücks.


(Quelle: www.ksta.de)

Erst jetzt leuchtete irgendwo in meinem Hirn ein Alarmlämpchen auf. Da war doch etwas mit Trickbetrügern und gefälschten Goldringen und Stempeln... "Vous parlez français?" fragte der Mann. Ich sagte: "Un peu." Ich höre heute gut. Ich traute mir Französisch zu. Gleichzeitig arbeitete mein Hirn fieberhaft, aber langsam wie ein überlasteter Arbeitsspeicher.

Ich solle den Ring nehmen, sagte er. Er könne ihn nicht tragen - er zeigte mir seine Finger, die zu dick für den Ring waren. "Non, non, gardez-le!" sagte ich. Ich wollte nichts mit der Sache zu tun haben. Aber er war unnachgiebig. "La police..." sagte er und zeigte mit Gesten, dass er öfter gefilzt werde. Da nahm ich den Ring, bedankte mich und ging weiter. Immer noch drehte es in meinem Kopf leer.

Wieder eilte der Mann mir nach. Ob ich ihm nicht etwas Geld geben könne, er habe Hunger, sagte er. Inzwischen hatte mein Hirn das richtige File zu diesem Vorfall heruntergeladen. Jetzt musste ich es nur noch öffnen. Ich kramte in meinem Portmonee und gab dem Mann einen Fünfliber**.

Das sei nicht genug, bedeutete er mir. Er wolle mehr, schliesslich... Er wollte gerade ziemlich laut werden, als mein Erinnerungsvermögen endlich glasklare Daten lieferte: Natürlich! Genau eine solche Story hatte ich kürzlich in der Lokalzeitung gelesen. Die Goldringe seien gefälscht - man erkenne es am Doppelstempel. Mehrere ältere Leute seien auf den Trick hereingefallen und hätten den Klunker beim Goldschmied gegen Bares eintauschen wollen.

"ça suffit, Monsieur!" sagte ich bestimmt, legte den Ring wieder in den Schnee und ging weiter.

Seid gewarnt, Leser! Ähnliche Geschichten sollen sich auch anderswo zugetragen haben, etwa in Köln, Paris, Bochum und Mönchengladbach.


* Für Ortskundige: an der Ahornstrasse im Neustadtquartier
** Ein Fünffrankenstück

6
Jan
2013

Im Märchenwald

Der Surseer Wald ist ein stiller, ein tiefer Wald. Ein märchenhafter Wald. Hier irgendwo könnte der Prinz sich in sein Schneewittchen verliebt haben.


(Quelle: http://einestages.spiegel.de)

Hier irgendwo könnten Hänsel und Gretel sich verirrt und ein Hexenhäuschen gefunden haben. Auf meinem Weg nach Norden durchstreifte ich den Surseer Wald an einem Novembertag. Ich war mutterseelenallein, nur ein Radsportler mit einem teuflischen, rotschwarzen Trikot pfiff mir mehrmals um die Ohren.

Ich verliess den Wald am nordwestlichen Ende und blickte über eine riesige Ebene - das Surental. Es scheint immer noch in jenem Dornröschenschlaf zu liegen, aus dem das nahe Städtchen Sursee eben erwacht: Die Strassen sind hier einspurig, die Häuser spärlich und allesamt uralt.

Ich stand und staunte und holte tief Luft. In so weitem Land lässt es sich gut atmen.

Dann stieg ich den nordwestwärts Hang Richtung Knutwil hinauf. Erst hier sah ich, dass auch in dieser Gegend das 21. Jahrhundert nie weit weg ist. Bei Knutwil spielt es sich gut versteckt hinter der Krete des Hügels ab: Dort keuchen die 40-Tönner auf der A2 die Knutwiler Höhe hinauf. Die Stelle ist berüchtigt - weil es hier öfter und matschiger schneit als anderswo. Und weil die Laster hier warten müssen, wenn am Gotthard zu viel Verkehr ist.

Aber welch märchenhafte Aussicht von diesem Hang auf die Alpenkette!



Knutwil selber - ein kleines Dorf - erreichte ich zur Mittagszeit. Es war ebenfalls menschenleer und könnte einer Illustration in einem Grimm'schen Märchenbuch nachempfunden sein.



Bei so viel Märchenhaftigkeit muss man von Glück reden, dass in dieser Gegend immer wieder solche Schilder zu sehen sind:



Sie zeigen im Luzernischen die Geburt eines Kindes an - oft sind es Gotten oder Götti, die der jungen Familie ein solches Standbildchen mit Namen und Geburtsdatum des Kindes vors Haus stellen. Die vielen Tafeln zeigen: Der Luzerner Landschaft werden die kleinen Märchen-Konsumenten nicht so schnell ausgehen.

19
Dez
2012

Enttäuschung im Tunnel

An manchen Tagen höre ich ziemlich gut. Dann amüsiere ich mich oft königlich über die Gespräche von Fremden im öffentlichen Verkehr. Zum Beispiel heute, als ich durch Luzerns neuen Eisenbahntunnel fuhr, den Hubelmatt- und Allmendtunnel.

Er ist im November eröffnet worden und erleichtert den Pendlern aus Ob- und Nidwalden die Zugreise in die Stadt. Zudem beendet er die Epoche der immer chaotischeren Staus vor den Bahnschranken in Luzern Süd. Hier und hier mehr darüber.

Unterwegs in den Kanton Obwalden hatte ich heute bei der Einfahrt ins 1300 Meter lange Loch natürlich hohe Erwartungen. Aber so ein Tunnel ist im Grunde etwas Enttäuschendes. Man sieht ja nichts als Wände. Im neuen Tunnel sind sie zwar diskret beleuchtet - aber dennoch einfach Wände. Und die unterirdische S-Bahn-Haltestelle Allmend/Messe ist zwar funkelnagelneu, aber auch sehr, sehr leer. Da wollte sich partout kein grossstädtisches U-Bahn-Feeling einstellen.

Amüsant wurde es auf dem Rückweg. Im Abteil schräg gegenüber sass ein Obwaldner Paar mit drei Kindern. Der älteste Bub, etwa acht, langweilte sich. "Däddy, wann kommt der neue Tunnel?" klönte er so ab Hergiswil im Zehnsekundentakt. Dann, kurz vor Horw setzte der Refrain ein: "Der neue Tunnel kommt gleich! Der neue Tunnel kommt gleich!"

Dann kam der neue Tunnel.

Stille. Dann der Bub: "Däddy, das ist ja gar nicht so dunkel!" Offenbar hatte er sich etwas viel Gruseligeres gewünscht.

17
Dez
2012

Verloren im Wald

Vor einem Monat habe ich meine Leser an einem äusserst unwirtlichen Ort hängen lassen. Ihr erinnert Euch: Meine Spazier-Exkursion nach Norden brach Mitte November an einem wohl mit ironischer Absicht "im Venedig" genannten Weg am Rand von Sursee abrupt ab. Mitten im Autobahnlärm.

So etwas ist schäbig und sonst nicht meiner Art. Aber ich habe eine halbwegs plausible Entschuldigung: Ich wusste schlicht nicht, wie ich die Geschichte meines Weitermarsches erzählen sollte. Real sah die Lage so aus: Vor mir lag der Surseer Wald. Ich hatte die Wahl zwischen drei Routen nach Norden, und am Wegrand standen auch zwei gelbe Wegweiser. Aber keiner zeigte exakt nach einem der möglichen Ziele. Es war wie verhext. Ich sah vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.



Narrativ spielte ich an dieser stelle auf Zeit. Ich schrieb die viel beachtete Kolumne Geheimnisse aus der Luzerner Provinz über Kuriositäten unter den Luzerner Flurnamen. Das machte Sinn, denn vor mir lagen zwei mögliche Ziele, deren Namen unbedingt zu den Kuriositäten zählen: "Chnutu" (Knutwil) und, preisverdächtig, "Teret" (St. Erhard) - soll mich keiner fragen, welches Lautgesetz so etwas hervorgebracht hat!

Aber dann brachte ich Teret und Chnutu in meiner Kolumne nicht einmal unter. So schwierig ist es manchmal, in einer Geschichte von A nach B zu kommen!

In der Realität folgte ich nach einigem Zögern zunächst der Sure. In meinem letzten Beitrag habe ich sie noch Suhre genannt. Unterdessen hat mich aber ein Bewohner der Gegend unwirsch darauf aufmerksam gemacht, dass sich das Fliessgewässer erst im Kanton Aargau ein "h" aneignet. So viel zu den hauchfeinen Unterschieden, die der Kantönligeist bei uns erzwingt.

Überhaupt gehört die Sure zu den Gewässern, die viele Leute mit einem heimatseligen Leuchten in den Augen erwähnen. Weshalb, ist mir immer noch schleierhaft. Für mich ist und bleibt sie ein unscheinbares Flüsschen mit einer undefinierbaren Farbe.



Vielleicht eignet sie sich im Kanton Aargau mit dem "h" eine herbe Schönheit an - wer weiss? Ich nicht. Nach einigen hundert Schritten hatte ich genug von ihr gesehen. Ich bog ab und folgte meinem Instinkt und einem Wegweiser Richtung Knutwil. Erst jetzt geht die Geschichte weiter - und wird richtig märchenhaft! Aber davon später.
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