5
Mai
2018

Das Baby

Früher habe ich zwei, manchmal drei längere Blog-Beiträge die Woche geschrieben. Eine kleine Maschine in meinem Hirn arbeitete im Turbo-Modus: Noch abends vor dem Einschlafen feuerte sie reihenweise halbe Sätze heraus, die später am Computer zu ganzen Texten wurden. Aber irgendwann begann die Maschine zu stottern. Jetzt sitze ich jeweils im Abendlicht und betrachte die Welt und die Maschine steht still. Ich habe keine Ahnung, warum.

Wenigstens sind andere Dinge mir wichtig geworden. Vor zweieinhalb Wochen hat meine Freundin, die Leserin, ein Baby bekommen. Mara Eva Sophie heisst das Kind und ist bezaubernd, und die Leserin liebt sie über alles. Aber Zustände sind nicht restlos idyllisch. Der Vater tritt nur alle paar Tage für ein paar Stunden als zerknirschter Geist in Erscheinung und herzt das Baby. Dann verschwindet er wieder.

Die Leserin sagte: "Wenn das Baby klein ist, ist die Mutter voll damit beschäftigt, es zu nähren. Aber jemand muss die Mutter nähren." Dann bot sie Verwandte und Freundinnen auf, die sich um sie kümmern. Ich war schon dreimal da und habe gekocht. Ich habe Spaghetti Bolognese gekocht und Omeletten und Rindsplätzli à la minute mit Bratkartoffeln. Dazu gab's Salat, Salat und nochmals Salat. Und Schokolade.

Das ist nicht einfach für mich. Erstens koche ich sonst fast nie. Zweitens kann ich nicht mehr zuhören und kochen gleichzeitig, weil ich so taub geworden bin. Ich höre es auch nicht mehr, wenn das Teigwarenwasser brodelt oder die Kartoffeln in der Bratpfanne zischen. Normale Leute kochen mit Augen und Ohren. Ich koche nur noch mit den Augen. Kochen ermüdet mich. Reden ermüdet mich.

Noch wenn ich im Laden stehe und einkaufe, stinkt mir das alles ein bisschen. "Ach, ich muss wieder kochen!", denke ich verzagt. Aber dann kreuze ich bei der Leserin auf. Da sitzt sie in der Küche mit den Winzling im Arm. Und schon merke ich, wie es mir die Mundwinkel zu einem Lächeln in die Höhe zieht. Küche, Kinder, Putzlappen - ich bin ein Leben lang vor diesem Frauenkram geflogen. Ich musste fünfzig werden um zu erkennen: Babys können zaubern. Mein Tag ist gerettet.
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Journal einer Kussbereiten

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