16
Mai
2007

Fussballchaoten

Der Text, den ich hier zum besten gebe, ist nicht ganz aktuell. Die geschilderten Ereignisse haben sich schon am vergangenen Sonntag zugetragen. Aber ich muss ihn trotzdem noch bringen. Er verstopft mir die Gedanken, und bevor ich ihn niedergeschrieben habe, kann ich nichts Neues denken.

Also hier ist er:

Sonntag, 18 Uhr. Herr T. und ich sitzen im Bus Nr. 1 von Kriens Richtung Bahnhof Luzern. Der Bus ist voll, es herrscht Hektik, schliesslich ist Sonntag und bleiernes Schönwetter, Föhnwetter: Neben uns stehen zwei dem breiten Dialekt nach waadtländische Grossfamilien in Wanderhosen. Wahrscheinlich waren sie auf dem Pilatus. An der Scheibe neben meiner Schulter surrt eine Wespe, zu der ich freundliche Distanz halte. Hinter mir sitzt ein Afrikaner.

Am Eichhof beginnt der Stau, ein hitziger Stau, nervös wie das Wetter.

Herr T. stöhnt. «Jetzt kommen wir doch noch in den Match-Stau!» Er muss mich Fussballbanausin auf Laufende bringen: Der FC Luzern hat eben gegen St. Gallen gespielt. Er hat gerade den Satz fertig, als das erste gepanzerte Polzeiauto auftaucht. In den deutschen Demo-Comics der achtziger Jahre sind gepanzerte Polizeiautos grün und heissen «Grüne Minnas». Hier sind sie blaugrau, und drin sitzen Polizisten mit weissen Helmen.

Die graublauen Minnas haben laute Sirenen, der Adrenalinpegel im Bus und auf der Strasse steigt. Die Wespe an meiner Schulter will nach draussen, findet aber die Fensteröffnung zwei Zentimeter über ihr nicht. Strohdumm, diese Wespen! Die Welschen diskutieren, die Frogg hört etwas von «fupboll» und «ültra».

Der Pilatusplatz rückt uns ins Gesichtsfeld. Hier ist der Treffpunkt der lärmenden, graublauen Minnas, und hier steigt der Lärmpegel im Bus. Denn hier wird der ganze Bus Zeuge einer unbewilligten Demo. Eine Menschenschar benutzt die Busspur als Demoroute, und die Schar ist links und rechts, hinten und vorne lückenlos zwischen behelmte Polizisten gepfercht. Wahnsinn.

Der Bus fährt im Schrittempo hinter der Demo. «Qui ont-ils joué?!» fragt der Paterfamilias der Waadtländer laut. Er will wissen, gegen wen der FC Luzern gespielt hat.

«St. Galle!» sage ich und weise augenverdrehend auf die Demo, «Mais ici, c’est les nôtres. C’est toujours les nôtres.» Auch Fussballbanausinnen wissen schliesslich, unsere Fussballchaoten sind eine Zumutung und zu jedem Blödsinn fähig!

An der Kurve beim Pilatusplatz werden wir vom Stau aufgehalten und verlieren die Demo aus den Augen. Meine Wespe sucht jetzt Rettung an der Schulter des Afrikaners, der eine blaue, stichsichere Cordjacke trägt. Ich überlege, ob ich ihn trotzdem warnen soll, da entdeckt er sie selber und jault verärgert auf.

«Wieso weißt Du eigentlich, dass das unsere Chaoten sind?» fragt Herr T.

«Sind doch immer die unseren!» brumme ich.

Jetzt sind wir immerhin schon bei der Kantonalbank, aber hier hat sich der Verkehrs auf der Kreuzung verkeilt.

Einer kämpft sich auf einem viel zu kleinen Velo mittendurch. Sein Hinterkopf kommt mir bekannt vor, und auf seinem blauweissen T-Shirt steht «Mäsi». «He, das ist Marcel Lingg!» sage ich zum Herrn T., «SVP-Grossstadtrat Marcel Lingg war am Match!»

Aber Herr T. ist schon andersweitig beschäftigt, denn jetzt halten wir am Bahnhof und die Welschen steigen aus. «Vous devez prendre un train?» fragt Herr T besorgt. Die Sorge ist berechtigt. Hier ist der Teufel los. Fussballfans, Fussballchaoten, die ganzen Sonntagsausflügler und dazwischen die Polizei. Keine Chance, hier einen Zug zu erwischen.

«No, no, on est en voiture», sagt der Paterfamilias der Waadtländer und verabschiedet sich freundlich. Naja, ob es besser ist, den Europaplatz mit dem Auto überqueren zu müssen? Erst jetzt sehen wir nämlich: Hinten, beim KKL, ist der Wasserwerfer der Stadt Luzern in Betrieb. Derjenige, über den das Parlament vor einem Jahr so heftig gestritten hat.

«Jetzt sind sicher alle froh, dass man ihn gekauft hat!» sage ich, und einer von den neuen Passagieren im Bus lacht.

Wir überqueren die Seebrücke. Der Föhn peitscht den See. Wir sind aus dem Gröbsten raus. Die Wespe an meinem Ärmel ist verschwunden. Und am nächsten Tag wird man in der Zeitung lesen: Ich habe mich geirrt: Die Demo auf der Busspur, das waren nicht die unseren! Das waren die St. Galler! Die hielten hier ihren kleinen unbewilligten Marsch ab! Flankiert von der Polizei, die sie vor den unseren beschützte. Es wird immer besser!
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Journal einer Kussbereiten

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