10
Feb
2008

Welches Gewehr?

Ich weiss schon ziemlich viel über meinen Krimi: Ich weiss, wie der Mörder hiess. Ich weiss, wo er wohnt, wen er umbrachte und warum (was ich Euch hier natürlich alles nicht verraten werde). Ich weiss sogar, dass er sein Opfer erschiesst. Aber eins weiss ich nicht: Ich weiss nicht, welches Gewehr er benützte.
Dabei ist es wichtig, dass ich das weiss. Ich meine, einen Mord ohne plausible Tatwaffe kann man einfach nicht plausibel schildern.

Nur: Wenn es um Waffen geht, fühle ich mich immer etwas hilflos. Natürlich, ich habe auch schon Gewehre in den Händen gehabt. In der Schweiz stehen ja immer mal wieder irgendwo Gewehre herum. Da ein Sturmgewehr in einer wenig benutzten Küche. Dort ein ein alter Karabiner, ein Liebhaberstück. Aber ich habe diese Schiesseisen stets nur mit spitzen Fingern hochgehoben und gestaunt, wie schwer sie eigentlich sind. Keinesfalls habe ich angelegt und gezielt. So etwas tun nette Mädchen nicht. Noch viel weniger habe ich mir überlegt, wie sie funktionieren. Wie viele Schüsse sie abfeuern. Wie die Munition aussieht.

Aber jetzt , ja, jetzt, sollte ich wissen, mit welchem Gewehr mein Mörder sein Opfer ums Leben bringt. Zu welchem Gewehrtyp er überhaupt Zugang hat. Welche Waffe zu ihm passt. Wie viele Schüsse er abfeuert.

„Das Internet ist grossartig, wenn es um Waffenkunde geht“, sagte Kollege Haupthaar, der selber einen Krimi schreibt. „Vor allem Wikipedia. Schaus Dir mal an!“
Ich habe es mir angeschaut, und ich weiss jetzt wenigstens, wie eine Pistolenkugel durch einen Gewehrlauf schiesst, und dass Karabiner urpsrünglich für die Kavallerie gebaut wurden. Aber ich weiss immer noch nicht nicht, welches Schiesseisen mein Mörder benützen würde.

Neulich, auf dem Weg zur Stadt, sagte ich mir: „Jetzt gehst Du in so einen Waffenladen, schilderst dem Waffenhändler Deine Situation und fragst ihn um Rat.“ Doch sofort bekam ich Bedenken, denn ich trug nur eine schäbige alte Jacke. „Für einen Waffenhändler musst Du einen anständigen Mantel anziehen, sonst nimmt er Dich überhaupt nicht ernst!“ sagte ich mir. Denn eins habe ich in meinem Leben gelernt: Je merkwürdiger das Anliegen ist, das man an jemanden hat, desto besser sollte man sich kleiden, wenn man es ihm unterbreitet.

Am nächsten Tag war ich mit meinem besten Mantel in der Stadt. Aber ich traute mich wieder nicht. Ich kann Euch nicht erklären, warum.

Schliesslich redete ich mit Herrn T. Mit Erfolg. Ich habe eine Tatwaffe. Es ist unglaublich, aber wahr: In der Schweiz können Dir selbst Männer, die sich vor lauter Ärger über die Armee daraus weggehungert haben, ziemlich viel über Schusswaffen erzählen.
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Journal einer Kussbereiten

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