Lieblingsbild aus Venedig

Ein Tourist fotografiert die Seufzerbrücke. Ich habe das Bild am 23. Juni gemacht, als dieses Lieblings-Sujet von Venedig-Touristen gerade von der riesigen Werbung eines Modelabels eingekleidet war. Was uns Touristen animierte, es umso stürmischer zu fotografieren. Ich mag dieses Foto, weil es ein sehr Venedig-typisches und Thema von allgemeinem Interesse zur Sprache bringt: die Aneignung von Kunst zwecks Gewinn von Geld und Ruhm.
Das Mode-Label durfte die Brücke einkleiden, weil es dafür bezahlt hat: Es sponsert die Restauration des nahen Dogen-Palastes. Falls Werbung wirklich wirkt, dürfte die Firma ihren Beitrag an den Dogen-Palast längst wieder herausgeholt haben. Wo auf der Welt wird sonst Werbung von Touristen fotografiert? Für massenhafte Gratisverbreitung dieses Sujets ist mit Sicherheit gesorgt. (Ja, ich geb's zu, ich trage auch dazu bei. Ich merke deshalb hiermit an, dass ich nie Kleider dieser Marke getragen habe und deshalb nichts über ihre Qualität aussagen kann). Auch der Image-Transfer ist für das Label ganz gut, kann es sich doch mit einem äusserst massentauglichen Werk der Renaissance schmücken.
Alles in allem ist das wahrscheinlich ein anständiger Deal, bei dem alle Beteiligten etwas herausholen. Ein geradezu krimineller Akt der Aneignung von Kunst ist dagegen gleich um die Ecke zu besichtigen: in und an der Basilika San Marco. Vieles von der opulenten Innenausstattung und die vier Pferde über dem Haupttor haben sich die Venezianer in Byzanz geholt - als sie das spätere Istanbul 1204 auf einer Kreuzfahrt plünderten. Die Beutestücke stellten sie in San Marco aus. Auf dass die Welt sehe, was für eine gloriose Weltmacht die Venezianer waren. Mehmet der Eroberer soll 1453 geweint haben, als er in Byzanz einzog und sah, wie abgewirtschaftet und leergeplündert die Stadt war.
Man könnte sehr wohl behaupten, die byzantinischen Schätze in San Marco gehörten eigentlich den Türken.
diefrogg - 26. Jul, 18:34
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