18
Okt
2015

Wie weiter mit Assad?

Den ersten Beitrag dieser Syrien-Erinnerungen schrieb ich spontan - vor meinem geistigen Auge stand das entsetzliche Bild jenes Lastwagens an der österreichischen Grenze, in dem kurz zuvor 71 Flüchtlinge jämmerlich erstickt waren. Als ich zu schreiben begann, war das Syrien meiner Erinnerung noch sehr westlich, das Arabische an den Städten nicht viel mehr als touristische Kulisse. Aber dann las ich meine Tagebücher von 1998 wieder. Und ich kam zur Einsicht: Es war dort eben doch sehr anders als bei uns.

Das ändert nichts an meiner Überzeugung, dass wir den Flüchtlingen helfen müssen. Aber es warf Fragen auf. Ich begann zu lesen wie verrückt. In diesen Büchern fand ich Antworten, die mich überzeugten. Auch, weil sie zu dem passten, was ich damals sah und notierte.

Dieses Buch ist hoch aktuell, leicht lesbar und beschreibt die Zustände von Afghanistan bis Tunesien. Autor Michael Lüders kommt mir als ehemaliger Nahost-Redaktor der "Zeit" glaubwürdig vor. Seine Antworten auf meine Fragen plausibel:

Was war das in Syrien für eine Gesellschaft, bevor der Krieg begann?
Es gab in Syrien eine dünne, städtische Mittelschicht - zu dünn um eine Demokratie nach westlichem Muster aufzubauen. Stammesdenken spielte eine wichtige Rolle und wurde beim Überlebenskampf im Krieg noch wichtiger. Assad ist ein typisch arabischer Despot: Diese betrachten den Staat im Allgemeinen als Selbstbedienungsladen für sich und ihre Familien. Gibt es Widerstand, so antworten sie mit Gewalt. Assad senior und junior konnten sich als Vertreter der alawitischen Minderheit an der Macht halten, weil sie mit den sunnitischen Händlern in den Städten ein Bündnis eingingen. "Der Deal lautete: Ihr stellt nicht die Machtfrage, und wir stören euch nicht bei euren Geschäften", so Lüders.

Warum brach der Krieg aus?
Im Januar und Februar 2011 gab es in einigen kleineren Städten spontane Proteste gegen die Korruption im Land. Die Polizei reagierte derart brutal, dass die Protestwelle aufs ganze Land übergriff. Eine Massenbewegung wie etwa in Kairo gab es aber nie, so Lüders. Weder die religiösen Minderheiten noch die sunnitische Geschäftswelt schloss sich dem Aufstand an. Und doch wurde die Revolte bald zum blutigen Krieg zwischen Alawiten und Sunniten. Sunnitisches "Rückgrat der Rebellion" seien "Bauern und Landflüchtlinge gewesen, die als Folge von Dürre und Verelendung im Bandenwesen der Milizen eine Alternative sehen" - und "einen Lebensunterhalt", schreibt Lüders.

Ist der Westen mitschuldig?
Oh ja, sagt Lüders. Es ist eine seiner Hauptthesen, dass die Interventionen des Westens massgeblich zur Krise im Nahen Osten beigetragen hat. Der Westen habe Freiheit und Demokratie gepredigt und dabei immer knallhart seine eigenen Interessen durchgesetzt. Viele Muslime, auch gemässigte, hätten den Eindruck, der Westen führe einfach Krieg gegen den Islam.

Was soll jetzt passieren?
Inzwischen sei der Krieg in Syrien stark "metastasiert", schreibt Lüders. Es gäbe geschätzte 1000 Banden, Milizen und Grüppchen - viele kämpften raubend und plündernd um ihr nacktes Überleben. Der Westen müsse aufhören, in dieses Chaos auch noch eigene Kämpfer zu schicken. Die Freie Syrische Armee, die 'gemässigte" Opposition, hält er für eine Phantasie des Westens. Kommt noch das Gerangel mit Russland dazu: Der Westen müsse akzeptieren, dass Putin hier auch ein Wörtchen mitzureden habe, sagt Lüders.

Wie weiter mit Assad?
Vor ein paar Wochen habe ich ja noch zur Ansicht geneigt, Assad sei ein Mörder und müsse weg. Aber die Lektüre des Buches hat meine Meinung geändert. Klar sei Assad brutal, schreibt Lüders. Dennoch greife die offizielle westliche Lesart zu kurz, nach der Assad die alleinige Verantwortung für die Zerstörung Syriens trage. Und, so Lüders: "Einem Grossteil der Bevölkerung ist die Pest von Assads Herrschaft immer noch lieber als die Cholera einer ungewissen Zukunft, die radikale Islamisten an die Macht spülen dürfte." Die würden dann das Morden einfach auf einer höheren Liga weiterführen.

Wer sich noch ein bisschen tiefer reinknien möchte, sollte das hier lesen:

Albert Hourani schrieb es vor 9/11 und auf sehr zurückhaltende Art - er war Oxford-Dozent der alten Schule. Doch er analyisiert punktgenau die Probleme der arabischen Welt - etwas die Krämpfe um die Frage, welche Rolle der Islam im Staat zu spielen habe. Ich las es schon 1998 - erst als ich es neulich wiederlas, verstand ich: Er hatte die Sprengkraft dieser Krämpfe glasklar vorhergesehen.

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http://froggblog.twoday.net/stories/1022482357/modTrackback

deprifrei-leben - 19. Okt, 17:30

30 Jähriger Krieg

Mich erinnert dieser Krieg in Syrien zunehmend an den 30 Jährigen Krieg https://de.wikipedia.org/wiki/Drei%C3%9Figj%C3%A4hriger_Krieg in Europa, der auch ein Krieg der Konfessionen war. Auch damals im 17. Jahrhundert haben sich viele Mächte von Außen in Deutschland eingemischt. Am Ende werden Kriege nach meiner Ansicht weniger aus religiösen Motiven geführt, sondern aus ökonomischen. Syrien und Irak haben genug Treibstoff z. B. Gas und Öl, um den Krieg ewig zu befeuern. Sagte nicht Napoleon, dass der Krieg auf den Bäuchen marschiert?

Zur aktuellen Flüchtlingskrise habe ich auch in meinen Blog, was geschrieben, wenn du magst kannste du liebe Frogg gerne dort kommentieren: http://deprifrei.twoday.net/stories/1022482428/

diefrogg - 20. Okt, 12:50

Ja, den Vergleich ...

... zum dreissigjährigen Krieg zieht Lüders auch. Kann also noch lange dauern, das Gemetzel da unten.

Konfessionen haben halt oft mit "Wir-Gefühl" und in traditionellen Gesellschaften auch oft mit dem Zugang zu Ressourcen zu tun.
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