26
Aug
2017

Bedrohtes Paradies


Im Mietshaus im Vordergrund wohnen wir. Es ist unser kleines Paradies. Wie lange noch, wissen wir im Moment nicht.

Im Herbst vor zwei Jahren sah unsere Nachbarin Katharina in den Gärten hinter unserem Haus einen Mann mit Plänen in der Hand. Sie fragte ihn: "Was machen Sie hier?" Er breitete die Arme aus, wies auf Häuser und Gärten und sagte: "Das kommt alles weg! Das kommt alles weg." Wir schlossen daraus: Die Häuser hier sollen abgerissen werden.

Na gut. Sie sind fast neunzig Jahre alt. Sie haben ihren Lebenszyklus wohl bald abgeschlossen, wie es in der Immobilienmakler-Sprache heisst. Das klingt so, als wäre ein Haus ein Lebewesen, das den Gesetzen der Natur unterworfen ist. Es verschweigt, dass es Menschen in Immobilienfirmen sind, die über die Lebensdauer von Häusern entscheiden.

Gut, unsere Häuser ächzen vor Alter. Die Treppenhäuser sehen sowjetisch aus. Die Wohnungen in den unteren Stockwerken sind gemacht für Kleinfamilien der dreissiger Jahre. Hier wohnen heute meist Singles, vor allem Frauen. Sie bleiben selten lange. Sobald sie einen Mann gefunden haben, ziehen sie mit ihm in etwas Grösseres. In einigen Wohnungen gibt hier auch Probleme mit Schimmel.

Gut, wir sind privilegiert: Wir wohnen im obersten Stockwerk in einer 1993 geschmackvoll eingebauten Dachwohnung. Vielleicht sollten wir Verständnis dafür haben, dass die Besitzer hier etwas Neues hinstellen wollen.

Aber hey, das hier ist Frogg Hall. Mein kleines Paradies. Es ist das Haus, in dem ich mit Herrn T. die bisher beste Zeit meines Lebens verbracht habe. 16 Jahre lang.

Als unsere Nachbarin den Mann mit den Plänen gesehen hatte, bekam ich Panik. Ich rief unsere Hausverwalterin an. Sie redete und redete. "Ach, bis Ihr Haus abgerissen wird, dauert das mindestens noch zehn Jahre", beteuerte sie. Auf dem Internet fanden wir Pläne eines Architekturbüros für neue Häuser an unserer Strasse.

Vor einem halben Jahr wurde unsere Verwalterin pensioniert und von einer Grossverwaltung abgelöst.

Ich rief den neuen Verwalter an. Der sagte: "Ich sage Ihnen nichts über unsere Baupläne. Aber ich verspreche, dass Sie alle rechtzeitig informiert werden." Ich verkniff mir die Frage, was "rechtzeitig" genau heisse.

Dann steckten Männer mit grünen Leuchtwesten Stöcke ins Kies auf dem Vorplatz. Sie sprayten rosarote Zahlen auf den Boden. Das war der Zeitpunkt, an dem ich unseren Estrich zu entrümpeln begann.

Vor zwei Wochen bekamen wir einen Brief von der Verwaltung. Darin steht, dass sie die Katze am nächsten Samstag aus dem Sack lassen. 2. September. Dann werden wir wissen, wann wir hier ausziehen müssen.

Seither entrümple ich wie eine Besessene meine Wohnung.
logo

Journal einer Kussbereiten

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Impressum

LeserInnen seit dem 28. Mai 2007

Technorati-Claim

Archiv

August 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
27
28
29
30
31
 
 
 
 

Aktuelle Beiträge

auch wenn du nicht "professionell"...
auch wenn du nicht "professionell" bist, musst du doch...
bonanzaMARGOT - 22. Nov, 06:41
Mit der Zeile ...
... "gratis im Privatunterricht" legst Du nahe, dass...
diefrogg - 21. Nov, 19:11
Danke, Herr Schneck,
Bei mir hat das Willkommensengagement eben erst angefangen....
diefrogg - 21. Nov, 18:18
So schön von Dir...
liebe Helga!!! Ich wollte Dich schon lange anrufen,...
diefrogg - 21. Nov, 18:10
Es ist so wichtig, dieses...
Es ist so wichtig, dieses stille und geduldige Engagement,...
schneck08 - 21. Nov, 10:58

Status

Online seit 4809 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 22. Nov, 06:45

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB


10 Songs
an der tagblattstrasse
auf reisen
bei freunden
das bin ich
hören
im meniere-land
in den kinos
in den kneipen
in den laeden
in frogg hall
kaputter sozialstaat
kulinarische reisen
luzern, luzern
mein kleiner
offene Briefe
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren